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Warum ich nicht tagebuchblogge im Gewand von #WMDEDGT 03/16

Also dieses #WMDEDGT von Frau Brüllen mache ich ja ganz gern mit. Hab ich auch schon HIER und HIER. Ich finde das ganz lustig, macht mir Spaß. Aber jeden Tag könnte ich das nicht.

Und wisst ihr auch warum? Ich sag’s euch.

Ich gebe zu, der folgende Umriss eines Vormittags ist nicht der des heutigen, aber er beschreibt es ganz gut. Also schnallt euch an.

Die Wahrheit ist nämlich: ich will es euch ersparen.

Es ist ein chaotischer Freitagmorgen im Januar. Es steht ein Arzttermin an, Kinderarzt. D-Von muss zur U-irgendwas, Bubba Ray hat einen seltsamen Ausschlag in der Kniekehle – nichts dramatisches, aber schon ein paar Wochen alt und deshalb möchte ich den Arzt gern einen Blick darauf werfen lassen. Die Häufigkeit der Arztbesuche mit Bubba Ray muss sehr wohl dosiert werden, denn aufgrund seiner Hochsensibilität lässt er sich überhaupt nicht gern von anderen Menschen anfassen (Arzt, Frisör, Menschen die nicht zur Familie gehören, andere Kinder) und dass der Arzt noch dazu so freaky Geräte benutzt um in sein Körperinneres zu sehen (Holzstäbchen, Ohrlampe) und zu hören (Stetoskop) erzeugt eine an Panik grenzende Angst. Ich weiß das, ganz genau sogar und mache den Fehler, es gut zu meinen und ihn frühzeitig darauf vorbereiten zu wollen. Am Frühstückstisch erwähne ich also halb singend um ihm ein gutes Gefühl zu geben, dass wir trallalala zum Arzt fahren uuuuuuuund daaaaaaann neeeeee Pooooommmeeeeess eeeeeeeesseeeeen. Juhuuuuuu!

Er durchschaut mich sofort, spürt den Terror in meiner überspitzten guten Laune, sieht mich an und entgegnet ein trockenes: Nein.

Läuft bei mir, denke ich. Bergab zwar, aber läuft.

Die folgenden 40 Minuten sind laut, weil Bubba Ray schreit, denn Arzt ist für ihn inakzeptabel. Und D-Von schreit auch, dem ist es zu laut und Angst wird er vor seinem Bruder auch haben. Und ab jetzt kannste den Tag vergessen, denn folgendes passiert: wir schlittern geradewegs in einen Strudel aus STRESS. Mich stresst die Lautstärke, Bubba Ray stresst mein Stress, mich stresst sein Theater, D-Von stresst unser Strudel, alle schreien und heulen, manchmal gleichzeitig und der übliche allmorgendliche Stress aus wickeln-wickeln-anziehen-anziehen-wiederwickeln-waschen-wiederwickeln-anziehen-losgehen ist ja auch noch da. Dauert also nicht lange, da ist Bubba Ray ein einziges Wrack aus Tränen, Wut und dem Flehen, wieder ins Bett zu dürfen und D-Von halt ein schreiendes Baby. Und mir raucht der Kopf. Im letzen halben Jahr habe ich begriffen, dass mich jetzt NICHTS mehr retten wird, außer: entschleunigen wo geht. Also Handy raus, Tagesmutter anrufen und fragen, ob man die Pläne doch noch ändern und Bubba Ray einen schönen Vormittag mit den Freunden bescheren kann. Der Ausschlag wird noch warten können. Zum Glück gehört unsere Tagesmutter zu den besten Menschen auf diesem Planeten, willigt ein und so sitzen wir weitere 30 Minuten später endlich alle im Auto.

Bubba Ray hüpft gutgelaunt und freudestrahlend aus dem Auto und rennt mit offenen Armen auf sie zu, als wollte er sagen: Du rettest mir mein Leben, Mama und der Arzt haben versucht mich zu töten. Jaja, scrollt ruhig nochmal hoch, es geht nur um einen Ausschlag. Er hätte nur kurz die Jeans ausziehen und – ach lassen wir das.

