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„Von einer Eingewöhnung, die keine Eingewöhnung ist!“ Ein #Rant von Wiebke bei #RabenmütterErzählen

Wiebke ist eine Bloggerkollegin und ihr kennt sie sicher von ihrem Blog Verflixter Alltag. Wer ihren Blog verfolgt, der hat dort bereits gelesen, dass ihr „Wölkchen“, also ihre Tochter, gerade in der Kita eingewöhnt hat. Eine Achterbahn der Gefühle, wie sie es beschreibt – keine Frage, das ist es doch immer. Denkt ihr. Dachte ich auch. Doch leider ist bei Wölkchen’s Eingewöhnung so viel schief gelaufen, dass Mutter und Tochter nun ein wenig demoralisiert sind. Und weil Wiebke dringend ihrer Wut über das Unvermögen der Kita und der vielen Missgeschicke im Laufe der letzten Wochen Luft machen musste, findet sich ihr Rant dazu heute hier auf dem Blog.

Liebe Wiebke, vielen Dank, dass ich deinen Gedanken einen Platz verschaffen darf und die #RabenmütterErzählen Bühne heute eure Geschichte teilen darf. Ich kann deine negativen Gefühle gut verstehen und bin sicher, damit bin ich nicht die Einzige.

Aber lest selbst.

Vorhang auf für Wiebke und ihren Rant zur Eingewöhnung ihrer Tochter

 

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Wie es begann

Ich erinnere mich noch, wie wir alle hoffnungsvoll, aufgeregt aber dennoch gut gelaunt, beisammen saßen. Gebannt lauschten wir auf die Worte der Kita-Leitung und den drei Erzieherinnen, die sich beim Elternnachmittag uns vorstellten. Aus ihren Gesichtern strahlte Zuversicht, aus ihren Mündern quollen Worte, die uns klar machten, dass unsere Kinder bei ihnen in den besten Händen seien. Nach dem Berliner Modell wird eingewöhnt. Vier Wochen. Zuerst wird gespielt, dann rausgegangen, dann Mittag gegessen und schließlich Mittagsschlaf abgehalten. Stufenweise soll sich das Kind an die Kita, den Ablauf und die Erzieherinnen gewöhnen. Die Erzieherinnen lächelten uns an und strahlten ein „Ich gebe alles für Ihr Kind“ aus.

Drei Monate später sitze ich im selben Raum. Diesmal jedoch nicht in einen winzigen Stuhl gefercht, sondern auf dem Fußboden, umgeben von wild zerstreutem Spielzeug und einer Schar von Kleinstkindern. Immer wieder schüttele ich innerlich den Kopf und kann es einfach nicht verstehen.

Wenn man zuvor noch so schön erklärt, nach dem Berliner Modell einzugewöhnen, sollte man dann nicht wissen, was dahinter steckt? Sollte man sich nicht vertraut machen mit der Materie, bevor man sich der Verantwortung von 15 Kindern annimmt? Sollte man nicht die gängigen Modelle und Theorien kennen, bevor man einfach nur das macht, was man eben immer gemacht hat? Sollte man?

 

Das Berliner Modell

Doch zunächst für ein besseres Verständnis hier einmal die harten Fakten zum Berliner Modell:

  • Ziel ist es eine tragfähige Beziehung zwischen Kind und Betreuungsperson aufzubauen, beispielsweise über das gemeinsame Spielen.
  • Um dies zu gewährleisten, sollte die Bezugsperson auch die zeitlichen Ressourcen haben, sich mit dem einzugewöhnenden Kind zu beschäftigen.
  • Die Eingewöhnung erfolgt innerhalb von zwei bis vier Wochen, je nach Stärke der Bindung des Kindes zu seinen Eltern. Sicher gebundene Kinder brauchen mehr Zeit, unsicher gebundene Kinder weniger. Kinder sollten demnach je nach Bindungsintensität unterschiedlich behandelt werden.
  • Beim Trennungsversuch (frühestens an Tag 4) soll sich der Elternteil vom Kind verabschieden.
  • Wird die Trennung nicht akzeptiert, sollte bis zur zweiten Woche mit einem neuen Versuch gewartet werden.

 

Oft kritisiert am Berliner Modell wird die Starre des Modells und der geringe Bezug zu den individuellen Bedürfnissen des Kindes, wobei ich hier schon einen Spielraum sehe, der ja je nach Stärke der Bindung des Kindes gemacht wird. Abseits von den zeitlichen Vorgaben sind die Inhalte für mich jedoch in großen Teilen nachvollziehbar, wie der Bindungsaufbau zur Betreuungsperson und das Verabschieden im Trennungsversuch.

 

Wo ist er denn nun, der Rant? Hier!

Nun ist es ja schön und gut, wenn solche Modelle existieren, und wenn Kitas angeblich danach handeln. Hört sich für Eltern ja auch erstmal so an, als wüssten die Erzieherinnen, was sie tun, wenn sie sich nach einem spezifischen Modell orientieren. Das klingt doch nach Expertise. Da kann man doch vertrauen.

