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Warum Abstillen nichts mit Erziehung zu tun hat

(Auszug aus einer Kolumne auf derStandard.at Den kompletten Artikel inklusive der ursprünglichen Antwort des Pädagogen Jesper Juul lest ihr hier)

Fragestellerin an Jesper Juul:

„Ich möchte Sie heute um eine Formulierungshilfe bitten. Unsere Tochter ist zweieinhalb Jahre alt und wird noch nach Bedarf gestillt. Bisher geschieht dies mit dem Einverständnis aller Beteiligten. Aber langsam merke ich, dass ich gern abstillen beziehungsweise das Stillen reduzieren möchte. Unsere Tochter liebt es, gestillt zu werden, und sie ist es gewohnt, dass sie das vor allem in der Nacht zum (Wieder-)Einschlafen auch jederzeit darf. Ich möchte das nun aber gern reduzieren, und ich suche nach den geeigneten Worten, um meiner Tochter zu erklären, warum ich ihr dieses „Zaubermittel“ jetzt auf einmal nehmen will.
Die Wahrheit ist, dass mein Schlaf sehr leidet unter den vielen Unterbrechungen, dem vielen Stillen. Ich möchte gern wieder besser schlafen und glaube, dass es besser wäre, wenn ich ihr in Zukunft anders in den Schlaf zurückhelfe. Vielleicht durch mehr Kuscheln – sie schläft bei uns im Bett. Nachts geht für sie momentan nur Mama, und ich würde das auch gern erstmal so belassen – weniger Stillen erscheint mir schon Veränderung genug, da will ich nicht auch noch die gewohnte nächtliche Hauptbezugsperson austauschen.

Wie erkläre ich ihr die neue Situation? Mir ist klar, dass ich ihren Frust aushalten muss, und ich möchte gern Worte finden, mit denen ich Verständnis für sie und für mich ausdrücken kann. Ich möchte sie liebevoll und mit Respekt in ihrem Frust begleiten, aber ich möchte auch, dass sie versteht, warum ich mit dem Stillen aufhören will. Können Sie mir soufflieren?“

 

An dieser Stelle könnt ihr hinüber auf die Original-Kolumne hüpfen und die Antwort des „Erziehungsgurus“ lesen. Oder ihr bleibt hier und lest die Antwort einer Stillberaterin (in Ausbildung), von der ich hoffe, dass sie die fragende Mutter erreicht.


Liebe Unbekannte,

zunächst einmal möchte ich Ihnen großen Respekt und Hochachtung aussprechen. Ich selbst stille meinen zweiten Sohn bereits seit 16 Monaten, knüpfte fast nahtlos an die Stillzeit des ersten an und weiß daher ganz genau, wie viel Kraft und Aufopferung es bedarf, ein Kind 2,5 Jahre nach Bedarf zu stillen und nicht durchschlafen zu können. Wie viel Empathie, Liebe und Großmut das voraussetzt. Wie stark und tapfer Sie sind! Wie liebevoll und taff! Das ist eine wahnsinnige Leistung, auf die Sie sehr stolz sein können und die für immer Teil Ihrer Biographie sein wird. Ich bewundere Sie und ihre Entscheidung.

Nun sind Sie müde und sehnen sich nach etwas mehr Freiraum. Sicher auch nach einer Nacht ohne geweckt zu werden und vielleicht auch danach, ihren Körper wieder für sich allein zu haben. Und das ist Ihr gutes Recht. Ich weiß genau, welche Macht hinter einer solchen Entscheidung steht und vor allem auch, was das in Ihnen auslöst. Sie sind selbst hin und her gerissen, fragen sich, ob das die richtige Entscheidung ist, ob sie sie bereuen werden und ob Ihre Tochter sich mit dieser neuen Situation gut wird zurecht finden können. Sie haben bestimmt einige Tage, vielleicht Wochen sehr eindringlich darüber nachgedacht. Eine leichtfertige Entscheidung war dies sicher nicht. Ich kann lesen, dass Sie an dem „Zaubermittel“ viel Gutes finden können. Und auch, dass Sie das Sicherheitsbedürfnis Ihres Kindes gern gestillt haben. Das, was Sie beide haben, wird Ihnen keiner mehr nehmen können. Und es wird nicht kaputt gehen, wenn Sie das Stillen nun reduzieren oder gar abstillen.

