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Selbstständig arbeiten mit Kindern – was geht mit, was nur ohne sie? 

Mein Beitrag zur Blogparade von glücklichscheitern: #ElternHomeOffice

Es ist 14.00 Uhr. In 15 Minuten muss ich bei der Tagesmutter sein. Ich bin eigentlich nur hier, um das allerwichtigste einzukaufen. Meine Zeit ist begrenzt; in Ruhe den Wocheneinkauf machen schaffe ich nicht. Wenn ich die Kinder geholt habe, wartet „der Rest“ auf mich. Haushalt, kochen, Besorgungen und: meine Kinder. Als ich um die Kurve in einen Gang biege, steht dort eine ehemalige Arbeitskollegin. Sie hat Pause, die sie nutzt, um gemütlich einzukaufen. Sie fragt mich nach dem neuen Job, und ob ich denn jetzt nur noch im Schlafanzug arbeiten würde.

Ha, ha, ha.

In ihrem Hamsterrad gibt es nicht „bis 14 Uhr“. Es gibt 8 Stunden aufwärts, Überstunden, arbeiten bis weit nach 18 Uhr und an den Wochenenden. Es gibt immer zu wenig Lohn und Ausgleich und immer gefühlt zu viel zu tun. Ich weiß das. Been there, done that.

Aber ich weiß auch, dass es Pausen gibt. Mittags und zwischendurch mal. Zum Rauchen, aufs Klo gehen (alleine) und wenn man mit dem Chef spricht, sogar mal die Möglichkeit der Besorgungen (alleine). Und es gibt bezahlte Urlaube. 30 Tage im Jahr, an denen der Gesetz- und Arbeitgeber „Erholung“ verordnet, bei gleichzeitiger Lohnfortzahlung. Es gibt die gesetzliche Krankenversicherung und Feierabende. Feierabend. Diesen Zeitpunkt, an dem man den Rechner herunter fährt, sich anmeldet und: geht. Nach Hause, mit den Kollegen was trinken, einkaufen. Ein wundervoller Luxus, wie ich heute weiß. Denn ich arbeite selbstständig, unter Anderem im Homeoffice, und kann von solchen Dingen nicht berichten.

Homeoffice im Schlafanzug – schön wär’s.

Es mag für so viele meiner ehemaligen Arbeitskollegen/-innen nach einer traumhaften Lösung klingen, dass ich meinen Büroteil nun im Homeoffice mache und dann auch noch mit einem Blog – welch Schnapsidee. Sie stellen sich vor, wie ich gegen 10 Uhr im Schlafanzug mit einer großen Tasse Kaffee in mein Arbeitszimmer schlurfe, meine sozialen Medien abrufe, irgendeinen inhaltsleeren Scheiss ins Internet schreibe, über den ich nicht groß nachdenken muss und die Kasse klingelt. Gegen Mittag putze ich mir die Zähne, esse trendy ayurvedische Kost, die ich fotografiere und bei Insta hochlade und die Kasse klingelt. Kurz darauf mache ich eine kleine Pause, bevor ich eben kurz staubsauge – denn natürlich ist die Wohnung nie dreckig. Wovon auch? Dann gehe ich, grundsätzlich nie gehetzt und immer pünktlich, langsam zum Auto, um die Kinder abzuholen.

Und die Kinder? Die haben immer voll Bock fotografiert zu werden, damit – genau – die Kasse klingelt.

 

Die Kasse klingelt.... gar nicht so oft im #Homeoffice! Selbstständig arbeiten mit Kindern
Die Kasse klingelt…. gar nicht so oft im #Homeoffice! Selbstständig arbeiten mit Kindern

Ich verstehe, woher das Bild kommt, sehr gut sogar. Denn vor wenigen Jahren war ich kinderlos und saß in diesem Büro neben ihnen. Und wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, meinen Job im Homeoffice zu machen, dann hätte der Tag genau so ausgesehen, wie das Bild, das sie nun in ihren Köpfen haben. Selbstständig arbeiten und dann auch noch von Zuhause, das ist für viele eben immer noch Geldverdienen im Schlafanzug.

 

Selbst und ständig

Dass man als Freiberufler mit hohen Kosten zu kämpfen hat, mit vielen Entscheidungen, mit Investitionen und sogar mit freier Zeiteinteilung – das fehlt in diesem Gespräch. Dass ich grundsätzlich viel arbeite und dafür zu wenig Lohn bekomme, auch. Und, dass weder meine Kurse, noch mein Blog mich reich und unabhängig machen, das auch.

Mein Hauptberuf sind meine Kinder – und das ist wirklich selbst und ständig. Und auch in meinem Homeoffice, sind sie wie die Deko: Sie sitzen auf meinem Schoß, während der Online-Stilltreffs. Sie malen am Kindertisch, wenn ich meine Mails bearbeite. Sie lesen Bücher mit ihrem Onkel oder ihrer Oma, die ich bitten muss zu kommen, wenn ich wichtige Telefonate zu führen, Videokonferenzen halten oder mit einer meiner Partner/-innen online meeten muss. Sie kommen mit in die Kurse, mit zu den Verhandlungen, mit zu den Beratungen. Sie haben meine Aufmerksamkeit, manchmal nur nicht die Volle.