Ich sitze im Auto, bin viel zu spät dran, werde schon wieder von der Arzthelferin mit bösen Blicken bestraft werden, wenn ich jemals ankomme, denn Parkplätze gibt es freitags vormittags nicht, das Parkhaus hat aber noch ein Plätzchen frei. Ganz hinten unten aber egal.

Ich parke ein, binde D-Von in die Tragehilfe und spaziere durch den Regen los zum Arzt.

Als ich ankomme, bin ich klitschnass. D-Von hat ein Regencape an – da geht’s. Den Schirm hab ich also vergessen. Im Aufzug will ich schon mal die Versichertenkarte rauskramen und fummele an der triefenden Tasche rum, auf der Suche nach dem Portemonnaie. Doch ich finde es nicht. Ich habe es vergessen.

Die Karte ist im Portemonnaie. Das zu Hause ist. Wo es keiner braucht.

Okay, keine Panik. Die Sache mit dem Ausschlag ist ja eh noch nicht geklärt, ich muss also sowieso nächste Woche wiederkommen und reiche die Karte nach. Die Arzthelferin hasst mich, ich bin zu spät, tropfe den Boden, den sie jetzt gleich wischen muss, voll UND habe die Karte vergessen. Ich locke mit dem Termin nächste Woche und hoffe, sie mag mich gleich wieder. Doch sie schickt mich schlechtgelaunt „nach Zimmer 4“ und ich kann nicht anders als darüber nachzudenken, dass es doch „in Zimmer 4“ heißt. Ich klemme es mir, würde unserer Freundschaft nicht gut tun.

In Zimmer 4 ziehe ich D-Von aus und frage mich, wie man so blöde sein kann, sein Portemonnaie zu vergessen, man gut, dass ich an die Schlüssel gedacht habe. Die Schlüssel zum Auto. Ach das Auto. Moment. Steht das nicht im Parkhaus? Und wie kriege ich das da wieder raus? Ohne Geld?

Denn das Geld, das ist ja im Portemonnaie und ihr erinnert euch: genau. Das liegt zu Hause.

Keine Panik, denke ich und versuche zu rekonstruieren, wie oft ich das heute schon gesagt habe. 25 Mal, ganz grob geschätzt. Schutzbehauptung! Die Wahrheit ist: ich bin außer mir! Mein Mann arbeitet eine Stadt weiter, mein bester Freund, der den Wohnungsschlüssel hat, hat keinen Führerschein und bräuchte mit Bahn und erst zu uns und überhaupt erstmal wach werden ab jetzt so an die 2 Stunden und was mache ich bis dahin, im Regen, ohne Geld, mit Baby, in der Stadt?

Mir fällt ein, dass eine Freundin bei der Bank in der Nähe arbeitet. Ich rufe sie an und frage, ob ich mir Geld leihen darf, was zum Glück kein Problem ist. Puuuuuuuh, Schwein gehabt. Jetzt aber erstmal D-Von.

Der Arzt fummelt an ihm rum und macht irgendwelche Turnübungen, ich zweifle im Kopf mal wieder die Notwendigkeiten dieser U’s an und nach gut einer halben Stunde stehen wir wieder im Regen, auf dem Weg zur Bank-Freundin.

Sie leiht mir zehn Euro und auf den Schreck entscheide ich, mir erstmal ein Brötchen zu kaufen.

Und mit einem flauen Gefühl im Magen verbiete ich mir den Kaffee dazu: „Bei deinem Glück“, denke ich, „reicht dann gleich das Geld nicht“.

Ich krümele D-Von auf den Kopf, während ich das Brötchen im Laufen esse und steuere auf das Parkhaus zu. Es sind nun fast 2 Stunden vergangen, seit ich mit zwei brüllenden Kindern das Haus verließ. Das heißt auch: es sind jetzt 6 Stunden vergangen, seit der erste wach war.

Ich bedauere den armen Obdachlosen der im Regen vor dem Parkhaus um ein paar Cent bettelt und nehme mir vor, ihm gleich mein Restgeld zu geben, wenn das Ticket gelöst ist.

