Mehr Schnuller als Kind. Quelle: pixabay.de

Schreien ist nicht gleich schreien lassen – Schnuller-Gebrauchsanweisung und Richtigstellung

Neulich in der Krabbelgruppe: während ich D-Von und unsere sieben Sachen verpacke, spricht mich eine andere Mama an: „Aber sag mal“, sagt sie, „du bist doch nicht PER SE gegen Schnuller-gebende, Kinderwagen-schiebende Mütter oder doch?“

Mit steigender Reichweite des Blogs kommt es nun immer häufiger vor, dass ich auf meine Texte angesprochen werde. In den meisten Fällen und auch in diesem freut mich das sehr – klar! Ich schreibe, um gelesen zu werden und nicht für den dunklen Keller, ich wünsche mir einen ehrlichen Austausch und eine faire Diskussion und das erreiche ich auch bisher. Aber jetzt, hier, 10 Frauen um mich rum, ich der einzige anwesende Öko-Hippie – muss doch nicht sein.

Doch muss es, denke ich, sonst musst du die Bloggerei wohl sein lassen. Wer seine Gedanken offen ins Netz schreibt, muss mit Austausch rechnen. Also, was meint die Mama? Sie meint meinen Mini-Rant auf Schnuller-gebende, Kinderwagen-schiebende Mütter, den – by the way – nicht nur sie falsch verstanden hat.

Dieses Blog existiert NICHT, um irgendjemandem das Gefühl zu geben, er oder sie sei ein besseres Elter, WEIL er oder sie anfängt zu tragen oder zu stillen oder im Familienbett zu schlafen – nö. Dieses Blog ist NICHT dazu da, um irgendjemandem das Gefühl zu geben, er oder sie sei ein schlechteres Elter, WEIL er oder sie all diese Dinge eben NICHT tut.

Dieses Blog stellt NICHT die beste Mutter der Welt dar, denn das bin ich nicht.

Bubba Ray war als hochsensibles Baby – andere würden es Schreibaby oder 24-Stunden-Kind oder High-Need-Baby oder wasauchimmer nennen – fordernd und anstrengend und das meist rund um die Uhr. Wir hatten schon in der Kliniktasche Schnuller dabei, weil ich damals nämlich weder Stillberaterin noch Zweifachmutter war, so wie heute, und selbst als Kind einen Schnuller bekommen hatte. Das Ding gehörte zum damaligen Zeitpunkt zu der Grundausrüstung, sozusagen. Also nahmen wir zwei Schnuller mit ins Krankenhaus und stopften ihm schon am zweiten Tag „zur Beruhigung“ das Teil in den Mund, kurz nach der U2, als er beim Blutabnehmen brüllte, als würde es um sein Leben gehen (was er vermutlich auch so empfand). Allerdings war mein Sohn – dafür ist er ja bekannt – auch in diesem Punkt und auch mit seinen 2 Lebenstagen tausend mal klüger als ich und spuckte es mir einfach nur entgegen. Und so tat er es auch bei allen anderen zwei Millionen Versuchen in den folgenden Monaten. Ich hatte also ein sehr viel schreiendes, sehr schlecht schlafendes, sehr unruhiges, sich nicht selbst beruhigendes, lautes, forderndes Baby. Eines, das keinen Schnuller nahm, den Kinderwagen nicht akzeptierte, nicht alleine schlief – wenn es denn überhaupt mal schlief – und auch sonst keine der vielen Baby-Ratgeber gelesen hatte, die ich gelesen hatte, um mich vorzubereiten. Jetzt, 2,5 Jahre später, nachdem ich jeden Entwicklungsschub, jeden einzelnen Zahn, jeden einzelnen Zentimeter, den er gewachsen ist, jede beängstigende Situation, jede Prüfung, jeden Sturz, jedes Großwerden OHNE SCHNULLER mit ihm durch habe, sage ich euch eins:

Eltern mit Schreikindern / Hochsensiblen Kindern / High-Need-Kindern haben echt besseres zu tun, als sich darüber Gedanken zu machen, ob ihr Kind denn nun einen Schnuller kriegen soll oder nicht. Das Entscheidende ist, DAS KIND ZU BERUHIGEN, egal wie. Und noch viel weniger scheren wir Eltern von diesen Kindern uns doch darum, ob andere Kinder einen kriegen sollen, oder nicht.

