Was Dr. Ferber, Annette Last-Zahn und meine Eltern mich lehrten

Was Dr. Ferber, Annette Kast-Zahn und meine Eltern mich lehrten

Für viele Menschen meines Umfeldes war der Schritt, den ich erst kürzlich beruflich machte, wahnwitzig und grob schwachsinnig. Für mich nicht. Ich sitze jetzt 50% meiner Arbeitszeit auf Krabbelmatten ab und bespreche Dinge mit Eltern, die sie und ihre Kinder betreffen und zwar auf eine Weise und mit einer inneren Haltung, die ihre Bindung stärkt, Beziehung in den Fokus stellt und weg geht von Foltermethoden á la „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Erst gestern saß ich wieder dort, sprach mit den Eltern über die – teilweise kräfteraubenden – Schlafverhalten ihrer Kinder und unterdrückte mehr als einmal den Wunsch zu weinen. Nicht, weil die Eltern so gewalttätig sind – nein. Sondern weil ich selbst eben jenen Methoden einst zum Opfer fiel. Ob meine Mutter dieses schreckliche Buch, gegen das ich mich – auch trotz der Überschrift dieses Artikels – direkt positionieren möchte, je gelesen hat, weiß ich nicht. Ihre pure Überforderung und Müdigkeit ließen sie aber Dinge tun, von denen sie heute als Fehler spricht und die sie, im heutigen Wissen, nicht mehr so durchsetzen würde. Und jedes Mal wieder, wenn ich in meinem Kurs auf das Thema Schlafen zu sprechen komme, meine eigenen Dämonen sich melden, ich mich erinnere und selbst erkenne, passiert etwas sehr großartiges: das, was mich hätte vermeintlich brechen und kaputt kriegen sollen, holt das Beste aus mir heraus.

 

Was Dr. Ferber, Annette Kast-Zahn und meine Eltern mich lehrten

Voller Inbrunst höre ich mir die Situationen der Familien an, springe auf Pezzibällen rum, führe Yoga- und Atemübungen vor, gebe Tipps für ruhige Bewegungsspiele, spreche mit den Eltern über ihre eigenen Grenzen und wie sie diese formulieren und dennoch in Beziehung bleiben. Nie, in keinem Gespräch, sind wir weiter weg von diesem fürchterlichen Buch, als genau dann. Und doch ist es nie präsenter. Wenn ich dann nach der Stunde in meinem Auto sitze, atme ich selbst tief durch. Denke an mein dunkles Zimmer und den Flur vor meiner Tür, in den nur dieser winzig kleine Lichtstrahl fiel, der mir eigentlich immer zu wenig war. Ich erinnere mich auch an die Angst und an die Einsamkeit. Und ich klopfe mir auf die Schulter, denn: keines meiner Kurskinder wird das, zumindest heute Abend, erleben. Nein, die Eltern werden die Zehenspiele und Kindermassagen probieren und vielleicht etwas früher Bescheid sagen, dass sie übermüdet und überfordert sind und dass sie Hilfe brauchen. Oder Ruhe. Und dann gibt es, und wenn auch nur für diesen einen Tag, acht Kinder weniger auf der Welt, die sich in den Schlaf weinen müssen. 

Haben mich das Dr. Ferber und Annette Kast-Zahn gelehrt? Nein, im Leben nicht! Aber von meiner Mama hab ich etwas gelernt, das so wichtig ist, dass ich es hier aufschreiben will. Denn auch meine Mutter ist mit in diesen Kursen, jedes Mal. Ganz tief eingeschlossen in mein Herz. Denn: meine Eltern mögen Fehler gemacht haben. Sie mögen die Schlafsituation nicht stressfrei gelernt haben zu gestalten. Und ja, klar, das verfolgt mich auch heute als Erwachsene noch. Aber mehr noch prägte mich ihre Entschuldigung. Ihre aufrichtige Erkenntnis, dass das nicht alles richtig war, was da ablief. Für mich, als ihr Kind, brachte das Frieden. Dass da nicht zwei Menschen sind, die auf ihre Methode bestehen, die mein Leid klein reden und mir meine Wahrnehmung versauen. Sondern die, sehr groß und ehrlich, sagten: „Es tut mir leid“

Du kannst dich immer entschuldigen!

