Routine in Sachen Herzbruch

Routine in Sachen Herzbruch

Der erste Elternabend im Kindergarten. Noch bevor Frau N. das Video abspielt, spricht sie eine kurze Einleitung. Sie sagt, dass einige Kinder sehr häufig zu sehen sind, einfach weil sie sehr präsent sind. Dafür würden andere Kinder eben weniger auftreten – was natürlich nicht hieße, dass die Erzieherinnen sie nicht sehen. Ich höre ihr zu, schaue sie dabei an und versuche, in ihrem Gesicht abzulesen, ob ich mich angesprochen fühlen soll. Wobei – eigentlich auch egal. Ich tue es ja eh. Lange bevor sie endlich den „Play“ Knopf drückt, weiß ich, dass ich Bubba Ray im Film über die Zeit der Kinder im Kindergarten nicht oft erblicken werde. Ich stütze das Gesicht auf die Hand und den Ellbogen aufs Knie und halte Tränen zurück.

Licht aus, Spot an.

Der Film läuft. Ich sehe den 3- und 4-jährigen zu, wie sie in der Turnhalle ein Hexenspiel spielen, durch Hoolahoop-Reifen springen, mit Tüchern tanzen. Im Hintergrund laute Kindermusik aus einem CD-Player. Nächste Sequenz: im Bauzimmer bauen vier oder fünf kleine Jungs komplizierte Gebilde aus 3D-Bausteinen und wenn es Konflikte darum gibt, kümmert sich Frau N., die Stimme aus dem Off, hinter der Kamera. Die Mädchen sitzen am Maltisch, basteln oder spielen ein Gesellschaftsspiel. Da vorne toben ein paar ältere Jungs, schubsen und rangeln und in der Bücherecke sitzen zwei kleinere Kinder auf dem Schoß von Frau G.

Irgendwann entdecke ich endlich Bubba Ray. Er spielt abseits, mit immer wieder dem einen gleichen Jungen. Baut eine Höhle, versteckt sich, dreht sich weg wenn die Kamera kommt. „Manche Kinder sieht man auf dem Video jetzt weniger. Vielleicht weil sie nicht da waren oder einfach weil sie in den Situationen, die wir gefilmt haben, gerade nicht präsent waren.“ So der Satz der Frau N. Aber ich weiß, dass beides nicht zutrifft.

 

Mein Orchideen-Kind

Seit zwei Jahren beschäftige ich mich nun mehr mit seiner, meiner, unserer Hochsensibilität und erfahre immer mehr Klarheit, solange ich darüber lese. Und immer, wenn ich das Gefühl habe, ich habe ihn gerade kapiert, gerade verstanden, was zu tun ist – da kommt ein neues Level. Vor diesem Fernseher in großer Runde zwischen allen anderen Eltern zu sitzen und zu sehen, dass mein Kind, mal wieder, nicht tut – nicht tun kann! – was andere Kinder tun, zerreisst mir mein Herz. Zum wiederholten Male. So oft, wie mir das in den letzten fast vier Jahren passiert ist, sollte ich eine gewisse Routine in Sachen Herzbruch haben. Hab ich aber nicht. Genauso wenig wie er eine Routine in diesem verdammten Kindergarten entwickelt, obwohl er seit drei Monaten hingeht.

Die Eltern kichern, wenn sie ihre Kinder spielen sehen. Sie halten Händchen, als ein Mädchen zu einem Kinderlied mit einem Tuch durch die Halle tänzelt. Diese Familien sind stolz, glücklich. Ihre Kinder haben hier einen ganz normalen Alltag und nun sind sie beruhigt, weil sie wissen, dass sie es sein können. Ich kichere nicht, ich bin gar nichts. Mein Mann ist nicht da, er ist Zuhause bei den Kindern, weil sie sonst keiner betreuen kann, denn seit Bubba in den Kindergarten geht, ist wieder nichts mit mal wo anders bleiben. Außerhalb der Kindergarten-Öffnungszeiten heißt es: 100% Mama oder Papa. Die Stunden am Vormittag sind Anpassungsleistung genug. Und ich sehe mir den Film an und bin berührt. Nur leider nicht positiv.

