Auf Besuch mit unerzogenen Kindern - geht das?

Die schrecklichen Zwei

Wie fast jeden Nachmittag ist mein bester Freund und sowas wie Onkel meiner Kinder zu Besuch. „Sowas wie“ weil er eigentlich auch sowas wie mein Bruder ist. Nur nicht offiziell.
Wir sitzen also auf dem Kinderzimmer-Fußboden und ich erzähle, dass von allen Altersabschnitten, die wir schon so hatten, der jetzige der Schönste sei. Bubba Ray wird in diesem Dezember 3 Jahre alt. Das bedeutet natürlich auch, dass er gerade 2 Jahre alt ist. „Terrible Two“ sagt man und auch wenn ich wirklich kein Freund davon bin, Kinder in Altersabschnitte einzuteilen und mit Begriffen wie „Terrible Two“, Trotzphase oder wasweissich zu stigmatisieren, kann ich so langsam dennoch fühlen, was der Erfinder der Begrifflichkeit vermutlich empfand, als er sie ausdachte.

Denn ich erzähle, dass es so spannend ist, wie Bubba nun seinen eigenen Willen entdeckt, während er seinen Bruder anbrüllt, er dürfe AUF KEINEN FALL mit seinem Bagger spielen. Ich erzähle, wie toll seine Sprache sich entwickelt, als er motzt, schimpft und Wörter benutzt, die ich jetzt nicht aufschreibe. Und ich erzähle, dass ich finde, dass einiges besser geworden ist, jetzt nach einem Dreivierteljahr, im Vergleich zu kurz nach D-Vons Geburt. Und das alles, während Bubba einen Stapelbecherturm umtritt und dabei vor Freude johlt, während er seinem Bruder mit besagtem Bagger über die Hand fährt und während wir praktisch nur darauf warten, dass der nächste Wutanfall sich anbahnt.

Wut spielt eine zentrale Rolle in dieser „Terrible Two“-Phase, nicht nur bei Bubba Ray.

Er tobt, oft sogar, wegen Kleinigkeiten. Zum Beispiel, weil er sich als autonom genug empfindet, seine Kleidung selbstständig auszuziehen, daran scheitert, ich ihm Hilfe anbiete, die er annimmt, um im nächsten Moment auszuflippen, weil ich ihm geholfen habe. Und so gern ich in solchen Situationen völlig unerzogen unterwegs sein würde – ich schaffe es nur bedingt. Und auch das erzähle ich dem sowas-wie-Onkel, nennen wir ihn Shane – er wird es verstehen – an diesem Nachmittag. Es fällt mir schwer, weil ich selbst erzogen wurde, weil auch in meiner Familie Wut ein großes und manchmal sehr unkontrolliertes Thema war, weil man anerzogene Muster und Denkweisen nur sehr schwer ablegen kann und weil es mich nun mal eben einfach auch wütend macht, wenn Bubba Ray und seine fehlende Impulskontrolle wutschnaubend auf mich zu rennen, brüllen, hauen oder mit Dingen werfen.

Ich habe festgestellt, dass unsere Wut sich sozusagen gegenseitig potenziert. Wir funktionieren nicht gut zusammen, was das angeht. Nicht in diesem Punkt. Ich schaffe es (noch) nicht, cool genug zu bleiben, um nicht in mindestens 7 von 10 Situationen auch zu brüllen. Das läuft immer gewaltfrei ab – diese Bedingung hat sich so tief in mein Hirn eingebrannt, dass das glücklicherweise klappt. Das bedeutet, ich schreie ihm keine Kommandos oder Beschimpfungen entgegen, werde aber dennoch sehr laut. Allgemein bin ich ein sehr lauter Mensch, nervt mich manchmal selbst, ist aber – schon allein weil ich von Geburt an eine sehr laute Stimme habe – nur abzustellen, wenn ich grundlegend an meiner Persönlichkeit etwas ändere. Ich lache laut, ich erzähle laut und wenn ich etwas emotionales erzähle, lustig oder aufbrausend – spielt keine Rolle – dann hören die Nachbarn die Geschichte auch. So bin ich, so ist meine Stimme, es ist eine Eigenschaft, die ich in ein Poesiealbum schreiben könnte und die sich nicht verhandeln lässt. Natürlich bin ich nicht zufrieden damit, den wütenden Bubba Ray auch noch anzuschreien, daran lässt sich arbeiten, aber letztendlich werde ich vermutlich nie zu den Müttern gehören, die leise und bedacht mit dem Kind sprechen, während Bauklötze fliegen. Das wäre nicht authentisch. Ich schreie Dinge wie „Wo ist denn jetzt das Problem?“ oder auch „Jaaaahaaaaa ich habe es doch gehööööööhöööört!“ Oder – Klassiker und über alle Maßen hilfreich (nicht.): „Hör auf zu schreien!“

Merkste selbst ne?!

