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Weitere Babies? Ein Abschied.

Sie begegnen mir überall. In meinen Kursen, bei der Tagesmutter meiner Kinder, in jeder Stillberatung. Und die riechen so verdammt gut! Ich sehe sie auf offener Straße, in Cafés, im Park, auf Spielplätzen und selbst beim Einkaufen! Sie füllen meine Timeline bei Twitter, Facebook, Instagram, Pinterest und liegen auf Bildern, Flyern oder Prospekten auf meinem Schreibtisch. Ständig, wirklich andauernd, werden sie mir unter die Nase gehalten und ich.kann.nicht.anders, als jedes Einzelne von ihnen so bezaubernd zu finden, als wäre es das erste Mal, das ich eines sehe: Babies.

Ich liebe Kinder, selbstverständlich vor allem meine eigenen. Letztens las ich so eine Testfrage in irgendeinem Magazin, mit was oder wem ich am liebsten Zeit verbringe und instinktiv sagte meine innere Stimme: „Mit meinen Kindern“. Und das stimmt, das ist kein Büllerbü-Gequatsche, nein. Es stimmt wirklich. Sie treiben mich zur Weißglut, gehen mir so dermaßen extrem auf den Sack, treiben mich an meine persönlichen Belastungsgrenzen und manchmal darüber hinaus, aber es gibt niemandem, bei dem ich lieber bin. Sie fehlen mir an den Morgenden, an denen sie weg sind – und da das in wirklich guten Monaten vielleicht so insgesamt 10 sind, ist das fast schon affig. Ich bringe sie stolz überall dort mit hin, wo ich weiß, dass sie so wie sie sind akzeptiert sind und keine tradierten Ansichten sie stressen, reglementieren oder klein halten können. Solche Adressen meiden wir und verbringen unsere Zeit lieber woanders. Bubba Ray und ich teilen jetzt bereits ein gemeinsames Hobby, das Gärtnern nämlich und D-Von ist der einzige Mensch auf der Welt, bei dem ich extrem viel, klammernde, körperliche Nähe tatsächlich aushalten kann.

Ich liebe meine Kinder und ich wünschte, ich hätte einen ganzen Stall von ihnen. Aber es ist vorbei.

 

Ich will nicht einen Tag in meinem Leben wieder schwanger sein

Der 24.04.2013 wird bis ans Ende meines Lebens – und das ist keine Untertreibung – eine Rolle für mich spielen. Als ich an diesem Morgen gegen halb fünf wach wurde und zum Klo rannte, um mich mit einer solchen Wucht, unerklärlichem Schmerz und dem begleitenden Gefühl der absoluten Hilflosigkeit, erbrach (und erst am 17. November 2013 damit aufhörte), endete das Leben, das ich zuvor geführt hatte. Und zwar abrupt.

Fast sieben Monate lang bestand mein Tag daraus, zu kotzen. Oder in einem abgedunkelten Zimmer die Decke / das Rollo / den Nachttisch / den Schrank anzustarren, unfähig mich zu bewegen, den Kopf zu heben oder mich zu drehen. Jede Bewegung löste neue Übelkeit aus. Oder ein Erbrechen, das so schmutzig, so ekelhaft, so erniedrigend war, dass ich lieber sterben wollte, als es noch einmal hinter mich bringen zu müssen. Es half kein beschissener Ingwer, auch keine lustigen Globuli und verdammt nochmal vor allem nicht, mein Kind „doch nur endlich anzunehmen“. Nein, die Wahrheit ist: es halfen Infusionen, in Krankenhäusern. Ambulante oder stationäre Aufenthalte, eine Krankschreibung und: die Zeit. Vier Wochen vor der Geburt meines ersten Kindes hörte es auf und ich hatte diese glücklichen vier Wochen, die meine einzige Erinnerung an sowas wie eine gute Schwangerschaft sind.

Nach Bubba Ray’s Geburt hatte ich das Gefühl, eine schwere Krankheit überstanden zu haben. Und nicht, schwanger gewesen zu sein. Ich glaube bis heute, dass die Tatsache, dass mich meine Gesundheit so maßlos im Stich gelassen hatte, der Grund dafür ist, dass ich mich in den ersten Tagen und Wochen so sehr an ihn gewöhnen musste. Ich hatte das Gefühl, ich kenne ihn gar nicht. Ich hatte dazu ja auch nie Zeit gehabt.

Nachdem ich – in meinen Augen und anhand meines damaligen, eigentlich nicht vorhandenen, Kenntnisstandes über Babys, Kleinkinder und Hochsensibilität – irgendwann endlich in der Rolle der Mutter angekommen war (vorher hatte ich eigentlich einfach nur das Gefühl, alles (!) zu verkacken), wurde ich wieder schwanger. Ich erfuhr es deutlich früher als beim ersten Mal; die Übelkeit setzte erst 4 Wochen nach dem positiven Test ein. Ich hatte also bis zu diesem Zeitpunkt wirklich ernsthafte, gute Hoffnungen, dieses Mal ohne sie da raus zu kommen. Ich hatte bessere Medikamente, die ich bereits vorsorglich nahm und zwar in der höchsten erlaubten Dosis – beim kleinsten Anflug von Übelkeit. 23 Wochen lang brachte das nur minimale Erleichterung. Dann war es endlich rum. Die zweite Hälfte meiner Schwangerschaft hielt ich mit den Medikamenten durch. Jeder Versuch sie abzusetzen, scheiterte. Jedes Mal drohte mein Magen mir mit erhobenem Zeigefinger mit Krankenhaus.