 

Routine in Sachen Herzbruch
Routine in Sachen Herzbruch

 

Be still, my heart.

Denn wahrhaftig hoffe ich bei jedem Szenenwechsel, ihn endlich mal zu sehen. Wie er lächelt und hüpft und baut und malt und singt und tanzt. Das ist meine bescheuerte kleine, naive Hoffnung, dieses dumme Herz, das sich immer wieder meldet, weil es einfach verdammt nochmal nicht aus den Verletzungen und Kränkungen lernt – nee. Weil es tatsächlich immer noch hofft, nach allem, was ihm selbst passiert ist, dass es Bubba anders ergehen würde. Dass die tausend Ratgeber, die Coachings, die Gruppen, das Wasser auf Windmühlen für eine Gesellschaft, in der sensible Kinder gern gesehen sind und nicht ständig ihre kleinen Rücken zu Buckeln machen müssen, all meine Texte – dass all das für IHN irgendetwas verändern würde. Doch das tut es nicht. Nichts tut das je.

Für ihn ist die Welt weiterhin zu laut, zu schnell, zu bunt. Er braucht weiterhin viel, viel mehr. Zeit, Geduld, Liebe, Ruhe, Ausgleich. Mich. Ich will ihm all das geben und ihn dennoch nicht isolieren. Will ihn schützen und bewahren vor den dummen Sprüchen und den Erwartungen der Menschen da draußen, die der Meinung sind, man müsse durch irgendwas irgendwie immer durch – und will doch nicht sein Leben führen. Der Film zeigt mir ganz klar: es ist SEIN Leben und er wird all diese Erfahrungen machen, wenn ich ihn nicht in einen Keller sperre. Weil die Welt eben so ist, wie sie ist. Und weil er ist wie er ist. So wie ich.

Ich selbst bin noch immer bedürftiger, als meine gleichaltrigen Mitmenschen. Und nichts hat mir das je ausgetrieben. Nicht das Durchhalten und „da durch müssen“ in Kindergarten und Schule, nicht das „Jetzt stell dich nicht so an“ von Anderen. Und jetzt, als hochsensible Mutter mit hochsensiblem Kind – da bricht dir das Herz halt einfach jede Woche einmal. Zum Beispiel, weil die Welt ein echt beschissener Ort für sensible Kinder ist. Oder, weil du dir ein Video aus dem Kindergartenalltag ansehen musst, dessen Titel auch gut und gerne lauten könnte: „Dein Kind ist hier, weil er muss. Nicht weil er will. Irgendwann wird er einfach alt genug sein, um resigniert zu haben. So wie du damals.“

 

Routine in Sachen Herzbruch

Der Film ist zu Ende und keiner zückt Taschentücher. Für alle ist, was sie gesehen haben, ganz normal. Das ist es für mich in gewisser Weise auch: ich hatte nichts anderes erwartet. Doch ich hatte etwas anderes gehofft. Mein dummes Herz hatte für wenige Sekunden einen Anflug von Hoffnung, dass es Bubba Ray tatsächlich bis tief ins Mark gefallen würde. Aber es ist weiterhin maximal Okay. Keine Strafe, kein Leid – aber eben auch nicht voll geil. Er ist immer ein wenig leiser als die anderen, immer ein wenig mehr abseits, immer ein wenig bockloser. Und nichts wird das ändern; kein Durchhalten, keine klugen Sprüche und wie ich heute weiß: auch keine Routine.

Vielleicht ist es meine Erfahrung mit den seelischen Verletzungen und diesem bekackten Gefühl, sich nicht so anzustellen, nicht gut zu sein, sich doch bitte anzupassen, dass mich diesen Film nicht genießen lässt. Denn ich sehe ihm zu, sehe in sein Gesicht auf dem Fernseher und obwohl Frau N. die Pausetaste gar nicht drückt, sehe ich immer wieder nur dieses eine Bild vor meinem geistigen Auge: das blässliche Gesicht meines Kindes, das hoch intelligent und hoch introvertiert ist, das mitspielt um sich die Zeit zu vertreiben – und das vermutlich im Kopf, hinter dieser blassen Fassade, die Minuten zählt.

Bis ich ihn wieder abhole.

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