Ich weiß das, denn auch heute würde ich meinem „High-Need-Baby“ immer wieder einen Schnuller anbieten und das sage ich sogar als Stillberaterin. Dass er ihn abgelehnt hat, ist wieder eine ganz andere Sache. Aber Leute, ganz ehrlich? Ob ihr eurem Kind einen Schnuller geben wollt oder nicht, kann mir doch ganz egal sein und ich verspreche, das ist es mir auch! Denn es kommt viel viel viel weniger darauf an, OB ihr einen Schnuller anbietet, sondern viel mehr darauf, WIE damit umgegangen wird.

Und damit meine ich, dass das Ding aus Plastik und Silikon oder Kautschuk, selbst wenn die Industrie es treffenderweise als „Beruhigungssauger“ betitelt, niemals – und das war auch der Grund meiner Aufregung – wirklich niemals die elterliche Geborgenheit ersetzt und niemals so schön trösten und eben beruhigen kann, wie Mama und Papa. Aber fangen wir doch mal von vorne an.

Als angehende Stillberaterin, noch mehr aber als passionierte Selbst-und-ohne-Hilfsmittel-Trösterin versuche ich mich mal in einer Gebrauchsanweisung für den Schnuller:

Saugverwirrung

Saugverwirrung ist in meinen Augen kein Mythos. Ich denke, es gibt sie und auch wenn ich keine „live“ miterlebt habe, bin ich der Meinung, dass das Risiko einer Saugverwirrung immer über dem Bedürfnis der Eltern nach Ruhe und einem nicht-schreienden Baby steht. In den ersten Lebenswochen ist ein Schnuller für mich daher (persönlich!) das absolute No-Go. Und zwar erst seit meiner Ausbildung zur Stillberaterin. Ich setze nicht voraus, dass jede werdende Mutter der Welt das automatisch weiß, woher denn?  Trotzdem empfehle ich stillenden Müttern, sich über solche Dinge zu informieren und damit ihr eigenes Stillen möglichst lange zu schützen. Wer jetzt einen Passus zurück scrollt liest, dass ich bereits Schnuller mit in der Kliniktasche hatte. Und ja: eben! Ich bin nicht die beste Mutter auf der Welt, nicht unfehlbar, ich wusste es nicht besser und hatte letzten Endes G L Ü C K, dass mein Kind das Ding nicht nahm bzw. keine Saugverwirrung riskiert wurde, die wirklich sehr bedrohlich für das Stillen sein kann, ja, es der jungen Mutter und ihrem frisch geborenen Baby tatsächlich sogar versauen kann. Also verzichtet in den ersten Wochen (Richtwert: mindestens Wochenbettzeit!) darauf, auch wenn es anstrengend sein mag!

 

Saugbedürfnis

Babies haben ein starkes Saugbedürfnis, dieses wiederum ist zwar bei allen Kindern unterschiedlich stark ausgeprägt, aber es ist da, unumstritten. Vollgestillte Kinder sollten theoretisch ihr Saugbedürfnis an der Brust decken, dazu sind aber einige Faktoren nötig. Der Wichtigste ist der, dass die mütterliche Brust eben auch praktisch rund um die Uhr verfügbar ist und das Kind also immer dann das Saugbedürfnis stillen kann, wenn es eben aufkommt. Und das ist, gerade kurz nach der Geburt, wirklich oft. Wenn es zum Beispiel das erste Kind ist, also keine weiteren Kinder zu versorgen sind, dann spricht eigentlich nichts dagegen, sich so oft und so lange mit dem Baby ins Bett zum Stillen zu legen, wie es das verlangt. Und gestillte Bedürfnisse, das wissen wir ja, verschwinden irgendwann von allein. Soll heißen: spätestens, wenn der Wunsch, die Welt zu entdecken, größer wird als Gebärmutterheimweh, wird das ständige Nuckeln an der Brust von allein weniger. Mehrfacheltern können lernen, in der Tragehilfe oder im Tragetuch zu stillen oder nuckeln zu lassen, das Baby konstant am Körper zu haben und sich trotzdem um die anderen Kinder zu kümmern, das erfordert aber ein wenig mehr Skills. Möglich ist es trotzdem. Oder aber sie geben einen Schnuller und nutzen ihn richtig und achtsam – dagegen spricht nichts!

