Zwischen aufgeben und Aufgabe

Meine kinderlose Freundin besucht mich im Garten und während ich so meine Forsythien schneide, erzählt sie mir, dass sie sich nun, in einer festen Beziehung seit über zwei Jahren und gerade frisch 33 Jahre alt geworden, bereit fühle für Nachwuchs. Schließlich würde sich jetzt kaum noch etwas ändern, sagt sie. Die Feier- und Ausgehjahre seien ohnehin vorbei, sie und ihr Freund verbringen die Wochenenden zuhause auf der Couch. Es sei jetzt Zeit, und so sehr würde ein Baby die beiden nun nicht mehr verändern. Sagt sie.

Ich stutze die Hecke und kichere in mich hinein. Die Sonne knallt, es sind bald 30 Grad und in Abständen von 60 Sekunden muss ich pausieren um das krabbelnde Baby zurück in den Schatten zu setzen. Nach weiteren 30 Sekunden brüllt Bubba Ray, weil er Sand im Schuh hat. Ich schneide einen Zweig ab, während sie ihren kleinen Hund, der sich mit der Leine und D-Von verwurschtelt hat, entwurschtelt. Und wieder einen, als sie hinter D-Von her sprintet, als er den Versuch startet, einen Happen vom Rhododendron abzubeißen.

Ich denke nicht mehr in Veränderungen, seit der Geburt meiner Kinder, so viele sind es geworden. Nein, ich tröste einfach Bubba Ray, beschütze Dee vor der Sonne, schneide eine verblühte Tulpe und denke mir meinen Teil. Keine großen Veränderungen – aha.

Flashback.

Ich sitze auf dem Badezimmerboden mit dem ersten positiven Schwangerschaftstest und heule, die Tränen fließen nur so meine Wangen herunter. Ich ringe meinem Mann das Versprechen ab, dass sich nicht alles ändern würde, dass ich weiter Salsa tanzen gehen können würde, dass ich wieder arbeiten gehen können würde, dass ich weiterhin mit meinem Hund zur Hundeschule gehen können würde, einmal die Woche. Ich sitze dort und weine und denke an nichts anderes als an Veränderungen, an mich, an mein Leben, an meine Selbstverwirklichung, daran, dass ICH nicht zu kurz kommen will.

„Ich“ ist eines der Wörter, deren Bedeutung sich grundlegend verändert haben. Ich, das ist grundsätzlich erstmal die selbe Person geblieben, aber das WER ist ein anderes.

Die Gedanken und Emotionen sind andere.

Freizeit, Me-Time, Hobbies blah blah blah – Wörter mit einer anderen Bedeutung.

Elementare Veränderungen seit der Geburt meiner Kinder.

Ich tanze nicht mehr regelmäßig Salsa so wie vor der Geburt des ersten Kindes, nicht mal mehr unregelmäßig wie NACH der Geburt des ersten Kindes. Ehrlich gesagt gar nicht mehr, seit der Geburt des zweiten Kindes. Die Hälfte der Menschen meiner Umgebung denken, ich sei selber Schuld. Und die andere Hälfte wird Kommentare unter den Beitrag setzen, dass sie dieses Gefühl gut kennen. Zu welcher Gruppe meine Freundin gehört, wird sich zeigen. Und zwar nachdem sie Mutter geworden ist.

Mutterschaft ist die eine Sache, die ich wirklich liebe. Und die ich – vermutlich – auch nicht ganz so schlecht absolviere. Zumindest nicht, wenn ich meine Kinder betrachte, die mir jeden Tag einmal Grund geben, über alle Maßen stolz auf sie zu sein. Auf sie, nicht auf mich. Ich mache das hier gerne, aber es ist nicht mein Verdienst. Sie sind wer sie sind, weil sie sein dürfen, wer sie sein wollen. Aber nicht, weil ich irgendwas dafür tue. Was ich aber getan habe und immer wieder tue, ist mitgehen.

Neben ihnen gehen. Auf sie zugehen. Vorwärts gehen. In ihrem Tempo, in dem ich sie begleite.

Habe ich mich selbst aufgegeben, so wie es möglicherweise die erste Hälfte der oben beschriebenen Umgebung behaupten würde? Nein.

Ich habe etwas aufgegeben, ja. Viel vermutlich. Aber nicht mich. Ich habe ein paar Hobbies aufgegeben, nicht freiwillig und ich kann bis heute keines meiner lateinamerikanischen Lieblingslieder hören, ohne dabei anzufangen zu weinen. Aber ein Tanzabend außer Haus ist nicht vereinbar mit den Bedürfnissen meines D-Von, der nicht ohne Stillen einschlafen kann, der ohne mich nicht schlafen kann, der Körperkontakt und Nähe noch dringender benötigt, als ich den Tanz. Ich bin groß, ich habe darüber entschieden, dass es ihn gibt, dass ich stille, dass ich ihn nicht allein einschlafen und liegen lasse. Es passt nicht in mein Konzept und meine Erwartungen an mich, meine eigenen Bedürfnisse durchzusetzen, bevor das Baby dazu fähig ist, meine Abwesenheit ohne Trauer und Angst auszuhalten. Und ja. Dafür habe ich Freizeit aufgegeben und auch ein Hobby und vielleicht ein Stück meines früheren Selbst.