 
Das natürliche Abstillalter eines Kindes liegt zwischen dem 2. und 7. Geburtstag – damit gehört Ihr Kind also zu den jüngeren Abstill-Kindern, gesundheitlich ist es jedoch nicht bedenklich und auch psychisch wird Ihr Kind diesen – emotional begleiteten! – Schritt sicher gut verkraften. Ich möchte Ihnen also Mut machen, gut für sich und Ihre Bedürfnisse zu sorgen. Wann der richtige Zeitpunkt ist, um Abzustillen, das wissen schließlich nur Sie und Ihr Kind allein!

Es gibt einen sehr bedürfnisorientierten und dennoch konsequenten Weg, das Stillen zu reduzieren und schließlich einzustellen. Bei der Methode nach Jay Gordon legen Sie einen Zeitraum von 7 Stunden in der Nacht fest, in dem Sie nicht mehr stillen möchten. In dieser Zeit stillen Sie erst weniger und nach einigen Tagen gar nicht mehr in dieser Zeit, auch nicht, wenn Ihr Kind es einfordert. Sie bieten stattdessen andere Methoden zum Einschlafen an und – noch wichtiger – Ihre Nähe. Sie finden alle ausführlichen Informationen dazu im Link. Und darüber hinaus stehe ich Ihnen für Fragen und eine Begleitung gern zur Verfügung, wie sicherlich eine Stillberaterin in Ihrer Nähe es auch tun würde.

Seien Sie sich bewusst: auch wenn Ihr Kind sein Saugbedürfnis und Hungergefühl in der Nacht trainieren lernen wird – sein Nähe- und Geborgenheitsbedürfnis lässt sich nicht wegerziehen. Das ist da, des Pudels Kern, sozusagen. Und genau nach diesem Tempo darf der Abstillprozess sich nun richten. Protestiert Ihr Kind also in der Nacht, so helfen Sie ihm und begleiten seine Emotionen. Seien Sie da, spürbar da. Physisch und psychisch. Seien Sie klar und entschieden, bleiben Sie gern bei sich, doch signalisieren Sie Ihrem Kind stets, dass Sie noch da sind. Dass nun alles ein wenig anders wird, aber dass SIE noch da sind. Dass Sie es halten und wärmen und einen Weg finden können, seine Seele zu nähren, auch wenn dieser nicht mehr das Saugen an der Brust beinhaltet. Wie viel Zeit Sie benötigen, kann keiner sagen. Halten Sie sich nicht an Zeitfenster, sondern schreiten Sie im Tempo Ihres Kindes. Diese 10 Nächte werden anstrengend und hart – körperlich für Sie und genauso auch emotional bewegend. Sorgen Sie gut für sich! 

Es gibt keinen Grund, das gemeinsame Schlafen zu streichen, außer Sie beide möchten es nicht mehr. Und daher bin ich in diesem Punkt ganz bei Ihnen: entziehen Sie ihrer Tochter keinesfalls die nächtliche Hauptbezugsperson, sondern laden Sie Ihr für die schwierige Phase der Umstellung eher noch einen extra Tank Liebe und Nähe auf. So wird das Abstillen sicher klappen – genau so liebevoll und geborgen, wie Sie bisher mit Ihrer Tochter lebten.
Erinnern Sie sich immer wieder, dass es um Ihren Schlaf geht und nicht um vermeintliche Erziehungsziele. Ob und wie ihr Kind sich entwickelt hängt nicht allein mit der Dauer Ihrer Stillbeziehung zusammen, sondern mit sehr vielen anderen Faktoren. Unter anderem mit den Beziehungserfahrungen, die Ihr Kind in seinem Leben macht. Verlässliche, sichere Bindungen zu den Menschen, die es liebt und von dem es geliebt wird, werden immer Säulen seines Lebens sein. Auch, wenn die Brust schon lange kein Thema mehr sein wird. Haben Sie Vertrauen, gönnen Sie sich und Ihrem Kind einen liebevollen und behutsamen Abschied von einer wunderschönen Stillzeit und begegnen Sie dieser Beziehungserfahrung achtsam und respektvoll – dann werden SIE BEIDE Sie als vollen Erfolg verbuchen können.

