Umdrehen, weggehen, weitermachen: auch im Internet kann man sich aus dem Weg gehen.

Umdrehen (scrollen), weggehen (weg klicken), weitermachen: meine Realität – deine Realität.

Über den Wunsch nach Realität im Internet und wieso ich nichts inszeniere – aber trotzdem nicht alles erzähle.

Erst kürzlich war Bubba Ray krank. Es ging los mit hohem Fieber, er erbrach zweimal, war schlapp, müde und sehr empfindlich. Er wollte buchstäblich nichts sehen und nichts hören. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, in genau dieser Woche 5 Vormittage zu arbeiten. Im Klartext hieß das, dass meine Kinder 4 Tage zu ihrer Tagesmutter gehen und ich zusätzlich am Samstag arbeiten würde. Ich plante meine Woche vor, teilte mir meine Arbeit ein – und exte alles mit Tipp-Ex weg, als das Thermometer anfing, rot zu blinken. Ich seufzte, beschimpfte Murphy, für den ich trotz aller Meditation immer noch ein paar Schimpfwörter übrig habe, und setzte mich vor meine To-Do-Listen.

Wie soll ich das alles schaffen, mit krankem Kind? Wie?

Innerlich motzte ich. Ich war aufgewühlt und verärgert. D-Von fuhrwerkelte bereits seit Wochen an den Backenzähnen rum, die einfach nicht so ganz rauskommen wollten und ich war übermüdet. Eine Woche, in der einfach mal alles so läuft, wie es in diesem dämlichen Terminkalender stand, konnte ich wirklich mal ganz gut gebrauchen. Ich war müde und nach einer Brandverletzung bei D-Von mit Ambulanz, einer schlaflosen und kräftezehrenden Kehlkopfentzündung bei Bubba, liegen gebliebener Arbeit, einem frischen Einstieg in freiberufliche Arbeit, Renovierungsarbeiten in der Wohnung und Backenzähnen, nervte mich gerade nichts so sehr, wie wieder alles stehen und liegen lassen zu müssen, um ein krankes Kind zu pflegen.

Ich habe keinen Bock. Und das sage ich auch!

Wenn ich die Artikel hier auf diesem Blog durchgehe, in denen ich motze, meckere, rante oder über meine eigene Fehlbarkeit, Erschöpfung, Wut oder permanente Überreizung geschrieben habe, komme ich auf 15 Stück. Und das sind die, mit einer eindeutigen Aussage. Versteckte Beschwerden und Motzereien sind nicht mit einberechnet. Vielleicht fühle ich mich deswegen auch nicht direkt angesprochen, wenn ich Artikel lese (wie z.B. diesen aktuellen oder diesen etwas älteren), in denen sich mehr „Realität“ im Netz gewünscht wird – denn für mich gilt das nicht. Ich inszeniere nicht und ich verschweige nichts, worüber ich mit Menschen, die mich offline fragen, auch reden würde. Ich räume meine Bude sowieso nur sehr ungern auf und fotografiere das Chaos erst recht nicht. Und doch hatte ich das Bedürfnis, dazu etwas zu sagen. Warum?

Auf diesem Blog gibt es 227 veröffentlichte Artikel bisher. Die Interviewreihen, Gastbeiträge und alten Artikel von Sylvie damals mal abgezogen sind das 100-und-ein-paar-kaputte Beiträge allein von mir – und die sind alle ziemlich gutschi gutschi. Ja, die sind dann vermutlich genau das, was – aktuell mal wieder, kann man ja fast schon sagen – „kritisiert“ wird.

Auf Instagram tummeln sich Wäscheberge (ich hab auch noch nicht verstanden warum), letztes Jahr wollte das Publikum #myrealkitchen sehen, jedes Foto eines „unaufgeräumten“ Zimmers (manchmal liegen da auch nur ääääh Socken) wird mit #fürmehrrealitätaufinstagram getagged. Und, naja – ich kann damit nichts anfangen. Für mich steht der Ruf nach „mehr Realität“ nicht besonders im Vordergrund, ich habe nicht das Bedürfnis, Menschen dazu aufrufen zu müssen, sich wieder zu trauen, die „Wahrheit“ zu zeigen und nichts zu beschönigen. Sicherlich zum Einen, weil ich bspw. Fashionblogs weiträumig meide – schlicht nicht mein Interesse, so Glanz und Gloria. Und Fashion *urks*. Sicher auch, weil ich aufpolierte Pinterest- und Insta-Profile völlig langweilig finde (ist nichts, womit wir hier was anfangen könnten, wenn wir 8 Monate des Jahres knietief in Erde stecken und von oben bis unten dreckig sind. Da hilft auch kein Filter mehr). Und sicher auch, weil ich nicht sehe, was ihr seht.

