vulkan

Vulkan in mir

Ich sehe dich.

Du stehst am Rand des Sandkastens und beobachtest dein Kind beim Spielen. Ich kann sehen, wie du den Anblick genießt und wie in dir dieses warme Gefühl hoch kommt, dieses Gefühl von Liebe, Geborgenheit. Wärme. Du betrachtest dein Kind voller Stolz und Aufrichtigkeit und gehst im Kopf die letzten 3 Jahre mit ihm durch. Es war nicht immer leicht. Eigentlich war es ziemlich oft ziemlich schwer. Es schlief nie gut, lange Zeit nicht durch. Es weinte viel. Es brauchte viel mehr Zuwendung als du jemals glaubtest geben zu können. Aber du hast es möglich gemacht. Irgendwie. Und nur mit großem Aufwand. Du hast so oft gezweifelt, immer dann, wenn dir der Kinderarzt wieder dazu riet, das Baby an das eigene Bett zu gewöhnen und auch das nächtliche Stillen oder füttern abzuschaffen. So oft sprachen sie von Gewöhnung. Und von Verwöhnen. Sie unterstellten deinem Baby, dich tyrannisieren zu wollen und dir, du würdest es verziehen. Mit jeder weiteren Frage in dir meldete sich auch dein durch deine eigene Erziehung und Sozialisation misshandeltes Bauchgefühl und forderte Dinge von dir, die sich so falsch anfühlten. Du probiertest also aus, ob dein Kind wohl tatsächlich nur Schabernack mit dir trieb und legtest es zum Schlafen in sein Kinderbett. Du saßt dabei, du hieltest seine Hand und brachst das Experiment nach wenigen Tagen, an denen du es immer wieder mit in dein Bett genommen hattest, ab. Du wolltest auch den Kinderwagen nutzen, du reichtest ihm Schnuller, als es weinte. Und stelltest dann fest, dass auch dieser Impuls, dein Bauchgefühl, das dir wieder gesagt hatte, es könnte schließlich sein, dass sie alle Recht haben, nichts weiter als ein ganz schlechter Berater gewesen war.

 

Und eines Tages war irgendwas geschehen, mit dir.

 

Du weißt es selber nicht mehr ganz genau, aber es war passiert. Du hattest einfach aufgehört, auf die Stimmen von außen zu hören und hattest einfach getan, was du richtig fandest. Und nun stehst du neben diesem Sandkasten und siehst deinem Kind dabei zu, wie es glückselig spielt. Und du bist es selbst, für diesen einen Moment: glückselig.

Dein Kind nimmt sich die Schaufel eines anderen Kindes. Dieses bricht daraufhin in Tränen aus und haut nach deinem Kind. Dein Kind nimmt die Schaufel und schlägt auf den Kopf des Kindes. Das Kind brüllt. Die Mutter brüllt. Du nimmst dein Kind zu dir. Es ist dir sichtlich peinlich. Du entschuldigst dich bei dem anderen Kind und der anderen Mutter. Dein Kind schreit, doch du bist wütend.

Wie konnte es dich nur in eine so unangenehme Situation bringen? Haben nun doch alle Recht? Ist deine ganze Art und Weise schuld? Müsstest du doch härter durchgreifen, härter erziehen?

Ich sehe, wie du deine Tasche packst und gehst. „Der Spielplatz ist für dich beendet!“, sagst du, schnallst dein sich wehrendes Kind in den Buggy, nimmst deine Tasche und gehst.

 

Zurück bleibt das weinende Kind und seine Schaufel. Und ich.

 

Ich sehe dir noch eine Weile nach und frage mich, wie es nun weiter geht. Für dich und dein Kind. In dir steigt Wut auf. Du spürst sie brodeln. Du weißt nicht wohin mit ihr. Und in deinem Kopf prasseln Gedanken aus allen Richtungen wie ein starker Regen auf dich ein. „Diese blöde Kuh von Mutter hätte nicht so reagieren müssen, als ob ihr blödes Kind nie um sich haut! Und wie kommst du eigentlich dazu, andere Kinder zu hauen? Ich habe dir doch schon tausend Mal gesagt, dass das weh tut. Das ist ne Sauerei und so gehe ich NIE WIEDER mit dir auf den Spielplatz. NIE WIEDER. VERDAMMTE SCHEISSE.“

Du haust aufs Lenkrad. Du bist laut und brüllst. Dass dein Kind weint, macht dich nur noch wütender. Es hat keinen Grund zu weinen. Schließlich ist es doch selber schuld, dass ihr nun gehen musstet. Oder wie hättest du bitte nach dieser Blamage nur eine Sekunde länger neben dieser ach so perfekten Mutti sitzen bleiben und beim Spielen zusehen sollen? Mann, verdammt. Der Tag war doch eigentlich gar nicht so schlecht. Wieso muss denn immer was dummes passieren. Wieso muss es immer eskalieren?

