"Zwei Hochsensible im Haus sind eine Herausforderung" - Leen bei #HochsensibleMütter

„Zwei Hochsensible in einem Haus ist eine Herausforderung“ – Leen bei #HochsensibleMütter

Heute ist Leen hier bei mir. Sie ist 31 Jahre alt und noch in Elternzeit mit ihrer Tochter, die 1,5 Jahre alt ist. In ihrer Elternzeit hat sie angefangen zu bloggen und bewegt damit viele Menschen zum Umdenken. Na, erkannt? Genau, die Leen von Aufbruch zum Umdenken ist es, die mir heute meine Fragen beantwortet. Und das hat sie mit ganz viel Offenheit und Ehrlichkeit getan und zwar nicht nur für sich. Nein, Leens Papa ist hochsensibel und genau so, wie sie bestätigt, viel von ihm gelernt zu haben, erinnert sie sich auch an Diskussionen und Streit. Zwei Hochsensible in einem Haus, sagt sie, sind eine Herausforderung. Und sie ist froh über ihren Mann, der in ihrem Eigenen heute ein Gleichgewicht schafft. Aber ich will gar nicht so viel verraten – lest doch einfach selbst 🙂

Vorhang auf für Leen bei #HochsensibleMütter


 

Du bist hochsensibel. Seit wann weißt du davon? Hast du einen Test gemacht und wenn ja welchen? Und woran bemerkst du deine eigene Hochsensibilität am Deutlichsten?

Dass ich hochsensibel bin, weiß ich seit meiner Kindheit. Ein Lehrer auf dem Gymnasium sagte zu meiner Mama, dass ich in „meiner eigenen Welt lebe“. Das ärgert mich bis heute, wenn ich ganz ehrlich bin. Ich bin überhaupt kein Mensch der „eigenen Welt“. Ich habe mich in der Schule oft falsch verstanden gefühlt. Ich bin sehr empathisch, merke schnell, wenn mit anderen Menschen etwas „nicht stimmt“, auch wenn sie sagen, dass alles ok ist. Ich wurde in meinem Job als Sozialarbeiterin von den Kindern und Jugendlichen gemocht und mir wurden immer die Probleme erzählt. Ein Mädchen sagte mal zu mir: Leen, du bist unsere Problemlöserin.

Ich kann in Krisensituationen einen kühlen Kopf bewahren, brauche dann aber oft lange, um mich davon zu erholen. Nach einem 24 Stundendienst musste ich, trotz Nachtschlaf im Dienst, zuhause ein Schläfchen machen, um meine Speicher zu füllen. Ich brauche allgemein viel Zeit mit mir allein und in Ruhe, um mich zu regenerieren. Das war früher nicht ganz so stark, es wird aber immer mehr, je älter ich werde.

Ich bin sehr geruchsempfindlich und geräuschempfindlich. Zur Fachhochschule fuhr ich anfangs mit dem Zug und der Bahn. Das konnte ich dann irgendwann nicht mehr, weil ich die morgendlich ungeduschten Menschen kaum ertragen habe oder diese, die sich gefühlt bis zu 100 Spritzer Parfum aufsprühten. Mit meiner Fahrgemeinschaft lief es dann super, bis zum Ende der Studienzeit. Ich kann es kaum ertragen, wenn Menschen „riechen“. Sie riechen vielleicht ja nicht mal für andere, aber für mich tun sie es. Ich habe mich auch mit Jungs nicht weiter verabredet, wenn ich sie biochemisch „nicht riechen“ konnte, crazy nicht wahr? Seit ich nicht mehr rauche, ist mein Geruchssinn noch stärker ausgeprägt. Ich trage seit der Geburt meiner Tochter kaum noch Parfum, weil ich es einfach nicht ertrage!

 

"Zwei Hochsensible im Haus sind eine Herausforderung" - Leen bei #HochsensibleMütter

 

 

Für das Interview habe ich meine Mama gefragt, ob ich als Kind auch schon Probleme hatte, enge oder kratzige Kleidung zu tragen. Ich hasse enge Jeans oder kratzige Sachen. Ich trage IMMER Leggings und Rock, weil mir zu starre Kleidungsmaterialien irgendwie die Luft abschnüren. Als Kind war das auch schon so, sagte Mama, da trug ich auch sehr gern Leggings. Ich konnte mich gar nicht mehr so richtig erinnern, aber es ist schon witzig, wie wenig sich das geändert hat. Ich habe ein paar Online-Tests gemacht, die alle immer hochsensibel sagten.

 

Hochsensible Mütter schwanken, so Brigitte Schorr, eine Expertin auf dem Gebiet, besonders häufig zwischen Langeweile allein mit dem Kind und Überforderung im Alltag, ständig gepaart mit schlechtem Gewissen. Kannst du das bestätigen?

 

Das ist eine spannende Frage. Ich habe tatsächlich beide Tendenzen. Ich habe einen hohen Anspruch an mich. Ich betreue mein Kind selbst und bin ja im Lehrberuf ausgebildete Erzieherin, bzw. Kindergärtnerin, wie ich es lieber sage. Ich habe einen pädagogischen Anspruch und bin aber in meinem Kontext einfach „nur“ Mama. Solche Gedanken überfordern mich oft und ich grübele und grübele, ob ich es auch „richtig“ mache, ob meine Entscheidungen richtig sind. Ich bin eine gute Mama, aber ich muss mich selbst daran erinnern. Ich habe viele Selbstzweifel und wenn mir etwas zu viel wird, überfordert mich das. Von Schaffenskraft kann ich ganz schnell in Überforderung schlittern.

 

Als Mutter ist man irgendwie ja auch fremdbestimmt durch das eigene Kind. Empfindest du das auch und wenn ja, an welchem Beispiel besonders? Und wie gehst du damit um?

