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Trau dir zu, Experte zu sein!

Es kommt – bei jedem von uns, früher oder später – der Punkt, da wenden wir uns an Fachleute, zum Beispiel weil wir uns mit einer Situation konfrontiert sehen, mit der wir selbst nicht weiter kommen. Ich persönlich bin großer Fan davon, mit einem neutralen Betrachter von außen ein Brainstorming zu machen. Außenstehende können oft eine ganz ungeahnte Perspektive einnehmen und neue Blickwinkel eröffnen. Wir wenden uns an Familienmitglieder, Vertraute, Arbeitskollegen und manchmal eben auch an bestimmte Spezialisten. Auch ich suchte kürzlich eine solche Fachperson auf, eine systemische Beratung nämlich, die mir helfen sollte, mein System Familie neu zu organisieren. Ob einer veränderten Situation war ich an diesen Punkt des Nicht-alleine-Weiterkommens gelangt und versprach mir hier Hilfe.

Und so saß ich also vor einer quasi Fremden und schüttete ihr mein Herz aus, über meine Person, meinen Ehemann, meine Kinder. Unsere Tages- und Nachtabläufe, unsere Situationen und Gegebenheiten und auch über die Punkte an denen es „hakte“. Ich sprach von Chaos, von zeitlichen Engpässen, davon, dass viel zu viel an mir hängen bliebe, ich oft übermüdet sei. Ich erzählte, dass meine Kinder wundervolle, unfassbar besondere Menschen sind, und dass es nichts mit ihnen zu tun habe. Dass sie so sind, wie sie eben sind und ich an dem System „wie gehe ich mit meinen Kindern um“ nichts ändern möchte. Dass es das Drumherum sei, das mich fertig mache, betonte ich mehrfach.

„Wie viele Stunden schlafen Sie nachts?“, fragte sie.

„Och naja, so 6-7, denke ich. Bis auf die Stillpausen, natürlich.“

„Sie stillen noch?“

„Ja, nachts. Tagsüber eher nicht mehr!“

„Aber Sie haben doch gerade gesagt, Ihr Kind sei 17 Monate alt?“ Die Frau stutzte, blätterte eine Seite zurück und sah mich fragend an.

„Ja, gerade erst“, antwortete ich und obwohl ich ganz genau wusste, worauf sie hinaus wollte, ließ ich sie erst einmal kommen. Sie kann das Blatt noch wenden, dachte ich.

„Und da stillen Sie noch? Wie häufig denn?“

„Ich stille nach Bedarf“, antwortete ich und unterdrückte den Drang, patzig zu werden, „das heißt, immer dann, wenn er es nachts benötigt!“

Sie schluckte. „Gut, ich bin keine Expertin auf dem Gebiet, aber so weit ich weiß sind doch 6 Monate ausreichend und danach bringt es dem Kind doch eigentlich sowieso nichts mehr. Wieso stillen Sie nicht ab?“

Ich atmete, sammelte mich kurz, versuchte die persönliche Komponente zu verschieben und mich zu verhalten, als säße ich in einer neutralen Beratung. Ich spulte also die Litanei an Vorteilen des Langzeitstillens ab, inklusive „Name dropping“ versteht sich, kramte also die auswendig gelernten Fachbegriffe raus (die, die ich sonst bei den Frauen weg lasse, weil ich nicht altklug klingen möchte), machte dann eine dramatische Pause und sagte: „Außerdem ist für mich als Mutter ganz persönlich noch nicht ans Abstillen zu denken“.

„Gut, das was Sie nun aufgezählt haben, das ist ja alles ganz wunderbar, aber Schlaf ist wichtig. Und seine Abstinenz führt häufig zu echter Erschöpfung und Überforderung. Letztendlich ist es nur eine Gewohnheit, dass Ihr Sohn noch stillt. Und um die zu ändern, sind Sie ja hier.“

Gut, dann eben doch.

„Ich bin Stillberaterin“, erwiderte ich und zog die Karte nun also. Die, die ich versteckt lassen wollte, bis zum Schluss. Das hier ist der Schluss.