„Wieso kannst du denn nicht EINFACH MAL aufhören? Dich EIN EINZIGES MAL anpassen? Wieso musst du mich IMMER in solche Situationen bringen?“ Du denkst, du schimpfst, du schreist. Dein Kind weint. Du fährst zu schnell, bremst zu stark und sprichst zu laut.

 

Deine Wut hat dich im Griff.

 

Ich stehe an der Schaukel, schubse Bubba Ray an und sehe dich vor meinem inneren Auge im Auto um die Kurve biegen, das Auto vor eurer Haustür parken und dein Kind, immer noch weinend, aus dem Sitz zerren. Viel zu grob. Du hast kein Ventil und deine schnellen Gedanken helfen dir nicht, sie loszuwerden, diese Wut. Du bist so wütend. So wütend!

„Und wehe du machst gleich auch noch Theater, wenn ich dich ins Bett stecke!“, fährst du dein Kind an und stampfst wütend zur Tür. Dein weinendes, kleines Kind hinterher. Du schließt die Tür auf, schmeißt die Tasche in die Ecke und meckerst, es solle die Schuhe gefälligst ausziehen. „Verdammt“, denkst du, „ich hätte ganz anders reagieren sollen. Ich hätte der blöden Schnepfe ganz anders antworten müssen. Ich weiß es doch besser!“

Du bist wütend über all das, wozu du keine Gelegenheit mehr hattest. Du ärgerst dich über deine Reaktion. Und Schuld ist eigentlich dein Mann. Schließlich ist er nie da. Er war nie da. In diesen ganzen Jahren, in all dieser schwierigen Zeit, hattest du schließlich immer die Tage alleine mit diesem Kind. Die schlaflosen Nächte. All diese Phasen und Zähne. Das Hauen mit Schaufeln nach anderen Kindern. Nein, dein Mann muss das nie ausbaden. Alles bleibt an dir kleben.

Wieder denkst du an die letzten Jahre. An diese harten, schwierigen, traurigen Jahre. Die auch wunderschön waren, keine Frage. Aber was ist schon von dir geblieben? Wer bist du jetzt, wer warst du früher? Alles in dir schreit nach Urlaub. Doch da ist das weinende Kind, das gerade kein Recht hat zu weinen und sich plötzlich auch nicht mal mehr die Schuhe alleine ausziehen kann. „Stell dich nicht so an!“, sagst du.

 

Und schämst dich eine Sekunde später. Was hast du da gerade gesagt?

 

„Stell dich nicht so an. Er wird eine Nacht alleine in seinem Zimmer schon schaffen, wir sind schließlich alle so groß geworden.“

„Stell dich Nicht so an.  Was soll an einem Kinderwagen denn verkehrt sein? Dann schreit er eben mal kurz. Na und? Also mit uns wurde früher nicht so zaghaft umgegangen. Und wir haben es auch überlebt.“

„Stell dich nicht so an. Dann muss er nachts eben mal kurz weinen. In diesem Alter noch stillen, das ist einfach ekelhaft.“

„Stell dich nicht so an. Jedes Kind weint in der Fremdbetreuung. Das ist normal. Es geht gar nicht ohne.“

„Stell dich nicht so an und rede deinem Kind nicht immer so eine Weichheit ein.“

 

Du öffnest die Augen. Da sitzt dein 3-jähriges Kind. Es weint und schluchzt.

„Mama, ich will nicht angeschreit werden“, sagt es. Es hält sich einen Arm. Es schaut dich an. „Du hast mir weh getan.“

Du nimmst einen tiefen Atemzug. So tief, wie du ihn dir heute noch nicht gegönnt hast. Und dann nimmst du dein Kind und hältst es einfach für einige Sekunden. Du hörst deinen Herzschlag und seinen. Du spürst, wie es in deinem Arm schwerer wird. Wie es endlich aufatmen, sich entspannen kann, wie es in deine liebevollen Arme fällt. Du atmest und atmest und atmest. Und dann von vorn.

Bewusst wehrst du dich gegen jeden Impuls, an die Situation im Sandkasten erinnert zu werden. Überhaupt erinnert zu werden. An dich. An deine Kindheit. An dein Bauchgefühl. An das irgendwas in dir, dass dich in solchen Situationen so falsch, so auf ganzer Linie falsch reagieren lässt. Und du entschuldigst dich. Aufrichtig. Bei deinem Kind.

Du putzt deinem Kind die Nase, trägst es zum Sofa und denkst nicht weiter darüber nach.

Nach einer Weile stehst du auf. Siehst in den Spiegel. Du schämst dich und du hast keinen blassen Schimmer, wie du sie los wirst. Diese Wut. Dieses Spiegelbild.

Für einen kurzen Moment sehe ich mich an. Die Länge eines Atemzuges betrachte ich mein Spiegelbild. Und die Wut darin. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich sie los werde. Meine Wut. Mein Spiegelbild.

 

„Mama? Schubst du mich an?“

 

Ich denke an dich, unbekannte Mutter.
Du bist nicht allein.

 

 

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