Nun ja, jedenfalls „eskalierte“ unsere Wut hier regelmäßig. Das heißt, einer tobte, der nächste tobte mit, das Baby schrie (vermutlich aus Angst), der Hund versteckte sich unterm Tisch und mir gefiel das alles ganz und gar nicht. Ich ging also in mich und suchte nach Wegen, um diese Situationen künftig zu entspannen.

Dabei war ich auf der Suche, mich selbst IN der Situation sozusagen besser regulieren zu können. Zum Beispiel den Raum verlassen, tief durchatmen und mit neuer Energie wieder zurückkehren oder so. Und nach einigen Wochen spürte ich tatsächlich eine Besserung.
Ich sitze also an diesem Nachmittag vor Shane und erzähle ihm, wie ich aus meiner Sicht gerade „’nen Lauf“ habe, wie irgendwie vieles nicht mehr so stressig ist und dass ich schon tagelang nicht mehr auf Hilfe angewiesen gewesen sei.

Shane stutzt. „Echt?“, sagt er verwundert, „ich hatte den Eindruck, dass du gestern ziemlich gestresst warst!“

Das trifft mich. Ich bin im Moment total gefasst, die Kinder machen Spaß, es läuft alles rund und selbst die „Terrible Two“ nehme ich wohlwollend an, ja, genieße sie sogar!
Ich dementiere nicht, sondern belasse es dabei. Wer weiß, welche Situation er meint. Meine Laune lasse ich mir nicht verderben.

Am nächsten Morgen soll Bubba zu seiner Tagesmutter. Dort fährt er maximal 2 Vormittage die Woche hin, es ist keine klassische Betreuung, sondern sowas wie eine gekaufte Tante oder Oma. Er soll, aber er hat keine Lust. Er will bei Mama bleiben, sagt er, er will zuhause bleiben, er will auf seinen Spielplatz und seinen neuen Bagger ausprobieren. Ich freue mich wirklich ehrlich sehr, wenn er so gern zuhause und bei mir ist und sage der Tagesmutter ab. Es ist sonnig und schön und ich entscheide kurzerhand, draußen am Spielplatz zu frühstücken. Ich packe alles zusammen, was ein bisschen dauert, ziehe D-Von an, was ein bisschen dauert, gehe ins Bad um mich fertig zu machen, was ein bisschen dauert und alles was mein fast-Dreijähriger mitbekommt ist: Das dauert alles so lang! Er wird ungeduldig, unruhig und so langsam auch „terrible“. Sein Bruder quengelt, er fährt ihm mit dem Bagger über die Hände und da passiert es: ich schnauze Bubba Ray an, er solle „nie wieder“ (!) seinen Bruder absichtlich verletzen, und ob das jetzt angekommen sei.

Pause.

Bubba Ray starrt mich an. Tränen schießen in seine Augen. „Ich will jetzt nicht mehr raus, ich will gar nix mehr!“, schluchzt er und rennt ins Kinderzimmer. Ich atme tief durch, klopfe mir für meine überdurchschnittlich tolle Leistung als Mutter innerlich auf die Schulter und schüttele über mich selbst den Kopf. Grandios. Echt. Ganz grandios.
Ich gehe zu ihm und hocke mich hin. Frage, wieso er denn immer wehtun müsse. Wieso er denn nicht verstehe, dass ich nicht möchte, dass die beiden sich wehtun. Naja. Könnt ihr euch denken.

Ich sitze also vor meinem Kind und bombardiere ihn mit Vorwürfen, weil das ja so wahnsinnig viel bringt.

Bubba Ray zieht die Unterlippe vor, die Reaktion eines Zweijährigen. Ganz normal, gar nicht so terrible. Terrible bin gerade wohl eher ich. Er weint und verschränkt die Arme vor der Brust. Er ist traurig, nicht trotzig, das kann ich sehen.

„Du schimpfst immer so viel!“, schluchzt er.

Ich erstarre. „Was sagst du da?“ Übersprungshandlung. Meinem Hirn fällt nichts besseres ein. Ich bitte ihn zu wiederholen, das verschafft mir Zeit.

„Du schimpfst immer so viel!“, wiederholt er. Ich habe mich nicht verhört.

Ich, die so stolz war, ihre Zwänge abgelegt zu haben, und akzeptieren zu können, dass das Kind beim Pizzabacken die ganze Küche mehlt.

