Die Welt auf sensible Kinder vorbereiten

Zaun

Hier oben bin ich allein. Ich bin noch nicht lange hier oben, doch nicht zum ersten Mal. Ich komme her, dann und wann, denn hier oben kann ich sein, wer ich bin. Zumindest, wer ich in diesem Moment bin.

Die Aussicht hier oben ist bildschön.

Ich blicke auf weite, im Wind wehende Felder, mit Sonnenblumen und Ähren, mit Kühen, Heuballen und Pferden. Pferde, hinter Zäunen.

Ich blicke auf diese anmutigen großen Tiere und bin erstaunt, wie sich ein Tier von Hunderten Kilogramm Gewicht hinter einem mickrigen Holzzaun einsperren lässt.

Dummheit? Unwissen? Fehlendes Selbstvertrauen?

Es steht dort hinter diesem selbst gezimmerten Zaun und frisst das frische Gras. Vielleicht resigniert es, denn in welche Richtung es auch geht, es stößt immer nach wenigen Metern an diesen Zaun. Und dann bleibt es dort stehen.

Erst kürzlich sah ich auf einem Spaziergang ein Pferd, das völlig verwahrlost war. Es war offensichtlich, dass sein Halter es nicht gut pflegte. Sein Fell war verschmutzt, die alte Decke auf seinem Rücken zerrissen, es stand meinen gesamten Spaziergang über auf der sandigen Koppel und graste entlang seines Zaunes die letzten, noch nicht abgekauten Grashalme ab.

„Du dummes Tier“, dachte ich bei mir, „du bist ein wildes, starkes, großes Tier, viel stärker als dein Besitzer, der dich nur mit Schlagstöcken zum Bleiben zwingen könnte! Akzeptiere nicht diese Ungerechtigkeit! Der Zaun ist nicht deine Hürde, deine Dummheit ist es. Deine Resignation. Dein fehlendes Selbstvertrauen!“

Es könnte den Zaun durchbrechen und spielerisch in seine Freiheit traben. Denke ich. Diese künstliche Grenze kann dieses anmutige Tier niemals aufhalten.

Und doch tut es das.

Von hier oben sieht alles ganz klein aus, sogar die großen Pferde. Von hier oben sehen ihre Zäune aus wie gespannte Bindfäden. Von hier oben sehen die Pferde aus, als grasten sie friedlich und zufrieden und nicht, als würden sie wissen, dass sie ihr Leben eingesperrt hinter diesen Zäunen verbringen. Sie sehen nicht aus, als hätten sie was gegen ihren Zaun. Oder, als seien sie unglücklich. Von hier oben ist der Zaun Teil ihres Daseins und von hier oben sieht es aus, als müsste es so sein. Fast so, als legten sie hin und wieder seufzend ihren Kopf auf ihm ab, einen Atemzug lang, um die Aussicht zu genießen und sich anzulehnen. Fast so, als mochten sie ihren Zaun.

Das Pferd auf meinem Spaziergang, es kam an den Zaun heran und sah mich an. Seine Nüstern zitterten leicht, die Ohren waren aufgestellt. Freundlich neugierig, sagt das Pferdebuch meiner Kinder. Resigniert, nenne ich es.
Ich bin hier oben, weil ich aus meinem Zaun ausbrechen musste. Weil mich das ans-Haus-gebunden-sein mit kranken Kindern, die täglichen Verpflichtungen und die gefühlte Einsamkeit dabei wütend gemacht hatten. Weil Frust und Überforderungen, diese Grenzen, mich fast wahnsinnig gemacht hatten. Hier oben bin ich allein. Alleiner, als überall sonst. Ganz ohne Kinder, die nach mir rufen und To-Do-Listen. Es ist friedlich hier oben, für diesen Moment.

 

Hier oben ist es still.

Im Moment der größten Stille stoße ich einen Schrei aus, der mich selbst erschrickt. Dann noch einen, länger. Der dritte, endlich befreiende Schrei dauert einige Sekunden, ich höre nicht auf, bevor mir mein Hals brennt, bevor mir meine Ohren schmerzen, bevor sie nicht endlich weg ist, die Anspannung und Begrenzung meines Zaunes. Ich weine über die langen, fremdbestimmten Tage. Ich schimpfe auf die verdammte Suppe, die wieder keiner essen wollte. Ich brülle meine Sorgen an, diese Angst, die man mit krankem Kind hat. Ich vergieße eine Träne über meine eigene Schwäche und Vergänglichkeit. Schäme mich für meine Erschöpfung. Weine meinen Frust, meine Anstrengung, die wieder niemand wahrnehmen wird und die vielen Streits mit meinem Mann heraus. Über Ungerechtigkeit, Vereinbarkeit, Nicht-mehr-können-und-wollen.

Ich möchte ihn so oft durchbrechen, diesen Zaun! Er hält mich fest und sperrt mich hinter meinen eigenen Grenzen ein. Hinter diesem Zaun bin ich allein, kein Ausbrechen möglich, denn die Wahrheit ist: hier oben, das ist die letzte Ecke meines Zaunes. Eine, an die ich heran trete, wenn ich mal wieder in die Ferne hinter meinem Zaun blicken und die Aussicht genießen möchte. Meine Nüstern zittern. Ein Aufbegehren.

Ich bin müde von schlaflosen Nächten und ruhelosen Tagen. Von inneren und äußeren Kämpfen, die oft genug ihre Spuren hinterlassen. Ich bin müde vom Stress, den ich nicht ablegen kann. Ich suche nach einer ruhigen Ecke, finde sie nicht. Ich ringe nach Luft, um meinen Atem zählen zu können und halte ihn an, bevor ich explodiere. Es ist so viel zu tun, am meisten mit mir selbst, doch dafür ist keine Zeit. Lange Tage, kurze Nächte. Ich drehe Runde um Runde vor den Grenzen meines Zaunes, atme schwer und angestrengt, bin schweißnass und ausgelaugt, hinter dem Ziel liegt der neue Start. Runde um Runde um Runde um Runde. Ich galoppiere, schnaufe. Die Peitsche knallt, meine Beine sind schwer. Weitermachen. Den Scheuklappen nach.

Was hält mich hier noch? Dummheit? Resignation? Nein, ich bin nicht dumm. Und ich habe nicht resigniert.

Als mein Schrei verhallt ist, schaue ich wieder nach unten. Dort rührt sich niemand, ob meiner Schreie. Niemand schaut hinauf, niemand dreht den Kopf in Richtung dieses Berges. Das Leben läuft einfach weiter. Ich seufze. Und nochmal.

Dann drehe ich mich herum und steige langsam diesen Berg hinab.

Von hier oben sehen die da unten alle zufrieden aus. Friedlich grasen sie auf ihren Weiden. Friedlich treten sie dann und wann an ihren Zaun und begrüßen freundliche Besucher. Von hier oben sehen die Zäune aus wie Bindfäden. Wie Hürden, deren Überwindung keine besondere Schwierigkeit darstellen dürften.

Von hier oben ist die Aussicht bildschön. Friedlich. Harmonisch. Glücklich.

Für mich sehen die da unten aus, als könne ihren Frieden nichts erschüttern.

Und für die da unten sehe ich aus wie jemand, der die schöne Aussicht hier oben genießt.

Nur wenige Schritte noch, dann hat er mich wieder, mein Zaun.

Ich trabe langsam ab und kaue das frische Gras meiner eingezäunten Weide. Vielleicht aus Dummheit. Vielleicht aus fehlendem Selbstvertrauen. Vielleicht aus Resignation.

Ganz bestimmt jedenfalls aus Liebe. Der Liebe zu meinem Zaun.

1 comment

  1. Mai wieder: Genau zur richtigen Zeit. Hachja. Am Zaunesrand Gras rupfend gesendet.

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