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Stress lass‘ nach

Als mein kleiner Sohn in das Leben meines großen Sohnes trat, war dieser gerade mal 19 Monate alt. Zu klein um zu verstehen, was passiert war, zu groß als dass all das spurlos an ihm vorbeigehen könnte.
Er besuchte uns im Krankenhaus nach der Entbindung und untersuchte seinen kleinen Bruder nach einer überschwänglichen, vorbehaltlosen Begrüßung, wie sie nur von einem Kind kommen kann, gründlich. Wir hatten ihn im Rahmen seiner und unserer Möglichkeiten bestmöglich darauf vorbereitet, dass er bald nicht mehr allein sein würde und waren freudig überrascht und überglücklich, als er im Krankenhaus keine Eifersucht oder Trauer, sondern Liebe und Interesse zeigte. Es war ihm nicht ganz klar, wieso Mama nicht mit nach Hause kam und wieso Mini hier bleiben konnte, er aber nicht, aber das gipfelte nicht in Traurigkeit sondern war nach kurzem Protest schnell akzeptiert. Eigentlich zeigte er uns, dass alles nicht so schlimm und er trotzdem ganz zufrieden war. Eine Weile hielt dieser Zustand auch noch an, als wir wieder Zuhause waren.

Doch mit steigender Anzahl der Lebenstage und -wochen des Minis stieg auch das Bewusstsein, dass der Typ nicht mehr abhauen würde. Der Große hörte, nach 19 Monaten allein auf dem Thron, plötzlich so Sätze wie „Warte einen Augenblick, ich muss erst den Mini fertig machen!“ Oder „Nein, das geht nicht, weil der Mini…“ Oder „Der Mini muss keine Zähne putzen, weil er gar keine hat. Du aber schon!“ Auf meinen kleinen Großen prasselten also plötzlich Grenzen und Regeln ein, die so gar nichts mit denen der vorherigen Monate zu tun hatten. Auf dem Wickeltisch hatte bisher niemand anderes gelegen und einen frischen Popo bekommen – jetzt sollte er spielen und das auch noch alleine, während Mama einem anderen das Popo-waschen-Lied vorsang. Er sah, wie der Kleine stillte, und das natürlich oft und lang, wie das eben am Anfang so ist und wie Mama ständig extra Kuschel-Minuten mit dem Kleinen hatte, die plötzlich nicht mehr nur für ihn waren. Ich tat alles was ging um keine Ungleichbehandlung zu vermitteln, wie gut mir das gelang, stellte ich bald fest.

Mein Großer schmiss sich das erste Mal auf den Boden, als wir einkaufen waren. Ich hatte den falschen Einkaufswagen genommen… Er wollte gern den gelben, nicht den schwarzen und ich hatte mal wieder nicht zugehört. Wie so oft in den letzten Wochen. Und auch in dieser Situation wurde ich zickig und wütend, weil er nicht hörte und nicht mitmachte und ich mich von ihm mal wieder ungerecht behandelt fühlte. Was sollte das? Konnte er denn nicht sehen, dass ich den Kleinen im Tuch hatte, den ganzen Tag schon, und mich deswegen nicht richtig bücken und bewegen konnte, um ihn aufzuheben?
Wut hatte Einzug gehalten in seine Gefühlswelt. Wut und Verzweiflung. Zwei Emotionen, die ich von ihm nicht kannte. Er war die nächsten Wochen oft wütend und enttäuscht.
Wenn er müde war, weinte er. Wenn er etwas nicht schaffte aber schaffen wollte, schrie er. Wenn ich etwas verbieten musste, haute er. Wenn ich den Kleinen zuerst hoch hob, machte er alles auf einmal. Er schlief nicht. Er aß schlecht. Er war mit nichts zu begeistern.
Aus meiner Erschrockenheit wurde Überforderung wurde Müdigkeit wurde Verzweiflung wurde Trauer wurde Wut. Der Kleine war schließlich auch noch da. Mein schlechtes Gewissen riss mich immer wieder aus jedem Versuch, eine Lösung zu finden, heraus. Warum war es denn nicht einfach? Wieso war es nicht schön? Alles war ein Kampf. Jedes Zu-Bett-Gehen, jedes Kleidungsstück, jede Mahlzeit. Der Große boykottierte alles. Der Kleine schlief zwar viel, aber nie allein. Ablegen war nahezu unmöglich. Ich hatte praktisch nie eine Hand frei. Ich stillte und trug und schuckelte, vieles davon im Gehen oder Stehen, ich wickelte am Fließband, wenn ich einen getröstet hatte, fing der andere an zu weinen, wenn einer schlief war der andere wach, wenn der Kleine im Kinderwagen lag, trug ich den Großen, wenn der Große mit dem Laufrad fuhr, trug ich den Kleinen. Wenn nicht gerade beide gleichzeitig schrien und ich innehalten musste, um Prioritäten abzuwägen (wer ist zuerst dran? Wer muss warten?), kochte, putzte, wusch ich, badete ein Kind oder beide, fütterte oder stillte, zog an oder aus, trocknete ich Tränen oder Kotzeflecken, versorgte kleine Schürfwunden oder wunde Popos. Was ich NICHT tat in dieser Zeit war essen, trinken, schlafen oder ausruhen. Ich ging auch nicht zum Frisör oder zum Zahnarzt. Ich traf keine Freunde, außer sie hatten auch Kinder. Ich weinte und schimpfte wann immer ich mal ein paar Sekunden allein war und rauchte abends eine Zigarette weil es das Dümmste war was mir einfiel aber auch am einfachsten und nur für mich.

