Vorleben und vorleben lassen oder: warum wir alle im selben Boot sitzen.

Vorleben statt erziehen oder: warum ich anderen Eltern nicht reinquatsche.

„Zieh deine Schuhe aus, bitte.“ Das kleine blonde Mädchen hat ihren Garderobenhaken genau neben dem meines Sohnes. Ihr kleiner Bruder sitzt ihr auf der Bank gegenüber, ihre Mutter steht zwischen ihren beiden Kindern und hält die Hände in den Jackentaschen. „Los, bitte. Beeil dich ein bisschen!“, sagt sie und zeigt auf die Schuhe des Mädchens. Das kleine Mädchen wirkt müde – oder gelangweilt. Oder lustlos? Ich weiß es nicht. Bubba Ray und ich betreten die Garderobe und flöten ein fröhliches „Guten Morgen“ in die Runde.

Die andere Mutter

Diese Mutter treffe ich nahezu täglich. Sie bringt ihre Kinder zur ungefähr selben Uhrzeit. Sie wirkt gelassen und ich erkenne leicht neidisch an, dass sie viel weniger gestresst ist als ich, wenn ich meine Kinder morgens irgendwo abliefern muss. Bubba Ray setzt sich auf die Bank und schaut zu dem kleinen Mädchen aus seiner Gruppe. „Und nachher, wenn ich euch abhole, können wir ja backen“, beende ich den Satz, den ich vor der Tür angefangen hatte. Bubba Ray sieht mich an und beginnt einen hektischen Monolog über die Plätzchen-Formen, die er unbedingt ausstechen will. Ich ziehe ihm die Schuhe aus, höre ihm zu, ziehe die Pantoffeln an, öffne den Reißverschluss seiner Jacke. Im Augenwinkel sehe ich das kleine blonde Mädchen. Es tut nichts, außer: uns zu beobachten. Als wir fertig sind, hänge ich die Jacke auf und sage zu Bubba, dass ich auf jeden Fall einen Igel ausstechen will. Er meckert, dass er das selber machen will, wir einigen uns auf das Herz für mich und den Igel für ihn. Die andere Mutter raunt ihren Kindern zu, sie sollen sich jetzt aber wirklich beeilen und wir betreten die Gruppe.

 

Zwischen Ausziehen und Aussitzen

Am nächsten Morgen sind wir als erstes da. Die Mutter von gestern, das blonde Mädchen und ihr kleiner Bruder kommen wenige Minuten nach uns. Ich hocke vor meinem Kind, putze ihm die Füße und diskutiere angeregt darüber, ob Feuerwehrmann Sam der Chef der Feuerwache ist oder Hauptfeuerwehrmann Steele. Wir grüßen, das Mädchen setzt sich und wendet den Blick zu uns. „Los, Anna*, zieh deine Schuhe aus, komm.“, sagt die Mutter und steckt die Hände in die Jackentaschen. „Sam ist der Chef!“, sagt Bubba bestimmt und ich brumme, dass ich das weiterhin nicht glaube, aber naja. Als ich ihm den Reißverschluss der Jacke öffnen will, sagt er angenervt, dass er das ja schon lang alleine könnte. Ich hebe die Hände schützend links und rechts neben den Körper und lächle die andere Mutter an. Sie dreht den Kopf weg. „Anna was ist denn?“, fragt sie ihre Tochter, „wollen wir mal?“ Ihre Tochter zeigt keine Regung. Erneut fordert sie sie auf, die Schuhe auszuziehen, was sie wieder alleine nicht tut. „Dann sitzen wir das hier aus“, sagt die Mutter.

 

Das ständige vergleichen, das ständige Erziehen?

So geht das seit Wochen. Jeden Tag treffen wir die gleichen Leute in der Garderobe. Manch eine Mutter zieht ihrem Kind die Schuhe aus, so wie ich. Wieder andere Mütter tun es nicht, so wie die andere. Und weder über die eine noch über die andere kann ich mir ein Urteil bilden, was ihre Qualität als Mutter oder ihre Liebe zu ihrem Kind angeht. Es geht hier um Schuhe. Ich betrachte die Situation und stelle fest, dass sie von ihrem Kind verlangt, sich selbst die Schuhe auszuziehen, was ihr Kind scheinbar blöd findet. Ich ziehe meinem Kind die Schuhe aus, was manchmal schneller geht und manchmal in einen Streit mündet.