Eltern sind verunsichert. Nicht wegen ihrer Verwandten oder den doofen Sprüchen anderer, sondern weil hinter jeder Träne des Kindes diese große Unbekannte liegt: habe ich mein Kind jetzt „nur“ verletzt oder fürs Leben versaut? Habe ich es negativ geprägt und negative Glaubenssätze gepflanzt, die es nie wieder wird lösen können? Leidet unsere Bindung, unsere Beziehung? Habe ich was kaputt gemacht? Kann ich es nur irgendwie rückgängig machen?

Euch allen sende ich ein Lächeln meines inneren Kindes, das diese Zeit nie vergessen und nie klein reden wird, aber das geheilt ist. Das eine wunderbare Bindung zu den eigenen Eltern hat und das verzeihen kann. Nicht wegen, sondern TROTZ all den Fehlern, die in diesen Jahren geschehen sind. Das ist meine wichtigste Eigenschaft: das Verzeihen. Und das Vertrauen darauf, dass Bindung – dieses tiefe Band aufrichtigen Respekts, Geborgenheit und Liebe – unsere Fehler aushalten kann. Das macht sie schließlich aus: eine echte Verbindung zwischen Menschen, die Verletzungen und Wunden trotzt. Das ist, was ihr euren Kindern mitgebt, was sie brauchen und was sie sich wünschen. Und plötzlich verlieren Fehler ihre Übermacht, plötzlich schwindet die Angst davor, welche zu machen. Sie gehören zum Leben dazu, sie sind unerlässlich! Fallen lernt man nur durch Fallen!

 

Bindung ist nicht nur eine Idee

Wir sind uns einig, dass das hier nicht bedeutet, dass ihr nun dieses Buch doch nutzen sollt, um euren Kindern endlich das (Durch-)Schlafen beizubringen – ist ja nicht so schlimm, wenn ihr euch anschließend nur entschuldigt. Nein. Ich glaube: wenn du bis hierhin weiter gelesen hast, dann weißt du schon selbst, dass es Alternative zur Ferber-Methode gibt oder du suchst zumindest danach. Das schätze ich sehr, denn JA, es gibt sie* und sie tun nicht so weh. Aber solltest du, wie meine Eltern vielleicht, zu jenen Menschen gehören, die die Zeit nicht mehr zurückdrehen können, möchte ich dir sagen, dass du das auch nicht musst. Ab jetzt, ab HEUTE, weißt du es besser, kennst die Antworten und machst es anders. Und dein Kind wird dich dabei beobachten, wie du nicht steif und starr auf deiner Methode beharrst, sondern Fehler erkennst. Sie nicht rückgängig machen kannst, aber auch nicht wiederholst. Und manchmal ist das auch schon alles, was ein Kind braucht, um zu heilen.

In diesem Sinne: verzeiht euch, wenn ihr heute eine andere Mutter seid, als beim ersten Kind – so wie ich vielleicht. Wenn ihr Fehler gemacht habt, über die ihr heute nur den Kopf schütteln könnt. Oder wenn ihr euch manchmal fragt, ob ihr je wieder gut machen könnt, was ihr vielleicht verkackt habt. Bindung ist nicht nur eine Idee. Viel mehr ist sie ein wirklich starkes, wirklich großes Band, das selbst eine harte Straffung aushalten kann, ohne zu reißen. Es kann sich strecken und zusammenziehen und es kann lernen, seine Wunden zu heilen. Wenn man ihm nur hilft.

Verzeiht euch selbst, damit euer Kind sieht, wie das geht. Dieses Verzeihen. Und das Vertrauen darauf, dass Bindung eure Fehler aushalten kann.

In diesem Sinne: seid gut zu euren Kindern. Und zu euch.

 

 


*Buchtipps um es anders zu machen:

Nora Imlau / Dr. Herbert Renz-Polster: Schlaf gut, Baby!: Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten (GU Einzeltitel Partnerschaft & Familie)

Elizabeth Pantley: Schlafen statt Schreien: Das liebevolle Einschlafbuch

Sibylle Lüpold: Ich will bei euch schlafen!

Remo H. Largo: Babyjahre: Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren

 

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