Aufgehübschte Blogs, auf denen immer alles perfekt ist? Ich kann euch nicht einen nennen. Denn ich lese sie nicht.

Inszenierte Profile auf Social Media Kanälen, die immer geputzte Fenster haben? Puuuuh…. äh – keine Ahnung? Wäscheberge, die – ja, was sollen die eigentlich sagen? Hatte ich keinen einzigen in meiner Timeline.

Und, dann sind da ja noch die Schönwetter-Blogger, bei denen eh nix schief geht. Den Vorwurf habe ich auch schon gehört. Hier ist ja alles total perfekt, ich hab mit nix ein Problem und so. Wieso ich mich eigentlich so selten lauthals beschwere? Um das – möglicherweise erneut – zu erläutern, komme ich noch einmal zurück auf die aktuelle Krankheitswelle im Hause ÖkoHippie.

Was ich nämlich tat, nachdem ich das Fieberthermometer meckerig in eine Ecke des Zimmers geknallt hatte, war: mir eine Lösung zu überlegen. Ich sprach mit meinem Mann, der – Überraschung – auch dieses Mal nicht vor hatte, einen Kind-Krank-Tag zu nehmen, sagte alle Termine per SMS oder Mail ab und verlängerte eine Deadline bis zum Wochenende. Ich schrieb unserer Tagesmutter eine Nachricht und erhielt prompt die freundliche Einladung, sie könne ja zumindest D-Von hier abholen. Der war schließlich kerngesund. Am nächsten Morgen stand ich früh auf und duschte mich, bevor alle Kinder wach wurden. Ich pflegte mein krankes Kind mit Wasser, Lippenbalsam und Kuscheln, spielte und tobte mit meinem gesunden Jungen. Ich schaltete den Fernseher ein, als der Kleine weg war und dann tippte ich mit dem Laptop auf dem Schoß meine Arbeit ab, während Bubba Ray fiebrig und apathisch die Wand oder seine Serie anstarrte. Ich hörte damit auf, wenn er etwas brauchte; ein Getränk, eine Geschichte oder Ruhe. Und nahm die Arbeit wieder auf, sobald es ging. Ich bat Shane um Hilfe, der sowohl mit dem Hund ging als auch D-Von abholte, stillte meinen kleinen Sohn als er zurück war auf dem Sofa neben meinem kranken Kind und schrieb meinem Mann eine erleichterte Nachricht, dass ich wirklich viel geschafft hätte. Ich sah meinem Kind beim Spielen zu, während ich dem anderen seine Apfelschorle reichte und verfrachtete beide gegen Abend getrennt in ihre Betten.

 

Und während ich all diese penibel aufeinander abgestimmten Arbeitsschritte vollzog, aus dessen Trott mich keine Menschenseele hätte herausbringen dürfen, schoss ich kein einziges Foto.

Ich hatte die Situation, so wie sie war und wie ich sie in den vergangenen drei Jahren bereits mehrfach erlebt hatte, einfach angenommen. Ich hatte mich nicht mehr dagegen gewehrt, sie nicht noch zusätzlich bekämpft. Ich hatte keinen Streit über Vereinbarkeit und Gleichberechtigung und andere elementare Themen mit meinem Mann mehr vom Zaun gebrochen, ich hatte meinen Kindern nicht die Schuld gegeben, nicht auf meine Eltern geschimpft, die aufgrund ihrer Angst sich anzustecken, eh nicht gekommen wären. Ich hatte mir die Hilfe gesucht, die sich in der Vergangenheit als die richtige erwiesen hatte und tief durchgeatmet. Ich hatte nicht auf meinem ergonomischen Schreibtischstuhl sitzen aber immerhin überhaupt arbeiten können. Ich hatte den üblicherweise als Kindertag ausgerufenen Dienstag nicht mit meinen Kindern, sondern beim Arzt verbracht, und ja klar, auch mal gemotzt. Ganz sicher.

 

Auch ich bin manchmal zum Kotzen und mein Leben auch. Aber ich erzähle trotzdem nicht alles. Inszeniere ich mich? Oder ist meine Realität eine andere, als deine?
Auch ich bin manchmal zum Kotzen und mein Leben auch. Aber ich erzähle trotzdem nicht alles. Inszeniere ich mich? Oder ist meine Realität eine andere, als deine?

 

Motzen ist Seelenhygiene und hilft ungemein. Aber dazu aufzurufen, weil schön polierte Blogs und Profile sonst ja nur eine Bilderbuchartige Darstellung ihrer Selbst sind, kann ich nicht.

