Selbstmitgefühl statt Vorwürfe: als hochsensible Mutter vor allem die stressigen Tage meistern

Selbstmitgefühl statt Vorwürfe: als hochsensible Mutter durch die anstrengenden Tage

Mit in die Hüfte gestemmten Fäusten steht Bubba Ray vor mir. Er hat die Stirn in Falten gelegt, hält den Blick. Seine Haltung: klare Kampfansage. Ich erstarre vor so viel Präsenz. „HAST DU SCHON WIEDER MIT IHM GESCHIMPFT?“, brüllt er mich an und zeigt auf seinen kleinen Bruder. Ich zucke kurz zusammen. Hinter ihm steht D-Von, weinend. Sein Schnuller liegt neben ihm, er bückt sich, um ihn aufzuheben. Ich bin sprach- und bewegungsunfähig. Bubba Ray sieht mich an.  „Nein hab ich nicht“, sage ich. „Echt nicht!“
Innerhalb weniger Millisekunden wechseln sich Gefühle und Impulse ab. Mit irgendwas zwischen nicht enden wollendem Stolz und Schockstarre verlasse ich die Szenerie. Bubba Ray nimmt D-Von in die Arme. Es ist das Letzte was ich sehe, bevor ich im Nebenraum Platz nehme. Wie ein geprügelter Hund. Oder ein hochsensibler Hund.

Dabei hatte ich tatsächlich nicht geschimpft. D-Von hatte sich in eine körperlich missliche Lage gebracht, und war beim Klettern zwischen Wand und Schrank stecken geblieben. Auf sein Autonomiebedürfnis („Ich schaffe das schon alleine!“) traf mein Schutzbedürfnis („Der kommt da alleine nie wieder raus“) und führte zu einem Konflikt. Ich reagierte in seinen Augen sicher übergriffig, als ich ihn – ohne seine Erlaubnis – aus der Ecke hob, er reagierte in meinen Augen völlig über, da jetzt so ein Fass auf zu machen. Das Ende vom Lied: Tränen bei D-Von, Unverständnis bei mir, Streit. 
Üblicherweise hätte ich mich jetzt vermutlich hingekniet und mit ihm gesprochen. „Tut mir leid!“ wäre vermutlich Teil meines Monologs gewesen und vielleicht auch ein „Ich hab dir geholfen, weil…“. Er hätte versucht mich wegzuschicken, ich hätte ihn getröstet, wir hätten uns vertragen. Nehme ich an.

All das hatte ich heute aber nicht geschafft.

Nach einer mit ganzen 3 Stunden Schlaf gesegneten Nacht, vor der ich erst um 1.30 Uhr das Licht am Schreibtisch ausgeknipst hatte, schrien Müdigkeit und Erschöpfung schon seit 9.30 Uhr in mein Ohr. Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen außer: „Wieso sind die nach so einer Nacht so verdammt fit???“ Ich wollte Ruhe und Schlaf, bekam autonome Kleinkinder und zog schon sehr früh am Morgen eine gedankliche Grenze, die meine Kinder zum Einen nicht gewohnt sind und zum Anderen nicht verstehen.

Meine persönliche Grenze war also schon nach dem zweiten Kaffee erreicht und ich war nicht fähig, von ihr abzuweichen. Ich hatte eine Wand hoch gezogen. Auf der einen Seite standen meine Erschöpfung und ich, auf der anderen meine Kinder. Mir gefiel heute nichts. Ich hatte keine Lust, Bücher vorzulesen, meckerte rum, wenn sie auf dem Sofa tobten und mehr als ein Toast mit Aufstrich bekam ich nicht hin. Bis zu D-Vons Klettergate um circa 12 Uhr war mir also vor allem immer nur eines aufgefallen: wie müde ICH war, wie erschöpft ICH war, wie platt und am Boden ICH war. Ich. Ich. Ich.

 

Schlecht drauf, hochsensibel, anstrengender Tag - und dann auch noch Vorwürfe?
Schlecht drauf, hochsensibel, anstrengender Tag – und dann auch noch Vorwürfe?

 

Bubba Ray und D-Von hatten meine Grenze erkannt und sich allein beschäftigt. Doch anstatt glücklich damit zu sein, meckerte ich über das Toben auf dem Sofa. Gegen den Toast, auf den sie keine Lust hatten, brachten sie keine Einwände vor, sondern ließen ihn einfach stehen. Und ich motzte, dass sie doch endlich essen sollten. Meine Kinder hatten bereits früh am Vormittag erkannt, in welcher Verfassung ich war und sich redlich bemüht. Was ich gesehen hätte, wenn ich nicht so verdammt beschäftigt damit gewesen wäre, meine Grenze zu erkennen und darauf zu beharren.

Ich bin ein an sich ganz normaler Mensch, wie jede andere auch. Meine Neigung zu Überreizung und Überstimulierung macht aus einem Tag mit für andere „normaler“ Müdigkeit innerhalb weniger Stunden eine riesige Erschöpfung. Mein Kopf sperrt sich und stellt sich gegen jedwede Lösungsfindung. Und ich bin hier allein, kein Clan, kein Dorf.

Aber mal so unter uns – ist das das Problem meiner Kinder?