„Für mich ist das also aufgeklärt und besten Wissens keine Option.“

 

Die Frage „Stillen – ja oder doch“ erledigte sich erst dann, als ich mich selbst als „Expertin“ sichtbar machte. Ab diesem Zeitpunkt: Keine weiteren Fragen.

 

Verunsicherung statt helfende Hände

In meiner Beratung sitzen häufig Frauen vor mir, die eigentlich einen klaren Weg haben. Ich höre und lese Sätze wie „….eigentlich möchte ich nicht Abstillen, aber der Kinderarzt / die Tagesmutter / Bezugserzieherin / mein Umfeld / meine Mutter ….. haben mich verunsichert, denn sie sagten, dass….“, und dann folgen Argumente, die die physische oder psychische Gesundheit des Kindes, seine Erziehung, die Müdigkeit oder psychische Verfassung der Mutter betreffen. Ich habe nicht mitgezählt, behaupte aber, dass in 8,5 von 10 Fällen Ammenmärchen folgen, deren Ausrottung noch viele Jahre benötigen. Frauen wenden sich also an mich, weil ihr Gefühl ihnen versichert, dass das, was sie dort tun, ihnen und ihrem Kind eigentlich gut tut, dass es eine Bereicherung ist, sie aber wiederum einer Verunsicherung, der sie sich nicht entziehen können, unterliegen. Das passiert und ist nur menschlich. Eigentlich waren diese Frauen nämlich vielleicht auf der Suche nach Hilfestellung, um das belastende Drumherum anders zu gestalten – so wie ich. Statt helfender Hände für Einkauf, Abwasch, autonome, wütende Kinder, kochen, waschen, putzen, Kinder bespaßen, ernten sie aber Ratschläge zu ihrer grundsätzlichen Erziehungseinstellung und Familiensituation. Plötzlich sind nicht mehr die zahlreichen Alltagsaufgaben und -pflichten Schuld an der Erschöpfung, sondern die Kinder. Oder die Mütter, die bindungsorientiert mit ihren Kindern leben. Oder das Stillen. Oder im Zweifelsfall: alles zusammen. Meine Beratung zielt dann darauf ab, Frauen in ihrem Gefühl zu bestärken und ihnen zu versichern, dass sie ihr Kind nicht für alle Zeit verderben und ihm den Schulabschluss versauen werden, wenn sie tun, was sie tun. Oft erlebe ich, dass die Ermutigung, sich von den Stimmen zu distanzieren, eigene, innere Konflikte aufzulösen und bei sich und seiner Entscheidung zu bleiben, sehr befreiend ist. Die Frauen grenzen sich ab.

Und wisst ihr, wie sie das konkret anstellen? Sie treten den Skeptikern und Kritikern gegenüber und betonen, dass sie ihre Entscheidung trafen, weil sie mit einem Experten gesprochen haben. Mit jemandem, der sich in diesem Thema hat ausbilden lassen, jemand, der sich auskennt, der ein Spezialist ist. Und was passiert, ist das: die Kritiker und Skeptiker verstummen. Schließlich hat ein Experte sich geäußert, jemand, der Ahnung davon hat. Ein E X P E R T E. Dann muss es ja richtig sein.

Ihr wollt euer Kind vegan ernähren, die Großeltern finden es allerdings höchst bedenklich. Ich möchte Wetten abschließen, dass die Skepsis verschwindet, sobald man erwähnt (es muss nicht mal stimmen!), dass man das mit dem Kinderarzt abgestimmt hat.

Ihr tragt euer Kind noch, wenn es schon fast 2 Jahre alt wird, anstatt es laufen zu lassen, euer Umfeld versteht die Welt nicht mehr und fragt sich, wie das Kind jemals Kondition aufbauen soll. Erzählt Ihnen, dass ein Physiotherapeut gesagt hat, dass es nichts besseres für die motorische Entwicklung eines Kindes gäbe, als das Tragen. Das muss nicht mal stimmen – aber sie werden still.

Euer Kind benötigt eine ewig lange Eingewöhnung, weil es eben nun mal große Probleme hat, sich von euch zu lösen und eure Arbeitskollegen sind sich sicher, dass ihr eben einfach schnell gehen müsst, das überleben deren Kinder schließlich auch jeden Morgen. Da muss das Kind halt durch. Ist doch klar. Findet ihr nicht? Gut, dann erzählt Ihnen, dass die Erzieher, Kita-Leitung, Tagesmutter, Erziehungsberatung, Kinderärztin, Osteopathin, Hebamme, Doula, meinetwegen die Zahnzusatzversicherung gesagt hat, dass das schon okay sei – und sie halten die Klappe.