Wir alle suchen dann und wann nach Verbündeten und wir finden sie häufig im Netz. Aber ich, ich MUSS weiterhin an meinem Optimismus und meiner guten Laune trotz aller Widrigkeiten festhalten, die dafür sorgt, dass ich auch jetzt nicht darüber meckern werde, wie fürchterlich anstrengend kranke Kinder sind (obwohl sie es sind!!), weil ich sonst hier bald in einer weißen Jacke rausgetragen werde. Das ist meine Strategie, damit umzugehen – und sie hilft mir. Ja, ich motze auch mal vor mich hin, aber tatsächlich gehöre ich zu den Menschen, die das abschütteln, solche Sachen sagen wie „Naja nützt ja nix“ und weiter machen. Acht mal fallen, neun mal wieder aufstehen. Das ist nicht inszeniert – that’s just me being me.

Auch ich hatte Wäsche, in dieser Woche (und auch in allen anderen). Durchgeschwitzte, vollgespuckte, Fieberkind-Wäsche. Und meine Wohnung sah aus wie Sau. Ich fühlte mich dabei selber nicht wohl.

Also wieso hätte ich davon ein Foto machen sollen?

Und es dann noch dazu in einem sozialen Netzwerk hochladen? Ich lud mir auch keinen Besuch ein, außer meiner engsten Familie ließ ich niemanden sehen, wie sehr hier die Bombe eingeschlagen hatte. Selbst WENN es meine Realität gewesen wäre – oder manchmal ist. Sie geht – hinter den Türen unserer Wohnung – nur uns was an, genau so lange, wie wir das möchten.

Als Bubba Ray und ich völlig ungestresst pünktlich beim Arzt waren, anschließend pünktlich wieder Zuhause, um D-Von nicht zu verpassen und beide dabei nicht einmal den Anderen angemeckert hatten, dachte ich, dass Dinge wirklich besser werden. Dass sich Menschen wirklich verändern. Dass sie wirklich an ihren Herausforderungen wachsen. Und dass es wirklich einfacher ist, mit einem kranken 3-jährigen zum Arzt in die Stadt zu fahren, als mit einem kleinen, völlig unselbstständigen Baby. Dinge ändern sich, Menschen ändern sich, es wird einfacher, handlicher, praktikabler. Wo ich noch vor 1,5 Jahren, kurz nach der Geburt von D-Von, aus purer Erschöpfung und Überforderung Sturzbäche weinte, begrüßte ich heute dankbar den Umstand, dass es so viel einfacher war als damals. Vielleicht hätte ich vor 1,5 Jahren gemotzt, wer weiß – heute tue ich es nicht mehr.

Heute würde ich eher mal wieder einen dieser – in euren Augen vielleicht – aufgehübschten Artikel schreiben, euch vom Erfolgserlebnis meines Kindes beim Arzt erzählen und Tipps verteilen, wie man solche Meilensteine mit hochsensiblem Kind erlebt. Vielleicht würde das wieder perfekt wirken, vielleicht ist das für euch fern jeglicher Realität, aber ….

So ganz in reell: meine Realität ist genau das. Und ich mag sie so, wie sie ist, meistens eigentlich ganz gern.

Und wenn nicht, dann sage ich auch das – weil es eben nun mal dazu gehört und weil raus muss, was keine Miete zahlt – hätte meine Omma gesagt.

Was auch immer einen also veranlasst, um mehr Realität zu bitten, mehr Reibung und mehr „echte“ Gefühle zu wollen – vielleicht teile ich das Bedürfnis nicht, weil ich und meine Timeline sicher kein Fake sind. Weil wir uns nicht damit abmühen, uns im „Wem geht’s am Schlechtesten“ zu battlen, genauso wenig wie im „Beachte diese 10 Regeln für Instagram-Fotos und gewinne mehr Follower“. Ich habe mir diese Bubble ja irgendwie auch ausgesucht und zusammen gestellt – eine Bubble, in der ich keine Inszenierung erkennen kann. Zum Glück.

Was würde ich in der viel zitierten, gewünschten Realität, so ganz offline tun, wenn mir jemand als Fake, als poliert, als inszeniert vorkommt? Nun, vermutlich würde ich mich umdrehen und gehen. Weil wir nicht zusammen passen werden, weil unsere Interessen auseinander gehen und weil wir uns vermutlich nach einem kurzen Kennenlernen nicht mehr viel zu sagen hätten.

Sowas geht übrigens im Internet. Nennt sich scrollen. Oder wegklicken.

Und: das kann ich – alter verklärter, die-Liebe-liebender, optimistischer, niemals-den-Kopf-in-den-Sand-steckender und Friede, Freude, Ei-Ersatz-Kuchen verbreitender – Hippie auch echt wärmstens empfehlen.

 

 

Follow

Get the latest posts delivered to your mailbox: