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Schläft er denn schon durch?

Wir kategorisieren, katalogisieren, sortieren. Nutzen Excel, nutzen Etiketten, nutzen Ordner.
Wir haben Schlagwörter, Suchbegriffe, Überschriften.

Wir teilen gern ein, in Kisten und Schubladen. Wir ordnen unsere CDs und Schallplatten chronologisch und die Bücher alphabetisch. Wir registrieren unsere technischen Geräte. Und unsere Daten in Verzeichnissen.

Es fällt den meisten Menschen schwer, nicht in Kategorien zu denken oder in Schubladen einzusortieren. Auch als Mutter wird man sortiert. Wer gut, viel und ständig aufpasst, ist Helikopter-Mutter. Wer das Kind allein die Rutsche rauf klettern und zu schnell Karussell fahren lässt, ist Laissez-faire oder Rabenmutter. Wer arbeitet ist Working Mom, wer nicht arbeitet ist Vollzeit-Mutter und sonst nix.
Unsere Kinder sind Flaschenkinder, Stillkinder, Schreibabys, 24-Stunden-Babys, Tragebabys, Schnullerbabys, sie sind im Krabbelalter, im Sitzalter, im Laufalter, ab so-und-so-vielen Monaten gibt’s Beikost, ab Tag X den Buggy, ab jetzt Töpfchentraining, ab jetzt Schnuller weg, ab jetzt ins eigene Bett.

Ich bin seit gut 2 Jahren Mutter und da ich mit meinem Sohn viele Krabbelgruppen oder Babymassagekurse besucht habe, habe ich uns oft vorstellen müssen. Mir fiel es schwerer als den meisten, da ich mein Kind nie irgendwo einsortieren konnte und wollte. Er war anstrengend und fordernd aber kein 24-Stunden-Baby, er brüllte Tage und Nächte durch wenn er einen neuen Zahn bekam, war aber kein Schreibaby. Er wurde gestillt, bekam aber auch mal abgepumpte Milch aus der Flasche. Er hatte nie einen Schnuller, nuckelte aber passioniert auf meinem kleinen Finger rum. Er war von allem ein bisschen und doch von nix so richtig was.

Nur in einer Sache war er ganz entschlossen: er schlief nicht durch. Und das war das witzige, denn von allen Fragen, die ich im ersten Lebensjahr gestellt bekam, war folgende Frage die am häufigsten gestellte: „Und, schläft er schon durch?“

Es schien mir, als würde es alle Menschen, die ich traf und kennenlernt0e, mehr stören, dass er nicht schlief, als mich selbst.

Es gibt faktisch viele bedeutende Gründe, die gegen ein Durchschlafen im ersten Lebensjahr sprechen.

Nächtliche Mahlzeiten machen schlau, denn Muttermilch ist gut für das Immunsystem und Gehirnwachstum. Es stärkt die Abwehr und die Intelligenz. Ganz davon abgesehen nehmen Kinder, die nachts noch eine Portion futtern mehr Kalorien zu sich und arbeiten also parallel an Wachstum und Vitalität.

Das regelmäßige Wachwerden in der Nacht schützt das Kind davor, in einen zu tiefen Schlaf zu fallen, bei dem die Sauerstoffsättigung der noch nicht vollends ausgereiften Lungen in bedrohliche Grenzbereiche fällt oder das Atmen sogar vergessen wird.

Bei häufigem Wachwerden vergewissert sich das Neugeborene stets nach der Anwesenheit und Nähe seiner Mutter, ohne die es – das weiß es instinktiv – schlichtweg aufgeschmissen wäre. Das stärkt das Urvertrauen, schafft Bindung und es entsteht Selbstsicherheit und eine starke Persönlichkeit.

Nächtliches Stillen, Aufwachen in der Nacht, die ausbleibenden komatösen Tiefschlafphasen, verringern das Risiko des plötzlichen Kindstodes (Sudden Infant Death Syndrom; kurz SIDS) um 50 Prozent.

Die Frage nach dem Durchschlafen beantwortete ich also mit einem einfachen „Nö“.

Tatsächlich aber fühlte ich mich oft genug beleidigt. Denn Durchschlafen ist in unserer Gesellschaft gleichbedeutend mit einer erbrachten Leistung, mit guter Erziehung, mit einem funktionstüchtigen Kind. Ich war absolut begeistert von der bombastischen Entwicklung meines gesunden Kindes – dass die Tatsache, dass er keine 15 Stunden am Stück schlief seine Perfektion nun schmälern sollte, war mir unbegreiflich. Für mich war er deswegen nicht weniger gut.

Durchschlafen ist für mich nicht wichtig. Wie viele Erwachsene schlafen denn wirklich konsequent durch? Wie viele Erwachsene kennt man, die niemals nachts zur Toilette müssen, niemals Durst haben, niemals gedankenwälzend wach liegen, nicht abends noch 2-3 Stunden fern sehen um die Geschehnisse des Tages zu verpacken, runter zu kommen, zu entspannen? Ich kenne keinen, der monatelang nie nachts wach wird aus mindestens einem der genannten Gründe oder lediglich 15 Minuten zum einschlafen braucht, ohne eine „Cool Down“-Phase nach einem harten Tag, so wie wir es von unseren Kindern meinen verlangen zu müssen.

Wieso ist Schlaflosigkeit in der Schwangerschaft eine so häufig auftretende Begleiterscheinung? Weil die Natur clever ist, cleverer als wir und der Mutter so signalisiert, dass sie sich besser mal vorbereitet auf die schlaflosen Nächte, die sie zur Ernährung und Stärkung ihres Nachwuchses benötigen wird. Mit Schlaflosigkeit in der Schwangerschaft zu einem Arzt oder der Hebamme oder zu sonst wem zu gehen, kann man sich sparen. Es wird als so normal und unproblematisch gewertet, dass es kaum ein Mittel gibt, das ernsthaft jemand als „Lösung“ vorschlagen würde. Es gibt Akupunkturpunkte, die stimuliert für einen besseren Schlaf sorgen, ja. Für Schwangere, die unter weit schlimmeren Beschwerden leiden, ist das ein Strohhalm und sicher nicht zu verachten. Vor den bevorstehenden Nächten mit Baby im Arm oder an der Brust können die einen jedoch nicht bewahren.

Aber es fällt uns schwer, das zu akzeptieren, denn Schlaflosigkeit kann uns in den Wahnsinn treiben. Je nachdem wie sich diese äußert. Ein Stillkind, das eigentlich gut schläft und sich nur hin und wieder zum Trinken meldet wird die Mutter nicht so schaffen, wie ein Baby, dass neben dem Stillen Stunden am Stück in der Tiefe der Nacht getragen, besungen, geschunkelt werden will. Das zehrt an den Kräften, zermürbt und kommt in die Schublade „Falsch“, „Das muss doch anders gehen“, „Irgendwas stimmt da nicht“ und „Daran müssen wir arbeiten“.

Im besten Fall helfen Heilpraktiker oder Literatur zum natürlichen Verhalten von Säuglingen, deren Kommunikation und wie diese zu deuten ist.

Im schlechtesten Fall greifen verzweifelte Mütter und Väter zu Schlaflerntrainings. Diese implizieren Eltern und Außenstehenden nicht nur, dass etwas mit ihrem Kind nicht in Ordnung ist, sondern nehmen dem Kind auf barbarische Weise auch noch alle oben genannten Vorteile, die sich die Natur – wohlgemerkt nicht ich! – ausgedacht hat, weg. Aus völlig durchschnittlichen, normalen Kindern mit dem Recht darauf, nicht durchzuschlafen so wie es – behaupte ich jetzt mal – mindestens die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung auch nicht tut (oder nicht tun kann), werden Problemkinder. Schublade auf, Kind rein, Schublade zu. Und beim nächsten Treffen auf dem Spielplatz wird kleinlich und mit Fachbegriffen erörtert, wieso genau dieses Training so bitter nötig war. Denn die Leonie/Marie/Carlotta/Anna war ein XY-Kind. Jetzt, nach dem Training, sei es selbstverständlich viel besser.

Für den Moment hat Kind XY es also raus geschafft, aus der Schublade des manipulativen Tyrannen, der U1 nichts anderes im Sinn hatte, als seine Eltern um Schlaf, Freiheit und Geistesverstand zu bringen. Wenn die Langzeitfolgen der verpassten Chancen aus einer Sache, die viel zu schnell den Stempel „PROBLEM“ aufgedrückt bekam, auftreten und ein Baby, das Schreien musste, das Einsamkeit, panische Angst, und Verlassenwerden kennenlernen musste, das lernte, dass Mama und Papa eben NICHT da sind wenn es ruft, bittet, bettelt und weint, wenn ein solches Kind plötzlich zu einem ängstlichen oder aggressiven Kind wird, depressiv oder immer wütend, eines das nie weint wenn es hinfällt oder vielleicht sogar immer nur weint – dann, ja. Dann ist es zu spät um das erste Jahr, das kurz, knackig, anstrengend, zermürbend, zerreißend, zum Heulen, manchmal zum Schreien, aber ganz sicher prägend ist, zu wiederholen.

Ich will nicht sagen, dass das erste Jahr darüber entscheidet, ob mein Sohn nun mal ein liebevoller oder ein bindungsgestörter Mensch wird, aber ich behaupte, dass es viele aufeinander aufbauende Phasen gibt, die aus uns Menschen das machen, was wir irgendwann sind und sein wollen. Und wenn diese Zeit des ersten Jahres, in der es nur und ausschließlich um Instinkte und Bedürfnisbefriedigung geht, davon geprägt ist, aus einem unschuldigen Baby etwas zu machen, das noch vor der möglicherweise ersten Impfung als falsch und behandlungswürdig gilt, dann, so behaupte ich weiter, wird die nächste Stufe der Entwicklung vielleicht nicht zu einem besonders starken, selbstsicheren, gut gebundenen Kind führen, sondern zu einem in der Luft hängenden, Richtungslosen kleinen Menschen, der noch vor seinem ersten Schritt gelernt hat, das was mit ihm nicht stimmt.