Es ist einfach vollkommen egal, welchen Experten ihr in die Runde werft – wichtig ist, es ist einer. Je hochtrabender der Name, umso besser kommt es an. Aber verlasst euch drauf: wenn IHR der Meinung seid, dass das lange Stillen für euch und euer Kind wundervoll ist, das lange Tragen euch verbindet, das Schlafen im Familienbett es nicht zu einem abhängigen Einzelgänger macht und die 1:1 Betreuung bei einer sorgfältig ausgewählten Vertrauensperson morgens eben 30 Minuten Begleitung bedarf – sie werden es in Frage stellen. Eure Einschätzungen der Sachlage sind schließlich nur verkitschte, romantische Gefühle einer vor Liebe verblendeten gluckenhaften Mutter, nichts ernstzunehmendes eben. Natürlich nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Arzt es bestätigt hat. Oder sonst ein Spezialist.

 

Die wahren Experten seid ihr!

Mir ist unbegreiflich, wie es in unserer Gesellschaft so wichtig geworden sein kann, dass Experten einen Sachverhalt absegnen müssen und seit wann eigentlich Eltern nicht mehr uneingeschränkt die wahren Experten für ihre Kinder sind. Wir sprechen nicht von Kindesmisshandlung, wenn ein Kind mit 17 Monaten gestillt, getragen oder Zuhause bei seinen ELTERN BETREUT wird (ihr kennt meine Meinung: dafür braucht es nicht mal eine eigene Vokabel wie „Selbstbetreuung“) und deswegen auch nicht – nein, NIE! – davon, dass zwingend und ohne Indikation mit irgendeinem Experten absprechen zu müssen. Nein, es müsste nicht mal notwendig sein, dass mein System Familie in Frage gestellt wird, weil ich nachts zwei oder drei (und manchmal auch 100) Mal zum Stillen geweckt werde. Das ist nämlich nicht das Problem, an diesem System und auch nicht, was zu Erschöpfung führt.

Was mich, euch – uns alle – in die Erschöpfung, Überforderung und vor Kritikern in die Unsicherheit führt, ist die Tatsache, dass wir mit allem Scheiß alleine sind. Dass wir kranke, traurige Kinder trösten, wenn wir uns selbst schon längst angesteckt haben. Dass wir Suppe kochen, wenn es sonst keiner tut. Dass wir unsere Ressourcen voll ausschöpfen, weil wir unsere Kinder so über alle Maßen lieben und es nicht reicht – nie reichen kann! – weil uns unser Körper, unser System, klar signalisiert, dass Zeit für eine Pause wäre, die sich aber nicht umsetzen lässt, weil da keiner ist, der in der Zeit die Kinder nimmt. Es sind nicht bedürftige, stillende, getragene, kleine Kinder und ihre Bedürfnisse, die unser System ins Wanken bringen, es ist nicht eure Elternschaft, nicht eure Entscheidung, wie und ob überhaupt ihr eure Kinder erzieht und auch nicht, ob ihr sie in die Kita bringt oder eben nicht, was euch so müde macht. Diese Entscheidungen habt ihr getroffen aus einem guten Grund – und der hört nicht einfach auf, wenn das Wochenbett oder das Babyjahr um ist! Nein, es ist die Vielzahl an aufeinander treffenden Bedürfnissen, die Systeme ins Wanken bringen, wenn es nur eine Person gibt, die für die Bedürfnisbefriedigung vorgesehen ist! Nicht einzelne Aspekte allein. Und ehrlich – ich kann es nicht mehr hören.

Bleibt bei euch, erinnert euch und sagt euch immer und immer wieder, dass es einen Grund gibt, weshalb es DIESES System in die Gegenwart geschafft hat – und das andere nicht.