Vielleicht können Sie nun eigene Worte für Ihr Kind finden? Sie sind der Experte für Ihr Kind. Hören Sie auf Ihre innere Stimme, auf Ihr Herz. Atmen Sie ein paar Atemzüge und denken Sie einen Gedanken. Gibt es Worte, die Sie sprechen möchten?
Die Worte, die Sie wählen, werden Ihre Tochter nicht so sehr berühren, wie die Handlungen, für die Sie sich entscheiden. Vielleicht sagen Sie Ihr, dass Sie sie lieben, immer da sein und sie halten werden. Nicht nur in den guten und bunten Zeiten – sondern eben auch dann, wenn es mal beschwerlich wird.


Ich wünsche Ihnen alle Kraft und Zeit, die es braucht, Vertrauen, Achtsamkeit und Liebe.
Und schon bald erholsame Nächte, für Sie und Ihr Kind.

Alles Liebe,
Ihre Kathrin

 


 

Sehr geehrter Herr Juul,

ich schätze Ihre Arbeit als Pädagoge und Autor einiger Erziehungsratgeber wie „Dein kompetentes Kind“ sehr. Ich weiß, dass Sie viele Menschen weltweit inspirieren konnten, beziehungsorientiert mit ihren Kindern zu leben. Sie schafften es, Eltern für die Fähigkeiten und Kompetenzen ihrer Kinder zu sensibilisieren und Mut zu machen, neue Wege zu beschreiten, fernab von Dogmen und altbackenen Erziehungsansichten. Vielleicht verstehen Sie, dass ich beim Lesen Ihrer wenig beziehungsorientierten Antwort auf die Frage einer Hilfesuchenden  erschrocken war. In einem Punkt möchte ich Ihnen Recht geben: das Abstillen hat etwas mit Loslassen der Mutter zu tun. Und das fällt wahnsinnig schwer. Die Entscheidung, nach 2,5 Jahren die Stillbeziehung zu beenden, hat in den seltensten Fällen ideologische Hintergründe. Mütter sind dann ob ihrer Leistung ermüdet und erschöpft oder wünschen sich die volle Eigenkontrolle über ihren Körper zurück. Zudem würde mich persönlich die Studie, die belegen kann, dass länger gestillte Kinder Unsicherheiten und Ängste entwickeln und Ihren Erläuterungen folgend scheinbar weniger kompetente Kinder sind als andere, brennend interessieren. Ein Kind, das seine Bedürfnisse äußert und eine Mutter, die diese langfristig erwidern möchte – das ist für mich als Stillberaterin ein Geschenk. Eine schützenswerte Beziehung, die zu ihrem Ende sicher nicht Vorwürfe, Verurteilungen und das Schüren unbegründeter Ängste benötigt, sondern Verständnis und kompetente, empfindsame Begleitung.

Als Stillberaterin, stillende Frau und bindungsorientierte Mutter möchte ich Ihnen nahelegen, die Empfehlungen der WHO, die Informationen der La Leche Liga oder der AFS e.V. zu studieren und gegebenfalls langjährige Fachkolleginnen und ihre Publikationen zu Rate zu ziehen, um künftig kompetente Kinder und kompetente Eltern auch kompetent beraten zu können. Oder eben direkt an sie zu verweisen und sich eine Antwort, die irgendwas mit einer Erziehung zu tun, die fehl am Platz ist, einfach – Sie mögen mir die Direktheit verzeihen – zu sparen.

Bei Zahnschmerzen kann schließlich nur der Zahnarzt beraten – und in den seltensten Fällen der Schuster, der lieber bei seinen Leisten bleiben sollte.

 

Hochachtungsvoll,

Kathrin B.

 


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