Streit kommt in den besten Familien vor - Versöhnung aber eben auch.

Streit und Versöhnung 

Die Autotür schlägt laut knallend ins Schloss. „Ja Mensch leck mich doch am Arsch“, knurre ich vor mich hin und gehe ums Auto herum. Ich erschrecke, als ich sie sehe. Eine fremde Frau, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Sie trägt Perlenohrringe, einen teuren Mantel, eine perfekte Frisur, perfektes Make-up, gemachte Nägel. Ich stampfe wutschnaubend auf sie zu, renne sie fast um. Gesehen hatte ich sie nicht, zu sehr war ich in diesem Streit gefangen.

 

Gefangen im Konflikt

„Hallo“, ranze ich die Unbekannte an. Übersprungshandlung.
„Hallo“, sagt sie und ich sehe ihren abfälligen Blick ganz genau, er bohrt sich durch meine Haut und ärgert mich. Sie hat sicher den ganzen Streit mitbekommen, denn sie hat ihr Auto direkt vor meinem geparkt. Bestimmt wird sie gehört haben, wie Bubba Ray aus seinem Sitz brüllte, dass er auf gar keinen Fall aussteigen würde und wie ich meckerte, dass er jetzt endlich kommen solle, weil sich schließlich nicht STÄNDIG alles um ihn drehen könne.

Denn es war so: ich hatte die Kinder bei der Tagesmutter abgeholt und ihnen direkt verkündet, dass wir mit dem Hund gehen müssten. Schon vor der Tür meckerte Bubba, dass es regnete und ihm kalt war und dass er auf keinen Fall mitkommen würde. Er wolle im Auto sitzen und sein Hörspiel hören. Ich willigte ein, parkte direkt am Feld und ging eben nur zur Ecke, sodass ich das Auto die ganze Zeit gut sehen konnte und dann wieder zurück. D-Von nahm ich mit. Den störte weder kalt, noch nass, noch die Abstinenz seines Bruders. Als ich zurück kam fragte Bubba sehnsüchtig, ob wir nun nach Hause könnten und ich verneinte. Ich muss noch dahin, Dings gucken. Seufzen von der Rückbank. Na gut.

Auf dem Parkplatz die nächste Diskussion: er will erst aussteigen, wenn das Hörspiel beendet ist. In mir grummelt es so langsam: wieso gibt eigentlich der Halbstarke hier den Ton an? Nach Minuten der Langeweile beim trillionsten mal die gleiche Folge hören dann endlich: aussteigen. Wutanfall im Eingangsbereich des Ladens, denn Bubba wollte ERST zum Bäcker und DANN in den Laden. Ich knie mich hinunter und frage, was mit ihm los sei. Nichts, sagt er, klettert auf meinen Arm und ist schwer und unhandlich. Ich setze ihn in der Kinderecke auf einen Stuhl, drücke ihm ein Buch in die Hand, denn ich muss ja noch Dings gucken. Beim Bäcker dann Geschrei, weil es den Lieblingskeks nicht mehr gibt und ich nicht genug Bargeld habe für den Kuchen. Endlich wieder im Auto, wieder das schreckliche Hörspiel, Heimfahrt. Vor der Tür dann das totale Arme-Verschränken: „Ich steige nicht aus“ und meine totale Eskalation: „Du steigst jetzt aus, ich WILL HOCH!“

Ein geschrienes Wort ergibt das andere, dann knallt die Tür, dann das geknurrte „Ja Mensch leck mir doch am Arsch“.

 

Dann die unbekannte Frau.

Sie holt mich sofort zurück auf den Boden. Weiter lautstark motzen und schreien ist nicht, das ist mir einfach zu peinlich auf offener Straße. Jetzt reg dich ab. Entspann dich mal. Atme. Was die wohl denkt… 

Ich lasse Bubba zurück, stampfe wütend in die Wohnung, drücke meiner Mutter den Schlüssel in die Hand und sage: „Kannst du es mal probieren?“

Es vergeht eine gefühlte Minute, da kommt Bubba hüpfend und singend in die Wohnung.

„Mama!“, sagt er und stemmt die Hände in die Hüften, „Du warst ganz schön doof! Du hast mich angeschnauzt!“

„Iiiiiiiich hab diiiiich angeschnauzt???? Du hast doch MICH angeschnauzt!“, zicke ich zurück. Bubba steht dort, die Fäuste breit auf die Hüften gestemmt und sieht mir geradlinig und entschlossen ins Gesicht. Ich bewundere ihn.

Denn was war WIRKLICH geschehen?

Ich hatte ihn bei der Tagesmutter abgeholt, die den ganzen Vormittag Kooperation und Gehorsam fordert und hatte ihn begrüßt mit dem Wunsch nach Kooperation und Gehorsam. Als er es nicht leisten konnte, hatte ich zuerst gemotzt.