 

Blöd nur, wenn man sagt, dass man etwas so und so macht, und es dann aber nicht tut. Denn viele Punkte, die eben angesprochen wurden, wurden bei uns von den Erzieherinnen nicht beachtet. Und ich frage mich: Warum? Warum handeln sie so wenig nach dem Berliner Modell, wenn sie sich doch offiziell daran orientieren? Haben sie keine Lust? Halten sie das Modell vielleicht für Blödsinn und boykottieren es insgeheim? Oder wissen sie es einfach nicht besser?

 

Ich persönlich glaube ja Letzteres ist der Fall. Sie wissen es nicht besser. Es macht mir den Anschein, dass sie überhaupt keine Ahnung haben, was das Berliner Modell ist und was es beinhaltet. Warum ich das denke? Hier mal ein paar Beispiele:

 

1. Fehlende Begrüßung

Bei der Begrüßung geht es ja schon los. Wir betreten den Raum und alle Erzieherinnen bleiben einfach auf ihrem Platz sitzen. Sie schauen her, lächeln uns zu und gehen dann wieder ihrer „Arbeit“ nach. Ich bin dann diejenige, die Wölkchen in den Raum begleitet, sie zum Spielen animiert oder den immer noch auf dem Boden sitzenden Erzieherinnen die Hand reicht. Das kann doch echt nicht wahr sein!

 

2. Fehlende Bezugsperson

Wer die Bezugsperson von Wölkchen sein soll, wurde mir erst auf Nachfrage mitgeteilt. Die Antwort lief etwa wie folgt ab: „Das machen wir alle drei. Also wir versuchen eigentlich alle drei eine gutes Verhältnis zum Kind aufzubauen. Weil es ist ja auch nicht immer jeder da.“

Am Ende schaute sie in den Unterlagen nach, wer Wölkchen zugeteilt ist. Aber die mache dann eben die Entwicklungsgespräche, im Kita-Alltag mache das keinen Unterschied.

 

Ne ist klar. Es ist ja auch viel einfacher für das kleine, überforderte Kind, sich gleich DREI Personen gleichzeitig zu öffnen und Vertrauen zu fassen. Lieber bei Dreien überall ein bisschen, als bei einer Person so richtig wohl fühlen. Da ist doch mal ein Plan.

 

3. Fehlende Kontaktaufnahme

In den ersten Tagen der Eingewöhnung zeigte sich dieses „Alle für einen“ in einem „Niemand für einen“. Denn niemand schien sich zuständig zu fühlen für mein Wölkchen. Selten nahm jemand Kontakt auf, keiner nahm sie auf den Schoß. Einmal saß die offizielle Bezugserzieherin zwei Meter von Wölkchen entfernt auf ihrem Stühlchen und lächelte in die Runde. Sie hatte nichts zu tun und hätte so einfach mal auf Wölkchen zugehen können. Hat sie aber nicht. Ist ja schön, wenn sie so gutgelaunt in ihren kleinen, rollbaren Drehstühlen in der Ecke sitzen und in die Gruppe lächeln. Aber das reicht mir nicht. Das reicht meinem Wölkchen nicht.

Für die Erzieherinnen beginnt die Kontaktaufnahme in dem Moment, in dem die Eltern das erste Mal den Raum verlassen. Doch genau dann wird das Kind von einer völlig fremden Person getröstet, und nicht von einer Bezugsperson, wie es eigentlich sein sollte. Das Kind wird alleine gelassen, mit 14 anderen fremden Kindern und drei fremden Erwachsenen. Und die einzige Bezugsperson, die bislang in dem Raum anwesend war, hat selbigen soeben verlassen: die Mutter. Wie soll das Kind denn da NICHT losweinen?!!!

 

4. Ressourcen

Der Personalschlüssel wurde für die Eingewöhnung nicht angepasst, damit sich die Erzieherinnen besser um die einzugewöhnenden Kinder kümmern können. In der ersten Woche war die Erzieherin mit fünf Kindern nachmittags alleine und hatte kaum Gelegenheit Kontakt zu Wölkchen aufzubauen (von verpassten Chancen mal ganz zu schweigen). Die zweite Woche startete damit, dass zwei fiebernde Kinder plus zwei einzugewöhnende Kinder plus eine kranke Erzieherin den Supergau brachten. Auf dem einen Schoß saß ein fieberndes Kind, auf dem anderen Schoß ein getrenntes einzugewöhnendes Kind und an der Tür heulte das zweite fiebernde Kind vor sich hin. Am Ende war ich es, die den Kindern zur Obstmahlzeit das Essen austeilte, weil alle zwei Erzieherinnen keine Ressourcen mehr hatten. Das geht so nicht!!! Dass sich an diesem Tag niemand von den Erzieherinnen um Wölkchen kümmern konnte, das brauche ich wohl nicht mehr zu erwähnen.