Ich arbeite und bin Mutter, mit klaren Prioritäten: dass ich selbstständig arbeiten muss, ist nötig, weil sonst ein finanzielles Loch entstünde. Aber meine Kinder? Die sind mein eigentlicher Hauptberuf und das wird noch eine Weile so bleiben.

 

Hauptberuf: Familie. Selbstständig arbeiten im Homeoffice
Hauptberuf: Familie

 

Was erledige ich mit Kindern, was ohne?

Ich teile mir meine Aufgaben und damit meinen Tag meist ein in „Dinge, die ich erledigen kann wenn die Kinder da sind“ und „Dinge, die mit Kinder auf keinen Fall funktionieren“. Ein Besuch beim Steuerberater, der Bank, Finanzamt oder ein wichtiges Telefonat mit einem der oben genannten, fallen in die letzte Kategorie. Genau wie Friseur, Therapie, Massage oder manchmal alleine in den Garten zu fahren. Was das mit Homeoffice zu tun hat? Na, gar nichts. Aber es hat was mit mir zu tun und da die Zeit ohne meine Kinder begrenzt ist, ist das die Herangehensweise: geht es mit den beiden oder nicht?

Kurse, Spielgruppen, Stillberatungen bei mir Zuhause oder in der Einrichtung, „geht-so-wichtige“ Telefonate, Arztbesuche, Einkaufen, Besorgungen – all das geht mit Ihnen. Aber Sponsoren anrufen, um sie von der FEBuB zu überzeugen, sehr komplizierte Beratungen mit Müttern, die einen Leidensdruck haben, FamilySteps Kurse mit acht Kurskindern oder Blogartikel nach Kundenvorgabe schreiben – keine Chance, das mit meinen Kindern zu erledigen. Diese Aufteilung hilft mir, mein Homeoffice nicht nur in die 5 Stunden an den zwei, mit viel Glück mal drei Tagen, die meine Kinder vormittags nicht da sind, zu pressen und mir gleichzeitig selbst beizubringen, dass es Kindern nicht schadet, sich allein zu beschäftigen, weil ihre Mama von Zuhause arbeitet.

 

Selbstständig arbeiten mit Kindern im Homeoffice: Win Win!

Mein selbstständig arbeiten auf diese Weise integriert zu haben, erleichtert unseren Alltag im Großen und Ganzen sehr viel mehr, als es Bürojobs je geschafft hätten. Denn natürlich bekomme ich so auch ungefähr 100% mehr von meinen Kindern mit, als es andersherum gewesen wäre. Ich habe überhaupt nichts gegen Betreuungsmodelle, wenn sie zur Familie passen, wohl aber gegen den Zwang, den uns das System so gern auferlegen möchte. Ich habe mich getraut, mich dem zu stellen und auch zu widersprechen. Dafür zahle ich einen hohen Preis, was meine Rentenpunkte und auch einige andere Leistungen angeht, aber ich gewinne auch viel. Nämlich eben auf dem Schoß sitzende Kinder, die lernen, dass Arbeit hier nicht die oberste Priorität und alternativlos ist, der sich alle zu unterwerfen haben.

Jetzt ist es ein kleines bisschen so, wie in Generationen vor uns, als die Mütter ihre Kinder mit auf die Felder, zum Verkaufen auf den Markt oder sonst wo hin mit zu ihrer Arbeit genommen haben – nur, dass es im 21. Jahrhundert mit einem Computer zu tun hat und wir eben dafür nicht immer das Haus verlassen. Mag für einige, wie zum Beispiel meine ehemaligen Kolleginnen, eher ein Rückschritt sein, für mich ist es ein Fortschritt.

 

Arbeiten im Homeoffice heisst auch: arbeiten mit Kind auf dem Schoß
Arbeiten im Homeoffice heisst auch: arbeiten mit Kind auf dem Schoß

 

…bis auf….

Meiner ehemaligen Kollegin erzähle ich allerdings nicht, unter welch erschwerten Bedingungen dieses selbstständige Arbeiten wirklich abläuft. Ein Job ohne Feierabend. Oftmals ohne Pausen. Ohne bezahlten Urlaub oder Krankenscheine. Die Schere zwischen Lohn- und „Carearbeit“ ist groß, ich bekomme eben nun mal alle diese Leistungen nicht dafür, dass ich meine Kinder selbst groß ziehe. Aber das ist nicht das Problem meiner Kollegin und auch nicht ihre Schuld und weiß Gott nicht ihr Fehler, dass sie so denkt. Gefühlt alle denken so. Das ist kein Geheimnis.

