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Von Lavendel-pupsenden-Glücksbärchis und pinken Einhörnern

Es ist ja eigentlich nicht meine Art, auf Beiträge von Blog-Kollegen zu antworten und zu schimpfen, aber heute morgen kann und will ich mal nicht anders. Das Müttermagazin, das – in meinen Augen – gern mal auffallend oft über die verantwortungslosen Eltern, die nicht impfen und deren Kinder ALLE sterben berichtet oder über die Beikosteinführung mit Gläschen am Besten direkt nach Entlassung aus dem Kreißsaal oder sinnlose und unlustige Fotostrecken zum Thema „Das Leben als Mutter ist so anstrengend und keiner würdigt das“, teilte heute Morgen – noch vor meinem ersten Kaffee – den Beitrag von Grummelmama.de zum Thema Stillen bzw. Eher nicht Stillen und ihre persönlichen Erlebnisse, wieso es nicht geklappt hat. Das schockiert mich bis hierhin nicht. Es gibt sie, die Frauen bei denen es wirklich nicht klappt und die sich früh dazu entscheiden, Flasche zu füttern. Ob ich persönlich das gut oder richtig finde, oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle, da es sich dabei nicht um meine Kinder handelt und ich auch niemandem erlaube, mir seine Meinung zu der Tatsache, dass ich langzeitstillte und wieder langzeitstillen werde, aufzudrängen. In diesem Punkt hat sie also Recht, die Katja von Grummelmama: eure Entscheidung, nicht die der anderen und ein schlechtes Gefühl von außen einreden zu lassen – das dient tatsächlich niemandem.

Was mich aus der Haut fahren ließ waren die – wie immer – so hoch qualifizierten Kommentare unter dem Beitrag und die Antworten des Müttermagazins. Frauen, die sich äußerten, sie seien froh, dass jemand das Thema mal so anspreche, es sei ihnen genauso ergangen und sie wüssten sowieso schon seit Wochen nicht mehr was zu tun sei. Die Reaktion eines Magazins, das sich ebendieser Zielgruppe angenommen hat – zumindest offenkundig laut Eigenname – reagiert, in dem es auf jeden einzelnen dieser Kommentare antwortet, die Mutter solle doch „einfach“ das Fläschchen gebe, sie müsse schließlich nicht zwingen, oder keiner könne sie zwingen, diese Höllenqualen zu durchleben.

Höllenqualen. HÖLLENqualen. Also. Vielleicht bin ich da zu romantisch eingestellt und in meinem Leben nicht oft genug an schweren Krankheiten halb verendet, habe zu wenig OPs und zu wenig Grippeinfekte hinter mir gehabt und sehe das alles zu Rosa verklärt – dann steinigt mich bitte. Aber unter Höllenqualen verstehe ich etwas anderes. Und warum mische ich mich eigentlich ein, wo ich doch ganz offensichtlich so gar keine Probleme hatte, ab Geburt meines Sohnes glückselig grinsend, ach was sag ich! Strahlend vor Glück nur 20 Minuten am Tag stillend auf irgendeinem Sofa saß, während mir mein ausgeschlafener, ungestresster Ehemann gekühlte Drinks mit Strohhalm und Schirmchen brachte und mein Kind, das von Anfang an gaaaaaanz genau wusste was zu tun ist, schmatzend und froh ein bisschen Milch trank, kurz bevor es dann in einen friedlichen, engelsgleichen Schlaf von mindestens 8 Stunden fiel.

Ja klar. So läuft Stillen ab. Offenbar zumindest in den Augen oder der Vorstellung von einigen Müttern und vor allem in der, der Redaktion des Müttermagazins.

Glaubt ihr das wirklich?
Ich will euch nur kurz skizzieren, wie es wirklich ist, zu Stillen. Es ist NICHT der einfachere Weg. Es klappt NICHT auf Anhieb. Es ist NICHT von Anfang an schön und glückselig und Pink und harmonisch.

Ich habe mein Baby direkt nach seiner Geburt angelegt, nicht, weil er nach der anstrengenden Reise durch den Geburtskanal so einen schrecklichen Hunger und Durst hatte, sondern weil ich wollte, dass seine erste Erinnerung an diese Welt ist, dass da seine Mama war. Denn auch wenn er nicht wusste, wie das Trinken funktioniert, so ganz auf Anhieb, wusste er instinktiv, dass das die Brust seiner MUTTER war, die ihn geboren hatte, die nun da war ihn zu beschützen, die bleiben und ihm die Nähe und Sicherheit geben würde, die er nach dem Eintritt in die Welt, die plötzlich laut, hell und kalt war, so dringend brauchte. Ich habe das nicht getan zur Selbst-Beweihräucherung oder um heute diesen wütenden Text schreiben zu können, sondern weil es das beste und einzig richtige war.