Gesagt, Getan. Ich stecke das Ticket ein, zahle, latsche wieder raus, schenke ihm mein Geld, fühle mich selig und schlendere mit dem vollgekrümelten Baby zum Auto.

Ihr erinnert euch: ganz hinten, ganz unten. Mein Auto. Ich bin klitschnass und auch verschwitzt, D-Von pennt noch, als ich ihn aus der Trage nehme und in die Babyschale verfrachte. Ich fahre nach oben zur Schranke, freue mich auf die Mittagspause, sehe den Automaten und denke:

Wo zur Hölle ist das Ticket? Nach kurzem, panischen Abtasten und Auto-Durchwühlen ist klar: ich hab es stecken lassen.

Hupend, winkend, gestikulierend mache ich dem Typen hinter mir klar, dass ich zurücksetzen muss, der ist total entnervt, ich aber mittlerweile auch, weshalb ich das Fenster runterkurbele und ihm im vorbeifahren nicht ganz gewaltfrei ein paar meiner liebsten Schimpfwörter zuwerfe. Ich verliere den Verstand und die Geduld, jetzt wird D-Von auch noch wach, Parkplatz ist – richtig – ganz hinten ganz unten, ich könnte k*tzen. Wie dumm ich bin!

Steige aus, knalle Türen, schnalle das Baby wieder in die Trage, renne zum Automaten, denke: ALS OB! Und behalte leider Recht. Keiner der umstehenden Menschen haben mein Ticket gesehen. Es liegt nicht unter dem Automaten, nicht auf dem Weg zum Aufzug, auch nicht IM Aufzug, natürlich, keine Überraschung: es ist weg.

Es ist 12 Uhr. Der Termin war um 10 Uhr. Losgefahren bin ich um 9.30 Uhr. Wach bin ich seit 5 Uhr. Ich habe wirklich keinen Bock mehr. Noch ein einziger Fehler im System und ich $%#&@%#$£%# *hier wüste Beschimpfungen nach Bedarf einfügen*

 

Der Automat ist auf Ebene 0, mittig. Das Servicehäuschen auf Ebene 1, auf der exakt anderen Seite als mein Auto, welches auf Ebene 3 parkt. Selbstverständlich.

Während ich überlege, was ich wohl in meinem vorigen Leben falsch gemacht haben muss, stapfe ich wutentbrannt den Weg zum Servicehäuschen. Mann bin ich sauer. So ein blöder Tag. D-Von schimpft wutentbrannt, dazu hat er jedes Recht, ich habe mindestens genau so einen Hunger. Und auch nicht mehr so viel Zeit! Bubba Ray wird schließlich nicht ewig betreut und ich bin 10km vom Haus der Tagesmutter entfernt!

Der Mann im Servicehäuschen kann meinen gestressten Ton nicht leiden und winkt ab. Nö, nix gesehen, nix gehört. Nagut, sage ich, das ist das eine. Aber wie bekomme ich nun mein Fahrzeug durch die Schranke?

An dieser Stelle möchte ich euch etwas über die Region erzählen, in der wir leben. Das Ruhrgebiet. Und dann auch noch ziemlich zentral.

Die Menschen, die hier leben, sind sowas wie der offene Hosenstall des Landes. Solange ich nicht am Sack friere, issesmiregal.

Für einen guten Kalauer, in rotzig-motzendem Unterton und mit Kippe auf’m Zahn is‘ aba immanoch Zeit.

Ich wiederhole meine Frage also nochmal so, wie der Ruhrpott-Mann mit Kaffee so schwarz wie Blumenerdewasser und Bockwurst-Mittach sie versteht: „Ja und nu‘?!“

Schulterzucken. „Ker, dat is‘ aba auch sowat von doof seine Katte stecken zu lass’n wonnich?!“

„Ja sia“, sage ich. (= Ja, sicher!) Ich schunkele den brüllenden D-Von und wiederhole: „Wat soll ich denn gezz mach’n?“

Die Bockwurst antwortet, Makroteilchen an die Glasscheibe spuckend: „Watweissich. Bus faahn!“

„Ich hab mein Geld vergessen! Wie soll ich denn Bus fahren?“

„Aba du hass‘ doch grad gesacht, datt du dat Ticket bezahlt hass‘! Oder gezz dochnich? Wat denn nu?“

„Ja sia habbich dat bezahlt, gezz habbich aba nix mehr! Soll ich gezz hia im Regen stehn bleim oder wat?“

Schulterzucken. Nein, er friert noch nicht am Sack. Und ich störe ihn beim Mittagessen. Es ist ihm egal.