Ich hatte große Probleme mit der Fremdbestimmung und meinen Grenzen, bis ich angefangen habe, mich intensiv damit zu beschäftigen und darüber zu bloggen. Die Reihe heißt Beziehung statt Erziehung und ich habe auch einen Beitrag zu Grenzen und einen zu Bedürfnissen verfasst. Es ist echt ein schmaler Grat, sich selbst nicht zu verlieren, besonders bei solch einem kleinen Kind. Ich bleibe offen und versuche mich immer und immer wieder zu reflektieren, um in mir sicherer zu werden, damit es mir nicht die Luft abschnürt.

 

Ist deine eigene Mutter oder dein Vater hochsensibel? Erkennst du sie in dir wieder? Was schätzt du an deinem hochsensiblen Elternteil? Und was gar nicht?

Mein Papa ist hochsensibel. Er hat eine besondere Menschenkenntnis. Er hat schon so den einen oder anderen Hochstapler entlarvt. Ich habe das von ihm. Auch ich merke, wenn Menschen ein falsches Spiel spielen. Wir verstehen uns sehr gut, haben aber auch viel gestritten. Wir sind beide schnell beleidigt, das war nicht immer einfach, wenn wir z.B. diskutierten. Zwei Hochsensible im Haus ist eine Herausforderung. Ich arbeite stark an meiner Kritikfähigkeit, denn wenn mich ein falsches Wort trifft, hallt das innerlich oft Wochen nach und ich denke und denke und denke darüber nach.

 

Ist dein Kind hochsensibel? Prallt ihr oft aneinander?

Dazu kann ich noch gar nichts sagen. Ich bin aber mit offenen Augen dabei. Sie ist sehr feinfühlig.

 

Empfindest du dein (hochsensibles) Kind als anstrengend?

Ich halte weinen und schreien kaum aus. Wenn sie eine Sprung hat oder Schmerzen, leide ich sehr mit. Ich bin dann immer froh, dass mein Mann so engagiert ist. Wir teilen die Aufgaben, was ich in heutigen Zeiten normal finde. Männer, die sich aktiv am Familienleben beteiligen, sind für mich 2017, also total normal und die neue Generation. Jedenfalls bin ich sehr geräuschempfindlich. Schreien und weinen ist fast wie Folter für mich. Ich bin dann einfach nur froh, wenn mein Mann, mit seiner ruhigen Art, unsere Mädchen beruhigen kann. Ich habe dann oft eher inneren Druck und es überfordert mich und das spürt sie natürlich auch.

 

Stressabbau und Selbstregulationsmechanismen: würdest du sagen, du lebst gut mit deiner Hochsensibilität? Welchen Strategien hast du, um dich selbst zu beruhigen und deinen inneren Stress abzubauen?

Ich mache tatsächlich viele Pausen. Das habe ich meinem Mann zu verdanken und ich schlafe mittags oft einfach mit, da ich nachts auch noch stille und wir momentan wieder eine intensivere Phase haben. Ich habe gelernt, auf meine Gefühle und Bedürfnisse zu schauen und sie ernst zu nehmen. Das Bloggen hilft mir auch in meinem Prozess. Dazu habe ich einen tollen Clan in meinem Ort oder ich rufe meine Freundin an, die mir immer sehr hilft, wenn ich Probleme habe. Sie hat eine ganz besondere Art, einen Prozess bei mir zu begleiten. Sie ist auch hochsensibel. Ich kann sagen, dass ich wirklich gute Freunde habe, die mich kennen und mich akzeptieren, wie ich bin. Über familiäre Unterstützung kann ich mich auch freuen. Meine Eltern helfen, wo sie können und meine Schwiegereltern im Ort nehmen unser Seidenraupenkätzchen einmal in der Woche für ein paar Stunden. Ich finde es für mich wichtig, da wir ja Selbstbetreuer sind, auch einmal in der Woche ein paar Stunden für mich zu haben.

 

"Zwei Hochsensible im Haus sind eine Herausforderung" - Leen bei #HochsensibleMütter

 

 

 

Welchen Rat würdest du anderen hochsensiblen Müttern geben? Und wenn du Literatur zu dem Thema gelesen hast, möchtest du etwas empfehlen?

Die Forschung ist ja leider noch in den Kinderschuhen. Ich würde bei den Blogger_Innen schauen, die sich auf ihren Blogs damit beschäftigen und gucken, was dort an Literatur empfohlen wird. Das hilft mir auch immer. Ich möchte mich zukünftig noch intensiver mit der Thematik beschäftigen.

 

Ein Ausblick in deine Zukunft: Welche Eigenschaft darf wachsen, was willst du so bewahren wie es ist und woran möchtest du gezielt arbeiten?

Ich möchte gelassener werden und meine Gedanken etwas entspannen. Ich denke viel und das den ganzen Tag lang. Ich denke über Gott und die Welt nach und das ohne Pausen. Meine stärksten Fächer in der Schule waren Kunst, Musik und Philosophie. Ich möchte wieder mehr kreativ tätig werden. Ich glaube, dass mir das sehr gut tun würde. Ich meditiere gern, lasse es aber derzeit schleifen. Das möchte ich auch wieder intensiver verfolgen. Ich möchte mich in kritischen Phasen nicht mehr so hilflos fühlen. Vielleicht bekomme ich das mit der Meditation für mich geregelt. Auch Gesagtes von Menschen aus meinem Umfeld wirkt bei mir Tage und Wochen nach. Da möchte ich loslassen können und mich mehr abgrenzen. Bleiben darf sonst alles. Ich bin, wer ich bin und das ist völlig in Ordnung so.

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