Auch meine Kinder hatten eine grottige Nacht hinter sich und mussten sich jetzt schon Stunden mit einer miesepeterigen Mutter abmühen. Die Laune war, gelinde gesagt, im Arsch. Der kleine Vorfall, D-Von und die Wand – das sind völlig alltägliche Dinge. Passieren hier dauernd, ständig, und von vorn. Und darum soll es auch nicht gehen. Was mich in meinem ohnehin schon völlig überstimulierten Wesen tief traf, war die Reaktion von Bubba Ray.

Schützend stellte er sich vor seinen kleinen Bruder, tröstete ihn, als ich es nicht konnte. Als ich es nicht konnte. Und augenblicklich fragte ich mich, ob das jetzt gewesen sein sollte, was ich den Vormittag über wollte: dass meine Kinder sich gegenseitig vor mir schützen und trösten müssen?

Nein, das war es gewiss nicht. Ich weinte, ob dieser Erkenntnis und setzte mich in den Sessel. D-Von, auf vielen Ebenen sehr stark mit mir verbunden, suchte meine Nähe und wollte mir Trost spenden. Es fiel mir schwer, das anzunehmen. Denn schließlich war ja auch DAS nicht sein Job. Hier lief heute einfach alles falsch.

Als hochsensible Mutter die schwierigen Tage zu überleben – das ist die hohe Kunst der Elternschaft.

Ich wusste, ich hatte nur eine einzige Chance: Aufhören mir zu erzählen, was ich gerade alle verkackte.

Ja, ich hatte nur rum gemotzt und meine Kinder damit bis aufs Blut genervt. Ja, ich war nicht in meiner Kraft gewesen, übermüdet, überstimuliert, genervt. Ja, ich hatte diesen Autonomiestreit mit D-Von nicht gut gelöst und jetzt auch noch angefangen zu heulen. Ja, alles scheisse.

Aber! Aber, ich hatte irgendwann in den letzten Monaten ganz offensichtlich meinen Kindern eindrücklich klar gemacht, dass sie so nicht mit sich umspringen lassen müssen. Wieso sonst sollte sich mein 3-jähriger in einer eigentlich harmlosen Situation so schützend vor seinen Bruder stellen? Ich hatte meinen Kindern auch beigebracht, dass Wut und Trauer Gefühle sind, die getröstet werden. Dass hier alles getröstet wird. Warum sonst sollte Bubba Ray seinen kleinen Bruder in die Arme schließen und seine Tränen trocknen, wenn er es nicht schon mal irgendwo gesehen hätte? Und ich hatte meinen Kindern irgendwann auch mal gezeigt, dass wir hier für einander einstehen. Warum sonst hätte mein D-Von, selbst traurig und entrüstet, meine Nähe suchen sollen, als ich anfing zu weinen?

Dieser Tag war eine Momentaufnahme. Keine besonders schöne, zugegebenermaßen. Aber eben nur ein Ausschnitt unseres Familienalltags. Einer, der mich schwach und am Ende meiner Kraft zeigte. Und doch auch einer, der meine Kinder in ihrer vollen Kraft zeigte. Dann nämlich, wenn ich am wenigsten die Mutter sein konnte, die ich so gern sein wollte, genau dann übernahmen meine Kinder hier das Steuer. Sie waren empathisch, rücksichtsvoll, liebevoll und standen für einander ein. Und auch wenn ich mich selbst mal wieder dafür geißelte, meiner Hochsensibilität an diesem Morgen viel zu viel Raum gegeben zu haben, so klopfte ich mir dafür wiederum auf die Schulter.

Früchte ernten

Nach über 3 Jahren in meiner Rolle als Mutter ernte ich die ersten Früchte. Manche davon schmecken bitter und sind noch nicht ganz ausgereift. Wieder andere sind süß, intensiv und so großartig gewachsen, dass ich mich kaum an ihnen satt essen kann. Und ich weiß, dass dieser Weg nun endlich der ist, auf dem ich gehen möchte.

 

Ein bisschen Mitgefühl, ein bisschen Schulterklopfen und bloß nicht alles so ernst nehmen: mein Plan für die stressigen Tage als hochsensible Mutter
Ein bisschen Mitgefühl, ein bisschen Schulterklopfen und bloß nicht alles so ernst nehmen: mein Plan für die stressigen Tage als hochsensible Mutter

 

Für das nächste Mal, wenn mich meine Neigung dazu, alle Gefühle zu extrem zu fühlen und mich zu sehr auf meine eigene Überlastung zu fokussieren, wieder fest im Griff hat, nehme ich mir vor, mich wieder an einen ruhigen Ort zu setzen und mir ganz großkotzig aufzuzählen, was ich alles richtig mache. Ich bestätige mich innerlich selbst darin, vielleicht noch nicht am Ende angekommen, aber immerhin auf einem wunderbaren Weg zu sein. Dann erinnere ich mich, dass das hier eine lange und weite Reise werden wird, mit meinen Kindern. Und ich vergewissere mich, dass ich nie stehen bleibe, nie unflexibel werde, mich niemals anderen Glaubenssätzen beuge, sondern fest daran glaube, dass schon alles gut gehen wird. 

Und wenn ich ganz viel Glück hab, geht’s dann auch schon wieder.

Follow

Get the latest posts delivered to your mailbox: