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Willkommen und Leb‘ wohl.

Im Leben eines Menschen, da geht es ja um Momente. Sollte es zumindest. Denke ich. Also, darum geht es zumindest in meinem Leben. Um Momente. Momente die mich aufbauen, an die ich abends beim Einschlafen denke, Momente die mich über traurige Tage hinweg stützen. Momente, die mein Leben beschreiben.
Momente, die es lebenswert machen.

Momente, von denen ich auch dann zehren kann, wenn grad ein blöder Moment ist. Und blöde Momente, an die ich mich erinnere, um mich vor weiteren blöden Momenten zu schützen. Es mag im Leben vieler vielleicht eher um Statussymbole gehen. Darum wer das schönere, größere, schnellere Auto fährt, die dickere Kohle verdient, die schönere Frau hat oder den am besten erzogenen Hund. Mag sein, damit kenne ich mich nicht aus. Für mich sind es Momente, große und kleine Augenblicke, Gefühle und Gedanken in diesen jeweiligen Situationen, die mir mein Leben lebenswert machen.

Und so sitze ich, keine 48 Stunden nach der Geburt meines perfekten kleinen zweiten Sohnes auf dem Flur der Wöchnerinnen-Station und warte auf den Kinderarzt, der bei ihm die U2 durchführen soll. Mein Baby liegt in meinem Arm und schaut zufrieden in das Licht, nuckelt ein wenig an meinem Finger oder nickt immer mal wieder weg. Von der roten Bank auf der ich sitze und die längs im Flur steht, kann ich den gesamten Flur überblicken. Drehe ich den Kopf nach rechts, dann blicke ich auf die Tür zum Kreißsaal. Sie öffnet und schließt sich automatisch, wenn jemand hindurch geht. So kommt mal eine Hebamme durch und grüßt höflich, mal eine Ärztin. Eine Frau mit Bauch oder Baby sehe ich heute nicht. Einmal öffnet sie sich für eine Assistenzärztin, das erkenne ich am Kittel, die mich ansieht, lächelt und sehr nett grüßt. Sie war bei der Geburt des Großen dabei, vor gut 1,5 Jahren. Ob sie sich erinnert? Das weiß ich nicht. Ob diese wunderschöne Geburt meines großen Sohnes für sie so ein Moment war? Ich weiß es nicht. Aber für mich hat sich das Gesicht dieser Frau als Moment eingeprägt. Ihr Lächeln als sie uns beglückwünschte, ihre zarten Gesichtszüge beim Anblick meines perfekten Kindes. Vielleicht hat sie zumindest an diesem Tag abends auf der Couch ihrem Mann von uns erzählt und wir waren kurz einer dieser Momente für sie, die ihr Leben lebenswert machen.

Als sie vorbei ist schließt sich die Automatiktür majestätisch und langsam, als würde sie leise runter zählen, bis sie ins Schloss fällt. Man kommt hier nicht so einfach rein, man muss klingeln oder einen Türcode kennen, der regelmäßig wechselt.
Ich denke an die Momente, in denen ich vor der verschlossenen Tür stand, meine Babys immer noch im Bauch. Weil ein CTG geschrieben werden musste, als ich mit dem Großen übertragen hatte. Oder als ich dachte, die Fruchtblase sei gesprungen. Oder als beim Mini vier Wochen vor ET plötzlich Wehen und starke Schmerzen auftraten. Oder an diese beiden Morgende, jeweils so gegen 6 Uhr, als mein Mann mich unter Wehen, die alle 2 Minuten in heftigen Schüben kamen, im Rollstuhl veratmend auf den Kreißsaal zu schob.
Ich denke an den Moment, als der Große auf meiner Brust lag, mit seinen dunkelschwarzen Locken, ganz verschmiert, und mich zu einer Mutter machte.
Ich denke an den letzten Sonntag, als mein Mini plötzlich unter mir lag, ganz blau, verschmiert, und so abhängig.
Ich denke an diesen Willen an dieses alles überschattende Bedürfnis, ihn auf den Arm zu nehmen, zu halten und sein Gesicht zu küssen, an seinem Kopf zu riechen, ihn zu wärmen und ihm zu sagen, dass ich seine Mama bin.
Ich denke an den Moment, in dem mein Mann mich geküsst hat, mir gesagt hat, dass er stolz ist und mich liebt.

Nun schließt sich die Tür und diese Augenblicke jagen im Zeitraffer durch meinen Kopf. Ich halte sie alle fest, sie wandern als Gedanken von meinem Kopf jetzt als Gefühl, als Momente, direkt in mein Herz, wo ich sie einschließe, aufbewahre und immer wieder raus krame, wenn ich sie brauche.

Die Tür schließt sich heute für mich zum letzten Mal. Ich werde keine Kinder mehr bekommen. Sag niemals nie, sagt man, aber das ist der Plan. Ich schließe ab, nehme diese Momente, die wundervollen, einzigartigen Geburten meiner perfekten, gesunden, kräftigen Jungs und als die Tür mit einem leichten Knall zu fällt, spüre ich: das war’s.

Ich verabschiede mich von einer Reise, einem Abenteuer, das aus mir, jungen, taffen, aktiven, selbstständigen, unabhängigen Frau, eine Mutter gemacht hat. Eine Mutter, deren Job es ist, die Perfektheit meiner Kinder so lange wie möglich zu bewahren. Deren Aufgabe es ist, für sie da zu sein, wenn sie mich brauchen. Deren Weg es sein wird, ihnen von diesen magischen, unentbehrlichen, einzigartigen, wunderschönen, nicht austauschbaren Momenten zu erzählen und sie zu lehren, dass es das ist, worum es geht. Momente. Momente zum glücklich und zum traurig sein, zum Staunen und betrauern, zum Willkommen heißen – und Abschied nehmen.

Es war das Härteste, was ich je gemacht hab. Es war schlaflos, anstrengend, schmerzhaft, traurig, lustig, beängstigend, aufregend, intensiv und magisch zugleich. Aber nichts auf der Welt ist oder kann jemals vergleichbar sein.
Ich danke meinem Universum für diese Reise, die mit keinem Auto, keinem Urlaub, die einfach mit nichts anderem je vergleichbar sein kann.

Die Tür ist zu. Mein Baby schläft in meinem Arm, nuckelt an meinem Finger. Ich atme tief ein und tief aus und sage „Tschüss. Es war toll.“

Die Tür des Kinderzimmers öffnet sich. Ich darf eintreten, sagt die Schwester.
„Und dann geht’s endlich heim ins nächste Abenteuer, oder?!“, lächelt sie.

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