In den Tagen danach lernte ich mithilfe meines Kindes die Stillpositionen, ich war so unbeholfen wie er es 13 Monate später bei seinen ersten Schritten war. Ich hatte Angst ihm weh zu tun, mit meinen riesigen Brüsten zu erdrücken, ich hatte Angst es würde nix kommen, nicht reichen, nicht schmecken, ich hatte Angst es falsch zu machen.

An Tag 3 schoss die Milch ein, verbunden mit Schmerzen und tiefer, ehrlicher Trauer. Hormonchaos! Ich verbrachte Stunden weinend neben meinem perfekten Kind, das mal trank, mal nicht, das mal schlief, mal nicht, ständig mit diesem Gefühl im Bauch, irgendwas muss doch falsch sein, wo doch immer alle sagen wie toll es ist.

Es dauerte 2 Monate bis ich völlig schmerzfrei stillen konnte und ich kenne Frauen, bei denen es noch deutlich länger dauerte. Ja stellt euch vor. Keine Glücksbärchis, keine Einhörner. Milchstau, wunde Brustwarzen, ziehen, ziepen, stechen in der Brust, verstopfter Milchkanal und wenn eine Baustelle beseitigt ist, dann fangen wir wieder von vorne an.

Also – wer genau sagt, dass Stillen glückselig und harmonisch und wundervoll und zauberhaft und magisch ist, von Anfang an?

Keiner. Das ist der Punkt. Keine Sau sollte so einen gequirlten Mist verzapfen, tut mir leid.
Es ist sauanstrengend, man schläft nicht, es nuckelt jemand an deiner Brust rum obwohl es dir wehtut, du weinst, du ballst die Faust um den Anfangsschmerz auszugleichen, du zuckst zusammen, wenn das Baby weint, weil du weißt, dass es gleich wieder los geht und du eine Stunde unbeweglich an einem Fleck sitzt, weil du noch nicht dabei wandern, das Haus putzen oder mit dem Hund spazieren gehen kannst.

Mann Leute, kommt mal wieder runter! Nichts ist einfach mit Baby. Nichts kommt von allein! Alles ist anstrengend, jeder Schub, jeder Zahn, jede Grippe. Und so ist das Stillen am Anfang auch. Es pendelt sich ein und ja, dann, nach Wochen oder Monaten, wird es perfekt, es wird glückselig, es wird harmonisch und es wird (!) sie geben, diese unbezahlbaren Momente, die einfach nicht vergleichbar sind, mit dem füttern.

Nein, ich habe absolut gar nichts gegen Frauen, die offen und ehrlich zugeben, dass sie das Stillen hassen und daher Pre füttern. Denn es sind nicht meine Kinder und ich maße mir nicht an, eine Entscheidung für eine andere Familie zu treffen.

Aber bitte. Legt die Vorstellung ab, dass Stillen einfach oder bequem oder schmerzlos abläuft – dem ist nicht so. Es ist ein harter Kampf und langer Weg, den man nun mal durchhalten kann – oder eben nicht.

Liebes Müttermagazin, die richtige Antwort eines Magazins, das sich auf Mütter spezialisieren möchte, für Frauen, die verzweifelt sind und mit ihren Stillproblemen nicht klarkommen wäre folgende: eine Stillberatung empfehlen. Hebammen sind KEINE ausgebildeten Stillberaterinnen, die schon fast psychotherapeutische Fähigkeiten mitbringen. Sie arbeiten ehrenamtlich und sind in ganz Deutschland auf nahezu jedes Stadtgebiet verteilt. Die Verbände AFS und La Leche Liga zählen zu den bekanntesten und größten. Eine telefonische Beratung ist IMMER möglich und ganz ehrlich – bevor man den Menschen-, Tier- und Umweltverachtenden Konzernen mit ihrer Annahme, wir alle seien dumm und naiv und manipulierbar, Recht gibt und Kohle in den sowieso schon fetten Hals wirft um literweise Pre zu füttern lohnt sich doch ein kostenfreies Telefonat mit einem ausgebildeten Profi – oder?

In einem Weiteren Punkt gebe ich Katja von Grummelmama übrigens noch Recht: jede Mutter trifft die Entscheidung selbst. Wir sollten lernen uns gegenseitig in Ruhe zu lassen.

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