Beide zerrten an mir, einer links, einer rechts. Ich war das Tau zwischen ihnen. Stark genug um nicht zu zerreißen, aber bis zum letzten Garn angespannt. Es konnte keiner gewinnen oder verlieren, denn ich gab ja nicht nach. Ich wanderte mal mehr nach links, dann wieder mehr nach rechts. Aber egal in welche Richtung ich gezogen wurde, die Anspannung blieb. Bloß keinen Fehler machen! Bloß nicht durchdrehen! Bloß nichts falsch machen! Bloß pünktlich mit allem fertig sein! Bloß nicht vom Plan abweichen! Bloß an die Rituale halten!
Und trotzdem war einfach alles falsch. Ich konnte nicht gewinnen. Ich hatte keine Chance. Einem guten Tag folgten zwei katastrophale. Einem Erfolgserlebnis folgte ein Rückschlag. Mein Großer konnte oder wollte nicht warten, der Kleine sowieso nicht, einer fühlte sich immer zurückgestellt, einer hatte immer zu wenig von seiner Mutter, musste zu lange warten oder gar verzichten.

Die Tage waren lang und die Nächte kurz. Ich grübelte Stunde um Stunde nach einer Lösung, probierte verschiedene Uhrzeiten und Rituale aus, doch nichts wollte fruchten. Es schien, als sei ihnen einfach nichts recht und alles zu viel. So befürfnisorientiert ich auch an unser neues Familienleben heran ging, ich musste mir eingestehen, dass ich hier und dort an meine Grenzen stieß. Und so machte ich einen Kompromiss nach dem nächsten. Und stellte fest, dass es meinen Kindern überhaupt nicht schadete. Im Gegenteil. Denn genau in dem Moment als ich mich zähneknirschend dazu herab ließ, meinem Kleinen doch mal zwischendurch den Schnuller und nicht nur die Brust oder den kleinen Finger zu geben bis er schlief, oder meinem Großen einmal mehr am Tag erlaubte, ein Stück Kuchen anstatt gesundes Obst zu essen oder sogar mal Ketchup auf die Nudeln zu machen, genau in dem Moment als ich die Nachmittage auf die Jungs aufteilte und den Kleinen nicht ausschließlich ins Tragetuch wickelte um auf dem Spielplatz auch mal wieder die Hände frei zu haben oder in dem Moment, als ich den Großen einfach mal allein spielen ließ und mich nicht mitsamt Baby dazu setzte, sondern allein mit dem Baby spielte – genau in diesem Moment wurde es gut. Ich entspannte. Das Tau hing durch. Und die Jungs schliefen, aßen, hörten, weinten bzw. schrien weniger. Der Große hatte eines gelernt: seine Mutter war da. Immer noch für ihn da auch wenn sie nun öfter die Hände voll haben würde mit einem anderen Kind.
Ich erinnerte mich zurück an die Anfangszeit, kurz nachdem wir unsere zweite Hündin in das Rudel geholt hatten. Sie war zuvor in einer Tötungsstation in Rumänien, war dort freigekauft und zu uns vermittelt worden. Mit meiner anderen Hündin, die zu diesem Zeitpunkt bereits 6 Jahre hier war, gab es regelmäßige, erbitterte Kämpfe um Ressourcen. Um das Futter, Spielzeug, unsere Liebe. Es dauerte Wochen, bis sie verstanden hatte, dass von all dem genug für alle da war und dass sie nicht mehr kämpfen musste. Der Weg dahin bestand aus festen, strikten und konsequenten Ritualen und viel viel Geduld. Sie hatte nach wenigen Wochen Vertrauen entwickelt. Vertrauen in uns als ihre Ernährer und Versorger.

