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Wie meine Söhne Brüder wurden.

Ich kann mich noch an das Gefühl erinnern, schwanger, mit diesem ganz fremden Baby in meinem Bauch. Und ja, mir ist die Tragweite dieses Ausdrucks sehr wohl bekannt, „fremdes Baby“. Und ja, ich weiß, dass es Mütter noch und nöcher gibt, die nicht begreifen können, wie einem das eigene Kind im Leibe fremd sein kann. Und jaaaahaaaa, ich weiß es doch, schwanger sein heißt, über alle Maßen glücklich sein, gefälligst bitteschön sieh‘ zu. Nun ja, ich war es, zweimal sogar. Also schwanger. Glücklich – nein. Tut mir sehr leid. Eine Schwangerschaftskrankheit namens Hyperemesis Gravidarum hatte dafür gesorgt, dass ich es nicht genießen konnte. Weder die Schwangerschaften, nicht mal an einem einzigen Tag, noch die Babies. Es paarte sich das schlechte Gewissen, da ich Medikamente in der Schwangerschaft nahm und kein positives Wort darüber sprechen konnte, mit einer schier unvergleichbaren Angst, dass es meine Kinder sein könnten, die zwei von den tausenden, die nun doch Nebenwirkungen der Medikamente spüren könnten, mit denen etwas nicht stimmen könnte, denen ich gerade schaden könnte. Ein Genuss waren die 2x 40 Wochen also nicht. Mir waren meine Kinder fremd, bis zu dem Zeitpunkt, als ich sie in meinen Armen halten konnte. Als sie aus meinem Bauch heraus waren, als die Übelkeit, das Erbrechen, die Krankheit verschwunden war und ich Kinder hatte, die mich für die Hölle, die ich hatte durchmachen müssen, belohnten. Und ab diesem Zeitpunkt- und dafür werde ich immer dankbar sein – war da kein fremdes Gefühl mehr. Ich hatte mein Baby im Arm und wusste, dass nach 40 Wochen Hölle nun 40 Jahre Liebe folgen würden, mindestens. Und so lernte ich sie kennen, diese beiden Jungs, die so gar nichts für meine Krankheit und ihre Existenz konnten, dafür aber meine eigene Existenz einmal neu sortierten.

Beide Jungs sind an einem Sonntag geboren. Der große Kleine 2013, der kleine Kleine 2015. Das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit, die sie besitzen.

Der große Kleine ist Steinbock.

Der kleine Kleine ist Löwe.

Der große Kleine kam 3 Tage zu spät.

Der kleine Kleine kam 5 Tage zu früh.

Die Geburt des großen Kleinen war absolut schmerzfrei.

Die Geburt des kleinen Kleinen war das Schmerzhafteste, was ich je erlebt habe.

Ich hatte beide in mir. Sie sind beide meine Söhne. Sie wachsen gleich auf, sogar in sehr geringem Abstand, also sehr ähnlich.

Und doch: sie sind schwarz und weiß.

Die Unterschiede in beiden Persönlichkeiten stellte ich eigentlich schon nach und nach im Bauch fest, bzw. beim Vergleichen der Schwangerschaften. Was die Schwangerschaftskrankheit anging, unterschieden sie sich nicht großartig. Was aber meine Art damit umzugehen anging, unterschieden sie sich maßgeblich. Was mir in der ersten Schwangerschaft Kopfzerbrechen bereitete, blieb in der zweiten total aus. Auch hatte ich weniger Zeit und deshalb auch weniger Raum, mir negative Gedanken zu machen. Heute jedoch frage ich mich, ob das wirklich meine Erfahrung war oder das Kind mit seiner besonnen, tiefenentspannten Persönlichkeit in mir, das sich einfach durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. Und das tut er heute noch nicht, im Gegensatz zu seinem hitzköpfigen, aufbrausenden Bruder, der beim kleinsten Anflug von Stress schon abdreht.

Ich habe das Glück, zwei Jahre Elternzeit nehmen zu können und so die „Anfänge“ meiner Kinder genau beobachten und genießen zu können. So stelle ich neben all oben genannten Kleinigkeiten und vielleicht Oberflächlichkeiten noch sehr viele andere Punkte fest, die mich immer wieder zu dem Gedanken bringen, völlig überwältigt und erstaunt darüber zu sein, dass zwei so gänzlich unterschiedliche Kinder aus ein und demselben Bauch gekommen sein sollen.

Naja, jedenfalls erinnere ich mich sehr gut an das Gefühl, schwanger, mit fremdem Baby im Bauch. Diese grässliche Angst, sie könnten sich vielleicht nicht mögen, ich würde das Leben meines großen Sohnes zerstören, der mit seiner Hochsensibilität und dem riesigen Bedürfnis nach ungeteilter Aufmerksamkeit eingehen würde wie eine Zimmerpflanze, dem ich nicht mehr gerecht werden könnte. Ich erinnere mich, Gedanken an Liebe und Zuneigung für das fremde Baby in meinem Bauch sehr weit weg geschoben zu haben, um meinen ersten Sohn nicht hergeben zu müssen. Ich erinnere mich daran, welche Angst ich um unsere wunderbare Bindung hatte, die wir uns so hart hatten erarbeiten müssen. Welche Angst ich hatte, dass ich all das verlieren würde, dass ich ihn verlieren würde, dass er nicht glücklich werden könnte.

Stilistisch wäre ein Bruch jetzt viel besser, aber den kann ich euch nicht liefern. Denn ich hatte Recht.

Er hasste es.