 

5. Individuelle Anpassung

Sie machen keine Unterscheidung zwischen sicher gebundenen Kindern (siehe Wölkchen) und weniger sicher gebundenen Kindern. Alle Kinder durchlaufen die vier Wochen. Alle Kinder sollen spätestens in der zweiten Woche von den Eltern getrennt werden. Als ich darauf hinwies, dass ich an Tag sechs (nach dem turbulenten Tag mit den zwei fiebernden Kindern und der kranken Erzieherin) noch nicht denke, dass Wölkchen bereit für eine Trennung ist, schauten sie mich vorwurfsvoll an. Sie verwiesen darauf, dass dann die weitere Planung Probleme machen würde und es hinten heraus ziemlich eng werden könnte.

 

Na, dann geben Sie sich doch mal Mühe“, hätte ich da am liebsten zurück gebrüllt.

 

Individuelle Anpassung erfolgt hier nur auf Drängen der Mutter und mit dem Groll der Erzieherinnen.

 

6. Verabschiedung beim Trennungsversuch

Aber den Vogel an Inkompetenz schossen sie ab, als ich miterleben durfte, wie eine andere Mutter sich heimlich aus dem Raum herausschleichen sollte. Als mir dann vorgeschlagen wurde, doch mal den Raum zu verlassen, ging ich zu Wölkchen und sagte ihr, dass ich mal kurz auf die Toilette gehe und gleich wieder komme. Noch während ich den Satz aussprach, weinte sie los. Ich ging dennoch, blieb aber hinter der Tür stehen und lauschte. Erstmals nahm jemand Wölkchen auf den Schoß. Juhuu, ein erster Annäherungsversuch (Achtung Ironie!). Aber – oh Überraschung – sie ließ sich nicht beruhigen. Nach zwei Minuten ging ich wieder hinein, um ein völlig aufgelöstes Wölkchen entgegen zu nehmen. Während für mich Wölkchens Empörung nicht weiter verwunderlich war, war es das für die Erzieherinnen scheinbar schon. Natürlich lag es nicht an ihnen, sondern an meiner Art der Verabschiedung. Ich korrigiere: es lag daran, DASS ich mich verabschiedet habe. „Das nächste Mal schleichen Sie sich raus, dann klappt es bestimmt besser!“.

Hallo? Hackt`s noch? Das werde ich nicht. Als ich genau das (in etwas freundlichere Worte gepackt) erwiderte, schauten sie erneut unverständlich.

 

Aber den Vogel schoss dann die folgende Szene ab: Eine andere Mutter eines einzugewöhnenden Kindes schlich sich – wie von den Erzieherinnen angeregt – heimlich aus dem Raum, ohne Verabschiedung. Ihr Kind spielte zunächst weiter, weil es dachte, seine Mutter ist immer noch da. Als es nach einer Weile merkte, dass sie weg war, weinte es bitterlich los und ließ sich auch nicht mehr beruhigen. Kein Wunder. Es wusste ja auch nicht, warum sich seine Mutter plötzlich in Luft aufgelöst hatte. Die Mutter wird wieder hereingerufen und das Kind beruhigte sich auf ihren Arm wieder. Die Erzieherin resümiert den Versuch mit „Na, das hat doch schon ganz gut geklappt heute“. Wie weit Wahrnehmungen hier auseinander gehen können.

 

Das nächste Mal bringe ich ein Exzerpt zur Bindungstheorie mit. Das können sie sich dann durchlesen, während sie lächelnd auf ihren Drehstühlen sitzen und Däumchen drehen. Oder ich schicke es gleich der Kita-Leitung mit der Aufforderung, doch bitte ihre Erzieherinnen auf die Herausforderung der Eingewöhnung vorzubereiten. Schließlich liegt das Wohl unserer Kinder in ihren Händchen und die Weichen für alle weiteren Trennungsversuche im Leben von Eltern und Kind werden genau hier gestellt. Aber dieser Verantwortung scheinen sich diese Personen in keinster Weise bewusst zu sein.

 

So. Nu isses raus.

 


 

Die Realität in Kitas oder trauriger Einzelfall? Wie habt ihr die Eingewöhnung eurer Kinder erlebt? Habt ihr die Erzieher*innen oder die Kita-Leitung kontaktiert, wenn die Eingewöhnung euch nicht gefiel, so wie Wiebke? Was lief schief und was lief besonders gut? Ich freue mich auf eure Erfahrungen!

Übrigens: Ende der Woche gibt es hier auf dem Blog, passend zum Thema, eine Zusammenfassung des Vortrages von Joachim Bensel, dem ich auf dem Attachment Parenting Kongress zum Thema Eingewöhnung hörte. Genauer: wie eine Eingewöhnung sanft und bindungsorientiert ablaufen sollte, damit es für Eltern und Kind als Erfolg verbucht werden kann. Dann können wir ja diese Inhalte noch einmal mit Wölkchens Eingewöhnung vergleichen. Ich bin, wie Wiebke, der Meinung da gibt es Aufholbedarf.

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