Im ersten Lebensjahr kann man ein Baby nicht verwöhnen und nicht erziehen. Und darüber hinaus wollen und können sie uns nicht manipulieren. Mit welcher perfiden Rechtfertigung es allerdings erlaubt ist, das Kind zu manipulieren, an ihm rum zu werkeln und aus ihm etwas anderes zu machen als es ist, weil man exakt das nicht für sich selbst möchte, verstehe ich nicht. Aber gebt euch keine Mühe, ich WILL es auch gar nicht verstehen.

Mein Sohn ist nun 23 Monate alt und turnt nachts manchmal noch immer durch unser Familienbett. Das Nachbarskind, 4 Jahre alt, übrigens auch. Der einzige Unterschied: ich habe kein Schlaflerntraining durchgezogen und werde es auch nicht tun. Die Nachbarn schon. Wie erfolgreich das langfristig also war, muss an dieser Stelle nicht näher erläutert werden.

Es gibt viele Nächte, in denen mein Sohn zuverlässig durchschläft und viele, in denen er es nicht tut. Er findet nicht so leicht zurück in den Schlaf, wenn er einmal wach ist. Aber nie, zu keinem Zeitpunkt, haben wir ihn deshalb unter Druck gesetzt. Und deswegen liegt er nun nachts neben uns und versucht es zumindest so gut er kann. Er hat das Prinzip verstanden und möchte uns weder verärgern noch manipulieren. Er besitzt die Fähigkeit einfach noch nicht. Dass er nicht alle Wörter richtig ausspricht, aber sehr bemüht ist, sie so gut wie möglich zu wiederholen, nimmt ihm ja auch keiner übel. Oder dass er versucht sich die Zähne zu putzen, wir aber nach putzen müssen, weil er die Fähigkeit noch nicht besitzt, in die hintersten Ecken zu kommen, bemängelt ja auch keiner. Ich werde nie auf dem Spielplatz gefragt ob er schon fehlerfrei „Bauarbeiterpausenbrot“ buchstabieren oder sich alle Backenzähne selber reinigen kann. Aber Durchschlafen, das ist wie gerade sitzen, Bitte und Danke sagen und gute Noten in Mathe schreiben.

So sortieren jetzt alle Leser mein Kind also in eine Schublade. Er ist ein Tyrann, er will mich manipulieren, will nur seinen Willen bekommen und gehört ins eigene Bett, ins eigene Zimmer, Licht aus, Tür zu, Diskussion beendet. Alles andere ist falsch, werde ich bereuen, wird aus ihm einen Psychopathen machen. Ich lächle müde darüber und bemühe an dieser Stelle wieder meinen Lieblingsspruch: „Jeder versaut sein Kind so gut er kann“.

Aber wenn ich an den nächsten Spielplatzbesuch denke, an die Mütter, die ich im nächsten Babymassagekurs kennenlerne, an die Diskussionen in Internetforen oder Mütterzentren, dann wünsche ich mir eigentlich nur ein Umdenken. Weg davon, Kindern schon im Wochenbett einen Charakter zu unterstellen, den sie ein Jahr später abgelegt haben können. Weg davon, Kinder in Förmchen und Schubladen zu pressen, anstatt sie sein zu lassen. Weg davon, durch so hoch gelobte Erziehung aus den kleinsten Menschen schon unperfekte, änderungsbedürftige Wesen zu machen. Weg davon zu suggerieren, dass ein Kind niemals fertig, ok, gut so sein kann, wie es geboren wird.

Weg davon, Arbeitstitel, Überschriften und Schlagwörter zu finden.

Ich gehe auch heute Abend wieder früh ins Bett, denn ich nehme an, dass mein unperfekter, unfähiger, tyrannischer, manipulativer Sohnemann mich heute Nacht vielleicht wieder davon abhalten will, Nachtruhe zu halten. Aus so frechen, unverständlichen Gründen wie dem Wunsch nach einer frischen Windel, einem Schluck Wasser oder (Schock schwere Not!) meiner Nähe.

Vielleicht klingt dieser Beitrag so, als würde mein Sohn immer Schokolade und Lollies bekommen, wenn er nur laut genug brüllt oder mit dem Fuß aufstampft. Und als würde mein Mann im Keller schlafen, damit ich mehr Platz habe, um mit meinem Sohn zu kuscheln. Die Wahrheit ist: all das ist nicht nötig, denn mein Sohn stampft mit keinem Fuß auf, um seinen Willen zu kriegen, sondern diskutiert und bittet eher. Er hat verstanden, wie man ans Ziel kommt und auf wen er sich verlassen kann und muss um seine Bedürfnisse befriedigt zu wissen.

Vielleicht kommt die Message aber auch rüber. Falls nicht, hier nochmal zusammen gefasst, worum es mir geht: lasst eure Kinder doch einfach mal in Ruhe die sein, die sie sein wollen.

Ihr werdet überrascht sein, wie viel quasi im Schlaf funktioniert.

Sofern sie euch schlafen lassen… 😉

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