 

Der Schnuller zu Beruhigung

Schnuller aka Beruhigungssauger. Das Wort müsste abgeschafft werden, denn das Etikett „BERUHIGUNGSsauger“ scheint ein Freifahrtsschein zu sein, dem weinenden / schreienden Kind den Schnuller zur Beruhigung anzubieten. Aber ein weinendes, schreiendes Baby oder Kleinkind (High-Need, hochsensibel oder eben nix davon – das ist bei allen dasselbe!) braucht kein Kautschuk, Silikon oder Plastik zur Beruhigung, sondern ein Elternteil. Tröstende Worte, warme Umarmung, anerkennendes Mitgefühl. Wenn ihr euren Kindern gern einen Schnuller anbieten möchtet, dann sollte die Reihenfolge immer sein: erst trösten, das weinende Kind AUSHALTEN (!!!), zuhören und erst nachdem das Weinen weniger wird einen Schnuller anbieten – so wie man auch ein Kuscheltier oder Kuscheltuch anbieten würde. In unserer Gesellschaft sind schreiende Kinder peinlich – kennt ihr auch, oder? Leute, die immer glotzen und stehen bleiben und vermutlich denken, man habe als Elter vollkommen versagt, weil das Kind hingefallen ist und schreit anstatt sich mal nicht so anzustellen, ne? K O K O L O R E S. Aber lest mal bei Lisa, die hat alles dazu gesagt, was es zu wissen gibt. Jedenfalls sind schreiende und weinende Kinder weder peinlich noch unangenehm, sie sind Teil unserer Gesellschaft und haben nach dem Hinfallen und sich wehtun eben etwas zu erzählen. Das gleiche gilt für weinende Kinder, die die Anwesenheit ihrer Mutter einfordern, sich einsam fühlen, die Angst haben, denen es zu kalt oder zu warm oder zu sonstwas ist. Es ist ihre Form der Kommunikation und es gibt keinen Grund, mit Schnuller im Anschlag für Ruhe zu sorgen, BEVOR man sein eigenes Kind tröstend in die Arme geschlossen hat! Absolut keinen. Und alle Menschen, die sich von meinem Text also verurteilt fühlten, nur weil sie Schnuller geben, lesen nun, nach dieser genauen Erklärung den anderen Text nochmal, bitte 😉

 

Der Schnuller zum Einschlafen

…ist in meinen Augen legitim, WENN er richtig genutzt wird. Letztendlich war es bei D-Von auch der Knackpunkt und der Grund, weshalb er nach ca. 3 Lebensmonaten einen Schnuller zum Einschlafen bekam. Einschlafstillen lehnte er rigoros ab. Aus meiner Brust kamen ständig immer mal wieder einige Tropfen Milch, er aber wollte nur nuckeln. Und egal wie oft er eingeschlafen war, die störende Flüssigkeit weckte ihn. Obwohl ich mich wehrte, ihn trug und nuckeln ließ, meinen Finger zum Nuckeln anbot – irgendwas war immer. Mit 22 Monate altem Kleinkind konnte ich leider auch nicht 12 Stunden am Tag auf einen meiner kleinen Finger verzichten, die er als Schnuller missbrauchte. Und so bekommt er kurz nach dem Stillen einen Schnulli zum Nuckeln, den er behält bis er tief schläft und den ich ziehe, wenn ich aufstehe. Das klappt hervorragend, auch wenn es ein wenig Training bedarf, aber ist tausend Mal besser als wenn das Kind die Nacht mit einem Plastikding im Mund verbringt. Das nächtliche Nuckel-Bedürfnis stillt er natürlich beim Stillen im Familienbett. Nachts gibt’s keinen Schnuller. Nö. Und.es.klappt.