Kinder und ihre Bedürfnisse sind kräftezehrend. Lange stillen ist kräftezehrend, bindungsorientierte Elternschaft, auch dann, wenn sie frei von Erziehung ist, ach was! Eltern sein an sich ist anstrengend! Fürchterlich, wahnsinnig anstrengend. Und ihr tragt dafür keine Schuld! Ihr seid die besten Eltern für euer Kind, also TRAUT EUCH, Experten für sie zu sein! Traut euch, den Kritikern zu antworten, dass es eure Entscheidung ist, eure Verantwortung und dass eure Entscheidung fest steht. Dass es keiner Zustimmung von Ihnen oder anderen Experten bedarf! Dass ihr euch nicht verunsichern lassen wollt, nur weil sie es anders sehen – schließlich zweifelt ihr das andere System auch nicht an!

 

Wie wäre mein Beratungsgespräch gelaufen, wenn ich mich nicht abgegrenzt hätte?

Das vermag ich nur zu vermuten. Als langzeitstillende, erschöpfte Mutter wäre ich mit hängenden Schultern aus der Praxis gelaufen und hätte geglaubt, dass die Entscheidung, so lange zu stillen und im Familienbett zu schlafen, schlicht falsch sei. Dass ich nun also mein komplettes Mindset ändern müsse, damit ich den Alltag wieder strukturiert kriege. Dass ich nun die Zügel in die Hand nehmen und mal ganz andere Strategien auffahren müsste. Ich – ganz persönlich – hätte geweint, weil mir genau diese beiden Dinge so wichtig sind und ich – ganz persönlich – hätte verunsichert meinen Mann angerufen und alles in Frage gestellt. Schließlich hat eine Expertin für Familiensysteme mich und mein System gerade hinterfragt.

Für manche Familien ist das der Schlüssel und für viele Frauen, die übermüdet, erschöpft und abgekämpft sind, ist auch das Abstillen DIE Lösung. Die Frauen begleite ich und helfe ihnen. Genau wie jede andere Stillberaterin es vermutlich auch tun würde. Der Punkt ist: nicht diese eine Methode ist immer der Schlüssel und nicht immer nur diese eine Methode auch das Problem! Nicht allein das nächtliche Stillen oder das Familienbett sind „Schuld“, sondern vielleicht die wenigen Freizeiten Drumherum, die vielen ermüdenden Aufgaben des Tages oder die wenigen Lücken, um die Füße hochzulegen. Es ist eine gesellschaftliche Krankheit, bindungsorientierte Elternschaft per se in Frage zu stellen und sie zu beschuldigen, fauler Zauber und Auslöser für psychische Krankheiten zu sein! Und wenn wir gerade über Systeme sprechen: was für ein System ist das, das hilfesuchende Frauen beschuldigt, das komplette Pferd falsch aufgezogen zu haben, ihre Familie falsch zu leben und ihr Kind zu verwöhnen, anstatt sie zu ermutigen, sich die Hilfe für ebendieses Drumherum zu suchen, die sie verdienen? Ich jedenfalls könnte bei jedem Ausflug in diese bindungsgestörte Welt wirklich kotzen ausflippen, ob dieser unfairen Betrachtungsweise. Mein Rat an euch lautet also, ganz klar:

 

Macht euch frei von Glaubenssätzen anderer und vertraut euch und eurem Kind.

Du bist der Experte für dein eigenes Kind, du ganz allein.

Und sonst niemand.

Ich wünsche euch allen die Kraft und den Mut, der Kritik von außen stand zu halten und zu lernen, sich nach und nach abzugrenzen. Ich bin noch mittendrin aber spürbar auf einem guten Weg. Und schaffe ich es mal nicht, dann gibt es immer noch den Joker: ich denke mir einen Experten aus, der mich absichert. Den muss es nicht mal in der Realität geben. Hauptsache, ich kann – ganz in Ruhe – den Weg gehen, den meine Kinder und ich brauchen.

Versucht das mal und berichtet.

Habt ihr auch so oft mit Vorurteilen über eure Elternschaft oder eure Entscheidungen in Bezug auf eure Kinder zu kämpfen? Hand auf’s Herz: Wie geht ihr mit dieser Kritik um? Was wünscht ihr euch öfter: Unterstützung im Alltag oder ein gänzlich neues System eurer Elternschaft? 

 

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