Ich verabschiedete mich vom Gedanken, je ohne Komplikationen und Krankheit schwanger sein zu können. Und brachte es hinter mich.

 

Vier Jahre später

Vier Jahre nach dem ersten Kotzmorgen. Vier Jahre nach dem ersten positiven Schwangerschaftstest. Vier Jahre nach der Überlegung, die Schwangerschaft abzubrechen, weil ich nicht wusste, ob ich das überleben könnte.

Vier Jahre nach einer Nacht Ohnmacht auf dem kalten Badezimmerboden, in der eigenen Pisse. Vier Jahre nach ohnmächtig werden bei alltäglichen Bewegungen. Vier Jahre nach dunklen Tagen auf Sofas, in Betten, über allen möglichen Schüsseln. Vier Jahre nach tagelang nichts trinken können. Vier Jahre nach dem ersten Tag Hyperemesis Gravidarum.

Und etwas mehr als 3 Jahre nach der Geburt dieses wundervollen, mir alles bedeutenden, so wichtigen, so unersetzlichen kleinen Menschen, der das Beste aus mir heraus holt und für den ich jeden einzelnen dieser Kotz-Tage doppelt so schlimm wieder durchmachen würde.

Und fast 2 Jahre nach der Geburt dieses unbeschreiblich liebevollen, herausragenden, anders-als-alle-anderen Kindes, dessen Liebe und Empathie mir täglich eine Gänsehaut aus Stolz und Demut beschert.

Und, nach dessen Geburt klar war: das war’s.

Zwei mal Hyperemesis Gravidarum in 2 Jahren

Zwei dicht aufeinanderfolgende Schwangerschaften und Geburten sind eine riesige Anstrengung. Aber die Komponente Hyperemesis Gravidarum (HG) hat mich umgehauen. Ich bin aus der Schwangerschaft mit D-Von so geschwächt und am Boden raus gegangen, dass es keine Verschlechterung mehr hätte geben können. Und jede Mutter weiß, dass die Schwangerschaft und Geburt erst der Anfang der anstrengenden Zeit ist.

Es ist 2017 und noch heute muss ich die Schwangerschaften, die mich belasten, plagen und nachts nicht schlafen lassen, in einer Therapie aufarbeiten. Mir ist es mittlerweile nicht mehr peinlich das zu sagen, denn ich gebe meiner Angst, Trauer, meinem Neid und Hass, meiner Wut und meiner Frage nach dem „Warum“ ihren Raum. Und das ist okay. Ich schaffe das schon.
Aber mir fehlt hier was.

Der Wunsch nach einem dritten Kind wird immer lauter. Und auch wenn es hier noch oft genug drunter und drüber geht, und es jetzt vielleicht auch ohnehin nicht der richtige Zeitpunkt wäre, ist bei jedem Stillberatungs-Hausbesuch da wieder dieses Ziehen in der Brust. Diese laute Vermissung eines „K3“. Das es nie geben wird.

 

Angst und das Gefühl: „DAS schaffe ich wirklich nicht“

Ich weiß, dass es eine minimale prozentuale Chance gäbe, dieses Mal ohne HG durch die 40 Wochen zu kommen, aber ich glaube nicht daran. Und ich habe zu große Angst.

Angst vor der Kotzerei und dieser alles zerfressenden Einsamkeit, die keiner nachvollziehen kann, wenn man es nicht erlebt hat. Angst vor dem Druck von außen, sich doch freuen zu müssen und es einfach nur zu hassen in diesem Zustand zu sein. Angst davor, der Welt sagen zu müssen, dass du schwanger sein verabscheust und dass du, gäbe es diesen Weg, die Pause-Taste drücken und erst wieder lösen möchtest, wenn es vorbei ist.

Keine rosaroten Wolken. Keine typischen Schwangerschaftsprobleme. Kein Nestbau. Kein Kinderzimmer einrichten. Keine Babyparty. Nur dieses Gefühl, es dieses Mal wirklich nicht zu schaffen und dich 40 Wochen lang, Tag ein, Tag aus, überreden zu müssen, die Schwangerschaft nicht zu beenden.

Und so verabschiede ich mich erneut von meinem dritten Kind, das eine riesige Lücke hinterlässt und das ich noch lange, lange Zeit, vermissen werde. Vielleicht für immer. Ich weine angesichts der Ungerechtigkeit. Und angesichts der Vermissung. Aber: das war’s.

D-Von, heute 22 Monate, schläft auf meinem Bauch, ganz so, als wäre er gerade frisch geboren. Das wird er nicht immer tun können und ich werde es auch nicht immer mögen. Aber heute schließe ich für einen Moment meine Augen und erinnere mich an dieses Baby-Gefühl. An den Geruch eines Baby-Kopfes. An dieses unbeschreibliche Gefühl, ein gerade vor wenigen Minuten geborenes Baby auf dem nackten Bauch liegen zu haben.

Und ich winke ihm oder ihr zu. Und dann lasse ich es fliegen.

 

 

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