 

Was ich also tatsächlich ablehne…

…sind WEDER Schnuller-gebende Mütter noch Kinderwagen-schiebende Väter. Ich lehne nichts dergleichen ab, ich bin weder die Supermutti, die überhaupt in der Position wäre, über die Systeme und Modelle anderer Familien zu urteilen, noch die tip-top-alles-im-Griff-habende-Bilderbuch-Mama, die euch jetzt mal zeigt, wie das geht. Ganz im Gegenteil.

Ich lehne ab und zwar aus allertiefstem Herzen, Kinder schreiend, weinend, ohne Trost, ohne warme Worte, im Buggy fixiert mit Schnuller an der Kette, der einfach immer wieder reingestopft wird, durch die Gegend zu schieben, ANSTATT sie herauszunehmen, zu tragen – wie es ihrem Naturinstinkt entspricht -, zu wiegen – was Stress und Anspannung nachweislich abbaut -, und ihnen liebevoll und in Geborgenheit einen sanften Übergang in den Schlaf zu ermöglichen – meinetwegen auch mit Schnuller.

Ich bin Mutter, ich bin Bloggerin, wir leben bindungsorientiert, unerzogen und dann auch noch vegan und ich weiß ganz genau, wie das wirkt. Und eins weiß ich auch noch ganz genau:

Ich bin keinen Deut besser als irgendwer anders und es ist auch nicht meine Absicht, das mit meinen Texten zu vermitteln.

Jede Familie macht ihr eigenes Ding und das ist auch gut so. Es ist nicht wichtig, was ich von euch denke, es ist wichtig, was eure Kinder von euch denken und ganz ehrlich: ich glaube, dass es auf der Welt sehr viel weniger Kinder gibt, die heute Erwachsene sind, die ihren Eltern vorwerfen, dass sie einen Schnuller bekommen haben und im Kinderwagen geschoben wurde, anstatt im Tragetuch getragen zu werden, als es Erwachsene gibt, die damit zu kämpfen haben, dass sie als Babies schreien mussten, dass es ihnen an Geborgenheit mangelte, dass sie vermeidbare Dinge haben aushalten müssen, ohne Trost und Anerkennung.

Ich wünsche mir von meinen Texten nicht, dass bindungsorientierte Eltern, deren Kinder an Schnuller gewöhnt sind und im Kinderwagen geschoben werden, sich kritisiert fühlen und nach meinem Artikel denken, sie haben etwas „falsch“ gemacht – nee Leute, ihr ward nicht gemeint!

Ich wünsche mir von meinen Texten, dass Eltern, deren ein gesellschaftliches Angepasstsein ihrer Selbst und ihrer Kinder wichtiger ist, als eine liebevolle Begleitung, deren alte Erziehung noch so sehr nachhängt, dass ihnen ein „Stell dich nicht so an“ oder ein „Jetzt schlaf doch einfach“ eher über die Lippen rutscht als ein „Ich bin hier!“ oder ein „Ich halte dich fest, bis du schläfst!“, die seltener hinterfragen, welche Bedeutung das Teil aus Kautschuk denn nun eigentlich wirklich haben soll, sich angesprochen fühlen und in den nächsten Situationen doch vielleicht noch einmal kurz überlegen: wann habe ich mein Kind das letzte Mal an mich gekuschelt, getragen, auf die Stirn geküsst und es in den Schlaf gewogen und wie oft werde ich noch die Möglichkeit haben?

Braucht mein Kind meine Nähe oder einen Schnuller?

Was verunsichert mein Kind so sehr, dass es gerade nicht einfach einschlafen, loslassen kann?

Was wird mein Kind von mir und dem Schnuller denken? Soll es denken, dass der Schnuller zur Beruhigung da ist und nicht ich?

Es ist schade, dass die Message nicht so ganz rüber gekommen ist, bei meinem Artikel „Filterbubble vs. Realität“. Das mag meine Wut und Empörung gewesen sein, seht es mir nach.

Ich denke und hoffe aber, dass diese Worte nun erklärt haben, wieso das Thema nicht unausgesprochen bleiben durfte.

 

 

Foto: pixabay.de
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