Er hasste es, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen, nicht mehr meine ungeteilte Fürsorge zu erhalten, nicht mehr der Einzige zu sein. Er hasste es, warten zu müssen, Rücksicht zu lernen, er hasste es, wenn ich seinen kleinen Bruder kuschelte, wickelte, stillte, berührte. Die ersten 4 Monate nach der Geburt meines zweiten Sohnes hatte ich das Gefühl, alles verloren zu haben. Zwei Kinder unter zwei… Es war nicht leicht.

Doch was uns letztendlich – neben einer massiven Veränderung unseres Tagesablaufs und unserer Kommunikation, worauf ich aber in einem separaten Artikel eingehen möchte – wirklich rettete, waren die signifikant unterschiedlichen Charaktere der beiden Jungs. Irgendwie suchten sie sich gegenseitig ihre Nische. Es hatte den Anschein, als würde der kleine Kleine nicht gegen seinen schreienden, tobenden Bruder rebellieren und um Aufmerksamkeit buhlen, sondern still seiner Wege gehen. Er zog da sein Ding durch, obwohl ich quasi keine Zeit für ihn hatte. Solange er nichts konnte außer schlafen und trinken, schlief und trank er. Als er den Kopf halten konnte, hielt er eben den Kopf. Als er rollen und robben konnte, rollte und robbte er eben. Alles, wofür sein großer Bruder Aufmerksamkeit eingefordert hatte, verlief hier so nebenher. Und auch wenn ich den Ausspruch „Das zweite Kind läuft so mit“ wirklich nach unserer Geschichte überhaupt nicht mag, verstehe ich jetzt zumindest ansatzweise, was man meint. Er war nicht unglücklich. Er schrie praktisch nie. Er verbrachte Stunden im Tuch an und auf mir, schlief von Beginn an bei mir, wurde und wird voll gestillt, war immer mittendrin im Geschehen. Es war sein besonnener, ruhiger Charakter, der keine weitere Tüddelei benötigte.

Nun ist ein halbes Jahr um und wir haben uns alle wunderbar aneinander gewöhnt. Ich habe mich oft innerlich verbeugt vor meinen Kindern, mehr noch vor meinem kleinen Sohn, der als Baby nun mal wirklich alles Recht der Welt gehabt hätte, sich über den Zustand zu beschweren. Der zwar viel, aber nicht rund um die Uhr bei Mama war, was er aber mit gutem Recht hätte einfordern können. Und vor meinem großen Sohn, der plötzlich, irgendwann, eines Tages, einfach sein Bruder war. Der nicht mehr rebellierte, der akzeptierte und plötzlich begann, minutenlang das Händchen seines kleinen Bruders zu streicheln, wenn wir uns zum Mittagsschlaf hinlegten. Der mich holte, wenn sein Bruder rief und mir mitteilte, wann sein Bruder „Busen trinken“ musste. Ich weiß nicht, was ausschlaggebend war.

Doch eines Tages waren meine Söhne einfach Brüder geworden.

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Brüder, die aussehen wie Zwillinge, übrigens. Und unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich bin dankbar für diese unglaublichen Unterschiede, die unseren Alltag wirklich sehr interessant und bunt machen und die dafür sorgen, dass ich sehr gespannt darauf bin, wie das hier in den nächsten Jahren weitergeht. Wer wen beeinflusst oder verändert, wer sich von wem eine Scheibe abschneidet, wer die Prügeleien gewinnt und wer wen auf dem Schulhof beschützt. Ohne ihre eigene Nische, wäre unser Familienleben vielleicht nicht so, wie wir es heute konzipiert haben. Doch so hat jeder der beiden sich – ganz ohne Erziehung, ganz ohne Stellrädchen und ganz ohne „passt euch gefälligst an“ übrigens – seine eigene Nische gesucht, die ihre so unterschiedlichen Charaktere unterstreicht und genügend Raum für sie beide schafft.

 

Es ist eine ganz bewusste Entscheidung, nicht zu dezidiert auf die Charaktereigenschaften meiner Kinder einzugehen. Ich halte es nicht für sehr unwahrscheinlich, dass sie an irgendeinem Punkt ihres Lebens mit dem öffentlichmachen unseres Familienlebens konfrontiert werden und wenn das dann schon so ist, dann möchte ich zumindest, dass sich die Inhalte auf meine Gefühlslage beschränken. Schließlich kann ich sie nicht fragen, was davon ihnen zu privat ist und was nicht. Und trotzdem wollte ich unbedingt mitmachen bei der Blogparade #Einzelstücke bei Mutter & Söhnchen. Denn es ist wirklich unheimlich spannend, die vielen Familien und ihre gänzlich unterschiedlichen Kinder kennenzulernen.

D-Von und Bubba Ray Dudley - The Dudley Boyz // Quelle: http://prowrestling.wikia.com/wiki/Dudley_Boyz
D-Von und Bubba Ray Dudley – The Dudley Boyz // Quelle: http://prowrestling.wikia.com/wiki/Dudley_Boyz

 

Liebe Marsha, ich danke dir aus noch einem anderen Grunde, denn beim Schreiben und festhalten ist mir klar geworden, dass andere Blognamen für meine Kinder her müssen. Ab sofort reite ich also rum, auf ihrer Unterschiedlichkeit.

D-Von und Bubba Ray. Brüder der Dudley Family, die Dudley Boyz, die unterschiedlicher nicht sein könnten und trotzdem kein Match allein bestreiten.

Wollen wir mal hoffen, dass es so bleibt.

Weitere, wirklich interessante Beiträge zur Blogparade #Einzelstücke findet ihr bei Mutter & Söhnchen.

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