Vertrauen baut sich auf, es ist nichts, was man sich selbst einreden und „einfach so“ haben kann. Bevor ich Mutter wurde hatte ich was gelesen von Bonding und Bedürfnisorientierung und Bindung, die sich dann zu Urvertrauen entwickelt und Zeit seines Lebens hatte ich alle Ratschläge befolgt und meinem Kind Frustration, Wut, Trauer ersparen können. Nun war ich aber nochmal Mama geworden, hatte den selben Anspruch an mich für das zweite Kind, das nicht weniger gut groß werden sollte. Noch dazu ein Kleinkind, das völlig überrannt wurde von seinen eigenen Emotionen, die es weder benennen noch deuten noch in den Griff kriegen konnte. Ich hatte endlich verstanden, dass es viel weniger wichtig war, ob und wie lange der Kleine nun den Schnuller drin hatte, wenn dieses kleine Detail uns alle (!) für wenige Minuten am Tag beruhigen und entlasten würde. Und dass mein Kind weder aufdreht noch ungehorsam wird oder auf die schiefe Bahn kommt, wenn es ganz unperfekt nachmittags mal ausnahmsweise keinen gesunden Snack gibt, sondern eben Kuchen. Dass alleine spielen ihm helfen würde, Geduld aufzubauen und mir wiederum Zeit für den Kleinen verschaffen würde. Dass ich keine Übermutti mit absolut perfekter Umsetzung sein müsste, um meinen Kindern eine super Mutter zu sein.

Ich stellte also Eckpunkte in unserem Tagesablauf auf, die ich unter keinen Umständen umgehen wollte. Dazu gehörten Rituale wie das morgendliche Fertigmachen, die Essens- und Schlafenszeiten. An diesen festen Punkten hangelte ich mich entlang. Das bedeutete zwar auch, dass es keine Ausnahmen mehr gab, auch nicht für die Kinder, dafür stellte ich aber andere Dinge zusammen, deren Bedeutung ich deutlich reduzieren wollte und bei denen einfach mal ein Auge zugedrückt werden durfte. Ich brachte die Kinder nicht mehr getrennt ins Bett, sondern hielt strikt am Familienbett fest, auch wenn das hieß, dass ich selbst keinen Mittagsschlaf mehr machen konnte und auch nachts zunächst etwas weniger Ruhe hatte. Ich hielt an den Uhrzeiten fest, auch wenn das hieß, dass ich selbst in den schönsten Momenten zum Großen gehen und ihn bitten musste, sein Spiel zu beenden. Ich stillte und trug, letzteres mit abwechselndem Kind, auch wenn die körperliche Anstrengung immens war. Es dauerte keine Woche, da wurden die Tage ruhiger, meine Kinder entspannter und ich hatte wieder Kraft um in Stresssituationen einen klaren Kopf zu bewahren.

Mein Großer ärgerte sich trotzdem, wenn er so schwierige Sachen wie den Reißverschluss seiner Jacke schließen nicht ohne Hilfe schaffte, aber plötzlich hatte ich wieder Ideen, wie ich ihm helfen konnte, seinen Frust zu tolerieren und zu verarbeiten, anstatt mich an zu schreien. Ich selbst schrie und weinte weniger, mein Kleiner bekam viel mehr Zeit, in Ruhe zu stillen und sein Saugbedürfnis zu stillen und bald brauchten wir auch den Schnuller nicht mehr.
Nach und nach zogen Gewissheiten in unseren Alltag. Vertrauen. Ich hatte es geschafft, das Vertrauen meiner Kinder in mich wieder zu erlangen. Es hatte hier bald keiner mehr das Gefühl, dass ich als Erwachsene hier nichts im Griff hatte und bald unter meiner eigenen Anstrengung zerbrechen würde.