Innerhalb der letzten Wochen hätte ich mich mehrere hundert mal zu der anderen Mama umdrehen und ihr wissenschaftlich fundiert erklären können, wieso ihr Kind sich gerade lieber von ihr die Schuhe ausziehen lassen möchte. Ich hätte mir ein Urteil bilden und sie überreden können. Ich hätte ihr ein schlechtes Gefühl machen können, weil sie anders lebt als wir. Ich hätte sie erziehen, ihr ungefragt Tipps geben und mich einmischen können. Ich hätte das unter dem Deckmantel tun können, der ein kleines Mädchen vor einer nicht liebevoll wirkenden Behandlung schützt und es damit rechtfertigen können. Aber ich habe all das nicht getan.

 

Schlaubi-Schlumpf hat Sendepause: warum ich andere Eltern nicht erziehe
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Ratschläge sind auch Schläge.

Stattdessen habe ich über Wochen hinweg jeden Morgen meinem Kind beim Ausziehen geholfen, weil das meine Entscheidung war. Dabei haben wir geredet, gesungen, gespielt und gelacht. Nicht für die Öffentlichkeit, nicht für diesen Blog. Sondern, weil wir ganz bei uns sind.

Ja, natürlich nehme ich um mich herum wahr, wenn jemand etwas tut oder es anders tut. Aber ich umgehe die Diskussion. Ich umgehe bewusst das Erziehen anderer Eltern – aus gutem Grunde. Ich will meinen Kindern ein liebevolles Vorbild sein, Ihnen den Alltag vorleben, Ihnen Qualitäten für ihr weiteres Leben geben. Mein Ziel ist es nicht, die Welt zu retten oder gar Ihnen oder – um Gottes Willen – anderen Familien zu erklären, wie das hier alles zu laufen hat. Warum also sollte ich mich ständig damit bemühen, mich mit anderen Eltern zu vergleichen, ihnen ihre eigene Kompetenz abzusprechen und zu erklären, wie „Leben“ oder „Familie“ funktioniert?

 

Vorleben und vorleben lassen

Nach vielen Wochen, in denen Bubba Ray und ich unser Ding durchgezogen haben, stelle ich nun immer häufiger fest, dass die unbekannte Mama neben uns ihrem Kind zumindest den Klettverschluss der Schuhe öffnet. Vielleicht, weil sie sieht, dass das schneller geht. Oder weil sie pragmatisch ist und einen Kompromiss geschlossen hat. Möglicherweise, weil wir ihr in den letzten Wochen signalisiert haben, dass es uns herzlich wenig interessiert ob oder ob nicht sie ihrem Kind beim Ausziehen hilft.

Ganz sicher aber – und dafür lege ich meine Hand ins Feuer – weil wir ihr nicht gesagt haben, was sie tun muss, damit es richtig ist.

 

Bleib bei dir. Sei du selbst!
Bleib bei dir. Sei du selbst!

Bleib bei dir!

Ich könnte gut und gerne dreißig weitere Beispiele finden, in denen ich ganz in meiner Kraft und bei mir und meinem Kind geblieben bin, ohne dabei anderen Familie rein zu quatschen. Einige davon haben der Welt nichts gebracht – dass mir beispielsweise die seltsamen Blicke nicht mehr auffallen, wenn meine Kinder und ich barfuß durch die Welt laufen, verändert die Gesellschaft jetzt nicht gerade – wieder andere verändern was. Mal im Kleinen (Klettverschluss), mal im Großen. Aber egal wie wir es drehen: die Agenda ist nie, durch die Welt zu gehen und anderen dogmatisch zu erklären wie „es“ zu laufen hat, sondern gut zu sich selbst, seinen Kindern und seinen Mitmenschen zu sein. That’s it.

Das nächste Mal wenn du also das Gefühl hast, einer anderen Mutter erklären zu müssen, wie es richtig geht, atme mal kurz tief durch und erinnere dich, dass ihr alle im selben Boot sitzt. In dem, das auf stürmischer See schaukelt und dass keinen Regenschutz hat. Gegen das der Wind peitscht, in dem es arschkalt ist und erkältet seid ihr auch ständig. Genau, dieses Boot in dem wir alle zusammen tagtäglich strampeln, kämpfen, bemüht sein müssen, um den Alltag zu schaffen, der uns müder macht als jeder Alltag in all den Jahren davor es jemals auch nur ansatzweise geschafft hätte.

Und dann überleg, ob du Tipps abgeben oder einfach mit rudern willst.

Bleibt bei euch. Lebt eure Familie. Genießt die Zeit mit euren Kindern. Und lebt vor, anstatt andere Eltern zu erziehen.

Mach dein Ding, mach es nett und mach es vor. Seid gut zu euren Kindern – seid gut zueinander.

Und glaubt mir: Der Rest entwickelt sich von alleine.

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