„Hömma, da musses doch ’ne Lösung geben!“, sag ich.

„Ja sia!“, sagt er, tunkt die Wuass‘ (= Wurst) in Senf und sagt: „Ohne Moos nix los!“

Er erklärt mir, dass es zu einem Pauschalpreis ein Ausfahrticket gäbe, das ich ja aber nicht bezahlen kann, weil ich mittellos bin und als ich ihm gerade androhe, mein Kind an Ort und Stelle, nämlich direkt an der Schranke zu stillen UND zu wickeln kommt eine feine Dame mit poliertem Mercedes vorgefahren, hält an, steckt den Kopf unter die Wachsjackenkapuze und kommt auf das Häuschen zugelaufen.

„Da hat jemand seine Karte verloren!“, sagt sie in feinstem Hochdeutsch, hilfsbereit und gütig und ich schaue auf das Nummernschild. Sie ist nicht von hier.

 

Versteht mich nicht falsch: ich liebe diese Stadt. Ich liebe das Ruhrgebiet.  Ich bin seit 10 Jahren hier und werde nirgendwo anders mehr hingehen. Und die Menschen liebe ich auch. Ich bin selber so ein Kalauer-Clown geworden. Doch an so einem Tag bleiben mir selbst meine eigenen Witze im Halse stecken.

Ich kehre um 13 Uhr in unsere Wohnung zurück und das Baby, das nun fast 2 Stunden nichts getrunken hat, wird ausgiebig gestillt. Mein Mittagessen fällt aus, denn nach Stillen, wickeln, selber umziehen weil klitschnass und endlich einen Kaffee trinken, schreibe ich erst einmal meinen Freundinnen. Titel: Ey ihr glaubt nicht, was mir heute passiert ist.

Dann steige ich ins Auto und fahre los, um Bubba Ray abzuholen.

In meinem Kopf herrscht Stille, zum ersten Mal am Tag. Ich fasse zusammen: 2 Stunden Stress und Tobsucht am Morgen. 45 Minuten im Auto. Zu spät beim Arzt. Keine Karte, kein Geld. Minutenlange Umwege durch den Regen mit Baby. Ticket im Automaten stecken lassen. Streit mit dem Servicemitarbeiter (welch Farce!). Keine Mittagspause, kein Mittagessen. Gestresstes Baby. Und ich erinnere mich, wie ich bereits um 9 Uhr dachte, dass man diesen Tag hätte abhaken können. Diese zehn Minuten Autofahrt zur Tagesmutter haben etwas Meditatives gerade. D-Von schläft wieder und endlich stellt es sich ein:

Das Gefühl, mich selbst auslachen zu können.

 

Und so lache ich, im Auto, wie eine, die den Verstand verloren hat und lache und lache und lache. Was.ein.Tag.

 

Und kurz bevor ich in die Straße einbiege, in der die Tagesmutter wohnt, erinnere ich mich an den Obdachlosen, der vor dem Parkhaus saß. Und bin sicher: sein Tag war noch viel beschissener.

 

Nee, ich will euch nicht langweilen mit Pleiten, Pech und Pannen aus unserem Familienalltag. Da gibt es sehr viel bessere Blogs, die schaffen das auch mit weniger Wörtern. Ich für meinen Teil schließe die Erinnerung an diesen und die vielen Tage, die ähnlich chaotisch, unstrukturiert und einfach ätzend sind, ein und mache mir selbst ein Versprechen, mir und meinen Kindern, jeden Tag einmal:

Morgen wird besser.

 

{Weitere Tagebuchblogposts findet ihr heute bei der Linkparty von Frau Brüllen und unter dem Hashtag #WMDEDGT}
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