Nun. Das Haus ganz ohne Kind zu verlassen, mit einer Freundin einen Cocktail zu trinken oder mit meinem Mann mal wieder essen zu gehen – davon bin ich meilenweit entfernt. Auch läuft das alles hier noch nicht spielerisch, sondern bedarf einer strikten Struktur, die mich als im Zeichen des Wassermanns geborenen, freiheitsliebenden Menschen eher einengt als alles andere. Ich bin angespannt und verkopft und mir tut jeder Knochen, jeder Muskel weh. Ich würde gerne auf Zehenspitzen leichtfüßig durch den Alltag trippeln und neben glücklichen Kindern und Hunden noch gern eine aufgeräumte Wohnung, jeden Tag eine warme Mahlzeit, eine heiße Dusche und so etwas wie ein eigenes Leben haben, aber Hey! Wir fangen ja gerade erst an.

Ich bin gesegnet mit zwei wundervollen, gesunden Jungs, die mich lieben und brauchen und deren stabile, nicht überforderte Mutter gerade das wichtigste für eine gute Entwicklung ist. Die beiden haben mir einen wertvollen Schatz geschenkt, den ich bewahren und pflegen muss: ihr Vertrauen.
Der Weg wird noch hart und weit und bestimmt auch noch lange lange nicht zuende sein. Aber während ich diese Zeilen schreibe, liegen beide Kinder schlafend in meinem Schoß und halten sich die Hand. Und ich bin sicher, dass sie trotz aller Kompromisse und trotz aller Schwierigkeiten in ein paar Jahrzehnten verstehen werden. Weil sie nämlich gute Menschen werden, wenn auch nicht perfekt.

Aber auch ich habe wieder Vertrauen gefasst und verstanden, dass ich Perfekt nicht will. Ich will keine saubere Wohnung, wenn es meine Kinder glücklicher macht, mit mir zu rennen und zu toben anstatt mir beim Saugen zuzusehen. Ich verzichte hin und wieder mal darauf, alles perfekt hinzubekommen und gestehe uns allen gesunde Kompromisse ein. Ich belächle das Chaos statt mich noch mit Selbstzweifeln und Selbstkritik zu bestrafen.

Die Struktur einer Familie bildet sich langsam heraus, das musste ich verstehen lernen. So etwas fliegt einem nicht zu. Und auch wenn ich keinem Menschen einen Altersabstand von 19 Monaten zwischen zwei Kindern empfehlen würde, ist das nicht der Hauptgrund für den Stress. Es sind jetzt 3 Monate um, seit der Geburt des Zweiten und ich habe nicht mehr nur vereinzelte gute Stunden oder mal einen guten Tag sondern schon gute, reibungslose Wochen. Und nein, das heißt nicht, dass mein trotzender fast-2-jähriger plötzlich nicht mehr trotzt oder mein 3-Monate alter Sohn plötzlich keinen Schub oder keinen Zahn mehr bekommt, nein, ganz im Gegenteil. All das geschieht gerade trotzdem – und es ist toll. Anstrengend, stressig aber toll. Ich bin gesegnet damit, zwei so tollen Jungs beim Großwerden zusehen zu dürfen.

Ich erwarte von mir nun nicht mehr, das alles ohne Stress und Anstrengung zu schaffen. Habe mich verabschiedet von dem Gedanken, dass es einfach wird. Ich glaube nicht mehr, dass das geht. Ich setze mir keine Ziele und keine Maßstäbe, messe mich mit niemandem mehr sondern nur noch an mir selbst. Ich verlange von mir und nicht mehr von meinen Kindern.

Ich atme öfter mal durch und zähle zwischendurch mal bis 100, bevor ich weitermache.

Und ja. Es funktioniert. Ohne Geschrei, Anspannung, Tränen und schlaflose Nächte. Die Chancen stehen ganz gut, dass meine Kinder das genauso sehen. Und jetzt drehe ich mich um und schließe die Augen, genieße diese schlafenden Kinder und atme einfach für einen Moment den Duft ihrer Haut tief in mich ein.

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