Ich hatte um Kooperation gebeten beim Aussteigen aus dem Auto, beim Eintreten in den Laden, beim Warten im Laden, beim Bäcker, beim Aussteigen Zuhause. Und als er nicht tat, was ich wollte, war ich beleidigt. Und stritt am Auto mit meinem kleinen Kind wie ein kleines Kind. Und schimpfte auch wie eines. „Ja leck mich doch am Arsch!“
Die geschniegelte Frau hatte nichts für mich und meine vulgäre Ausdrucksweise über – zu Recht. Doch sie hatte ja auch nicht gewusst, was der Grund für meine aufsteigende Wut war und dass Bubba und ich an diesem Tag weit größere Kommunikationsprobleme hatten, als mein Schimpfwort.
Und doch zeigte sie mir augenblicklich etwas: der Ort und der Zeitpunkt waren unglücklich. Mein Peinlich-Berührtsein sorgte dafür, dass ich die Szenerie verlassen und meinen Vulkan aufhalten konnte. Meine Mutter konnte deeskalieren und uns helfen. So stand also mein Sohn dort, beschwerte sich darüber, dass ich ihn ungerecht behandelt und falsch verstanden hatte und fand mich richtig doof. Und hatte Recht.

Er kam auf mich zu und umarmte mich.

„Na gut, dann waren wir beide ein bisschen blöd. Okay? Es tut mir leid, dass ich dich geschimpft hab!“, sagte ich, ihm in den Armen liegend.

„Gut Mama“, sagte mein kluger Sohn und fügte hinzu: „Danke, dass du das gesagt hast“.

 

Ich hatte eine wichtige Lektion gelernt.

Streit kommt in den besten Familien vor. Das klingt nach einer blöden Floskel, wie sie nur von Familien kommen würde, die in Wirklichkeit nie oder selten streiten und diesen Satz als Schutzbehauptung anführen, wenn wiederum andere davon berichten. Bei uns ist Streit tatsächlich an der Tagesordnung. Das finde ich nicht toll, aber dieser eine Tag, vor allem aber unser Vertragen, hatte mir eine wirklich wichtige Sache bewiesen:

Streit – der kommt WIRKLICH und BUCHSTÄBLICH in den besten Familien vor, sogar in der allerbesten Familie: in meiner nämlich. Ich liebe meine Familie über alle Maßen, aber zu behaupten, sie würden mich nicht manchmal mit ihren sturen Köpfen, ihrem Gebrüll, ihrer lauten Art und den hirnrissigen Streits über Kokolores vollkommen zur Weißglut treiben – das wäre einfach gelogen. Streit, Konflikte, sich nicht einig sein, sich anschnauzen und auch einfach mal ankacken, die Meinung sagen, aber vor allem:

 

Streit kommt in den besten Familien vor - Versöhnung aber eben auch.
Streit kommt in den besten Familien vor – Versöhnung aber eben auch.

 

Sich vertragen.

In der Phase nach D-Von’s Geburt gab es Überforderung, Traurigkeit, Anstrengung und Leid für viele Monate. Aber die Frau, ihre gebügelte Bluse und der wirklich sehr schlecht geparkte Mercedes bewiesen mir auch, dass diese Zeit rum ist. Ja, ich kann mit Fug und Recht nun, zwei Jahre nach D-Vons Geburt, mit Gewissheit sagen, dass das Geschichte ist. Wenn wir jetzt streiten, und das ist nicht selten, dann reißt uns das nicht aus den Angeln. Nein, im Gegenteil. Es reinigt uns, lotet persönliche Grenzen aus, rückt Meinungen und Standpunkte gerade und schüttelt uns durch. Das Ende des reinigenden Gewitters ist Beziehung. Immer und ausnahmslos.

Ich werde nicht die Chance bekommen, dass der Frau mit dem Mercedes zu erzählen. Aber das macht mir nichts aus. Denn in all der Not, dem Streit und den anstrengenden Wochen und Monaten, habe ich auch gelernt, das Außen eben Außen sein und nicht mehr zu nah an mich heran kommen zu lassen. Einzig was meine Kinder von mir denken, das zählt.

Bubba Ray ist von mir genervt, findet Dinge mal ungerecht und blöd, bezeichnet mich als scheisse und geigt mir seine Meinung. Und lehrt mich so – fast im Vorbeigehen: wo Beziehung ist, da ist ein Streit, ein Konflikt nie aussichtslos. Er reinigt und unterstützt, lässt Menschen sich kennen lernen und verbindet.

Ich umarme mein Kind, ohne Vorhaltungen und Diskussionen, er küsst mich und wir vertragen uns.

Streit kommt schließlich in den besten Familien vor. Versöhnung aber eben auch.

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