Und von den schlaflosen Nächten, den Infekten, den Zähnen, den Tränen, der Anspannung, dem Druck, der Erwartungshaltung, der fehlenden Freizeit, der Abhängigkeit, dem fehlenden Lohn, der knappen Kasse, der zeitweisen Isolation, dem Fernweh, den Tagen im Haus ohne frische Luft weil wieder einer hohes Fieber hat oder den Monaten, in denen ich überlege, ob ich Spotify pausiere, oder Audible – oder gleich beide, weil die Kohle wieder so verdammt eng wird…. ach. Davon rede ich gar nicht erst.

Aber mein Job hat zum Glück auch keine Dienstpläne, keinen verständnislosen Chef und keine Überstunden – zumindest keine, für die man extra einen Babysitter braucht. Das macht seinen Charme und meine wirkliche Unabhängigkeit aus und auch, wenn der Schritt dahin ein großes Wagnis war, so danke ich mir oft selber für meinen Mut und klopfe mir auf die Schulter. Ich wäre nicht glücklich geworden, wenn ich es in meinem alten Leben versucht hätte.

 

Homeoffice: unterm Strich für uns eine Befreiung.

Erst kürzlich dankte mir mein Mann dafür, diese Entscheidung getroffen zu haben und dass sie ein Segen für unsere Kinder, für unsere Familie und natürlich auch für ihn sei. Das sehen wir, jedes Mal, wenn wieder einer krank ist oder sonstwas hat und ich einfach kann. Und einfach tue. Weil nicht nur die Prioritäten hier klar sind, sondern auch die Aufteilung. Und das spüren auch unsere Kinder: dass sie dann einfach „dürfen“.

Nun reiche ich diesen Artikel gleich bei Melanie von glücklichscheitern ein, die bei diesem Satz ganz bestimmt zusammenzuckt, die Nase rümpft und sich schüttelt. 50 Jahre feministische Arbeit und dann kommt die ÖkoHippie und spricht von der „Aufteilung“.

 

Aufteilung: Mama und Papa arbeiten

Mein Mann reicht von den ihm zustehenden Kinder-Krank-Tagen tatsächlich seit der Geburt unseres großen Sohnes nie einen ein. Und er möchte das auch nicht und trotzdem finde ich mich feministisch, denn: klar, ich könnte ihn auf den Pott setzen und ständig diskutieren… Will ich aber nicht 😉 Anstatt mich aber schulterzuckend dem System zu ergeben und unglücklich zu sein, habe ich mein Glück selbst in die Hand genommen. Die Weiterbildungen und der Weg in die Selbstständigkeit waren mit Investitionen und Aufwand verbunden, was ich aber gern einging. Denn als mein Chef mir seinerzeit sagte, ich könne in Teilzeitarbeit nur einen schlechteren Job machen (für den ich überqualifiziert gewesen wäre), war ziemlich klar, dass ich mich DEM nicht beugen wollen würde.

Ich hätte also in einer Eventagentur sitzen und Werbetexte schreiben, Telefonate führen und Rechnungen kontrollieren können – aber keine Events machen oder Kundenkontakt gehabt. Und jetzt? Jetzt bin ich geschäftsführende Gesellschafterin einer Eventfirma, organisiere einen großen Kongress, bin Freiberuflerin und mein eigener Chef. Dass mein Mann seinem eigenen klassischen Rollenbild unterliegt, das ist genauso wenig ein Problem wie eine gegenseitige Abhängigkeit. Die gibt es nämlich nicht. Ich kann meine Stellschrauben selber drehen. Und wenn das nicht feministisch ist, dann weiß ich auch nicht 🙂

 

Fazit

Mein Homeoffice besteht also tatsächlich gefühlt nie aus Jogginghose und ayurvedischer Kost. Genau so wenig aber aus Haushalt oder anderen gemeinschaftlichen Arbeiten im, am und rund um das Haus. Denn das wären auch erst nachmittags meine Baustellen, wäre ich im alten Job geblieben. Es funktioniert nur mit einer klaren Strategie, nämlich der, die kinderfreie Zeit auch wirklich nur für die Dinge zu nutzen, die mit den Kindern auf keinen Fall klappen. Und der Erkenntnis, dass meinen Kindern das mir-beim-Arbeiten-zusehen tatsächlich keinen seelischen Schaden bereitet. 

Diese Fragestellung hilft mir sehr, mich und meine Woche zu strukturieren. So schaffe ich ein hohes Maß an Arbeit, auch wenn ich sicher lange nicht all das schaffe, was ich mir wünsche würde. Aber das kriegen wir noch hin. Achso, und bevor ich es unterschlage: Bei mir Rabenmutter läuft tatsächlich auch manchmal einfach eine Stunde der Fernseher. Und ich habe kein schlechtes Gewissen.


Wie organisiert ihr eure Wochen?

Wie strukturiert ihr Arbeit, Kinder in den Kindergarten oder zur Tagesmutter bringen?

Wie den Rest drumherum?

Ich freue mich, wenn ihr mir einen Kommentar da lasst!

 

 

 

 

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