Ich, die sich selbst bejubelt, weil das Kind „Wie bitte“, „Bitte“ und „Danke“ sagt, ohne, dass es das jemals beigebracht bekommen hätte.

Ich, die ihrem Mann, immer wenn er wieder rumerzieht, tolle Tips gibt, wie es auch ohne Erziehung klappt.

Ich, die immer so viel schimpft.

Was ich in den den letzten Wochen sah, war ein Zweijähriger, der mit Baggern schmiss und seinen Bruder verletzen wollte. Was ich nicht sah, war die Mutter, die daneben stand und immer wieder schimpfte.

Was ich sah, war ein Zweijähriger, der ständig Wutanfälle hatte und sich nicht einfügen wollte. Was ich nicht sah, war die Mutter, die tobte und schrie, er solle es jetzt lassen.

Was ich sah, war ein Zweijähriger, der autonom – nicht terrible! – war, der für Kleinigkeiten ausflippte. Was ich nicht sah, war die Mutter, die Angst vor weiteren Wutanfällen hatte und deswegen schon weit vor der Entstehung dieser schimpfte, meckerte, reglementierte und: die erzog.

Kinder werden überall auf der Welt erzogen und ich bin der Meinung, dass das durchaus so ablaufen kann, dass es nicht automatisch schadet. Ich bin kein Gegner von Erziehung, bin nicht der Meinung, dass es nicht funktionieren kann, viel strengere Regeln aufzusetzen, als es sie zum Beispiel hier gibt, und dass das immer ein Nachteil für das Kind ist. Es gibt Wege der Erziehung, die ich verabscheue und verurteile, ja. Gewalt sei hier an erster Stelle genannt. Aber eine Familie, die für sich entschließt, gewaltfrei zu erziehen, die lehne ich nicht ab. Ganz und gar nicht.

Aber ich, ich habe für mich als Mutter mit diesen Kindern, die ich nun mal geboren habe, sukzessive entschieden, auf Erziehung zu verzichten.

Und es hat nicht geklappt.
Am Ziel vorbei.
Verkackt.

Und nun saß da mein aufgelöster Zweijähriger, der keine Erziehung gewohnt war, der keine maßregelnde Mutter gewohnt war, der nicht so richtig wusste, was er denn jetzt überhaupt noch tun könnte, um endlich mal wieder nette Worte von seiner Mama zu hören. Ich bin sicher, dass meine Kinder wissen, dass ich sie liebe, egal was sie tun. Ich bin mir nur nicht sicher, ob sie wissen, dass ich auch immer stolz bin, sie immer toll und richtig finde, egal was sie tun. Denn das habe ich nicht vermittelt. Eher das Gegenteil.

Ich hab geschimpft, ich hab an meinem Kind rumerzogen und letztendlich nur, weil ich wollte „dass es funktioniert“. Es. Was ist dieses „es“? Das Kind? Das Leben? Die Gesamtsituation? Wem wollte ich denn was beweisen? Oder muss ich vielleicht einfach ehrlich zu mir sein und mir eingestehen, dass ich Erziehung benutzt habe, um meine Ruhe zu haben? Um weniger Stress, weniger Wut, weniger „Terrible Two“ zu haben?

Ich muss nun wieder stark an mir arbeiten. Mich selbst erziehen, vielleicht.

Vor allem aber wieder ablegen. Stress ablegen. Erwartungen ablegen. Denkweisen ablegen. Authentisch sein und einfach mal machen. In Tobsuchtsanfällen Ruhe bewahren. Bis 10 zählen, oder wasweissich.

Mal wieder häufiger in den Spiegel sehen. Meine eigene Belastbarkeit wahrnehmen und RESPEKTIEREN. Mich fragen, was ich für mich tun kann, um glücklich zu sein und ausgeglichen und meinen Kindern so zu ermöglichen, selbst ausgeglichen und frei zu sein.

Ich beginne zu weinen, denn es tut mir wahnsinnig leid, dass Bubba Ray, sensibel wie er ohnehin ist, alles abbekommen hat und sich jetzt sicherlich total scheiße fühlt. Es tut mir wahnsinnig leid, dass ich ihn angeschnauzt und geschimpft habe. Am meisten aber tut mir leid, dass er in den letzten Tagen irgendwann mal das Gefühl gehabt haben könnte, dass er für mich nicht perfekt sein könnte.

Ich umarme ihm, wir weinen beide ein paar Tränchen und dann mache ich den ersten Schritt, um nicht länger selbst terrible zu sein: ich entschuldige mich bei meinem Kind und verspreche, es ab jetzt besser zu machen.

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