Aber der entscheidende Punkt ist doch, dass Kinder einen nun mal verändern. Auch wenn man diese Tatsache weit weg schiebt, wenn man noch keine hat und der Meinung ist, sie würden einfach mitlaufen, wird jede Mutter und jeder Vater an irgendeinem Punkt nach der Geburt des eigenen Kindes vor dieser Erkenntnis stehen, irgendwo in der Mitte zwischen aufgeben und aufgeben.

Etwas aufgeben, sich aufgeben, sich selbst aufgeben, Selbstaufgabe, Aufgabe. Lebenslang.

Ob ihr das nun wollt, oder nicht. Es geschieht. Mit jeder voranschreitenden Schwangerschaftswoche.

Und so stutze ich Rhododendron und Forsythien und lasse sie in dem Glauben, es würde sich kaum etwas verändern, denn auch wenn ich weiß, dass das der größte Quatsch ist, den ich je gehört habe, so weiß ich auch, dass es ihr gerade, aktuell, in Vorbereitung darauf, bald ein Baby zu machen, nichts brächte, Angst zu schüren. Denn irgendwie haben wir immer unweigerlich auch Angst vor Veränderungen. Oder?

Doch, diese Angst ist unbegründet. Es fällt nicht schwer, Lebensumstände und sich selbst zu verändern, für die eigenen Kinder. Anfangs vielleicht, ja, ein wenig. Und manche Dinge, die man sehnlichst erwartet, weil sie nur pausieren, die schmerzen auch bisweilen. Aber all das sind lebensverändernde Dinge, die man als Mutter gut aushalten kann.
Denn, die Wahrheit über das Kinderkriegen, in wenigen Worten, ist: es verändert sich A L L E S. Alles. Einfach wirklich alles.

Die Tage werden länger, die Nächte kürzer, die Freizeit weniger, die Welt bunter, lauter, schöner, Bedürfnisse wichtiger, Prioritäten flexibler, Risiken riskanter, Chancen größer, Leben lebenswerter.

Alles verändert sich. Wirklich alles.

Und das ist das Schönste am Kinderkriegen.

13 comments

  1. Wieder einmal einfach wundervoll! Ich gehörte ja auch zur naiven Gruppe – es verändert sich tatsächlich anders…danke für den schönen Text!

  2. ? hach ja… Wieder ein Text, der mir aus der Seele spricht- und dieses tolle, befreiende Gefühl, wenn man nach dem 1. Kind an dem Punkt ist, die Veränderungen anzunehmen und nicht mehr versucht „alles genau wie vorher“ zu machen…

    1. Hihi, dieses Gefühl kenne ich auch! Und fand es sehr befreiend 🙂

    2. Oh ja, das bringt so viel Entspannung in die Sache!

  3. Man verliert viel aber man gewinnt etwas Anderes und viel Bedeutenderes.

  4. Liebe Kathrin,

    das hast du wieder sehr treffend und schön auf den Punkt gebracht! Ich gehöre zur zweiten Gruppe und kann insbesondere die Sache mit dem Tanzen verstehen! Bei mir ist es der Rock’n’Roll, in die Lateinformation geht es bisher mit Baby in der Trage. Aber wie lange das noch funktioniert… Ich finde, das Leben mit Kind gibt so viel und die Zeit des Verzichts ist in der Regel auch irgendwann vorbei, sodass es sich aushalten lässt, wenn auch mit Sehnsucht nach dem Hobby, die ich gut nachempfinden kann. Schwieriger finde ich da immer mal wieder eher die kinderlosen Freundinnen oder Mütter, deren Kinder wenig Ansprüche stellen oder zu funktionieren haben. Die bringen mich nach dem Motto „Bei anderen geht es doch auch“ immer mal wieder zum Zweifeln. Zum Glück sind mein Mann und ich uns sehr einig, sodass ich von ihm immer wieder bestärkt werde, unserem Kind bedürfnisorientiert zu begegnen und unseren Tag entsprechend zu gestalten und einzelne Hobbys entsprechend zurückzustellen.

    Liebe Grüße und vielleicht gibt es ja mal ein Update, was die Freundin angeht!
    Corinna

  5. Bis dato, der Kleine ist nun vier Monate alt,hat sich für uns tatsächlich nichts verändert.Ich bin mit fast 40 jedoch auch nicht mit dem Bedürfnis in die Schwangerschaft gegangen, mir zwingend Dinge behalten zu wollen.Andererseits ging ich von großen Veränderungen aus, die sich zum Glück nur als positiv herausstellten.Wir verzichten auf nichts und bekommen so viel geschenkt.

  6. Wunderbar. So schön. Als ehemalige Salsatänzerin finde ich mich abschnittsweise so komplett wieder :P. Und weißt du, was schön daran ist, wenn man nur alle 5 Jahre vorbei schaut – dass dir keiner abkauft, dass du tatsächlich aus dem Ort hier stammst, denn schließlich habe dich ja noch nie einer gesehen :).

    LG!

    Sylvie
    http://www.diephysikvonbeziehungen.de

  7. Wow! Toll geschrieben, das trifft es exakt! Danke!

  8. So so so so schön geschrieben!!! Tränchen im Auge gehabt und alles nach gefühlt! Toll!

  9. der Beitrag ist mir aus dem Herzen geschrieben, den würde ich gerne bei mir bloggen !! Lieben Gruss Katinka

  10. Köstlich! Wobei ich immer nicht glauben kann, dass irgendjemand tatsächlich denkt, es würde sich nichts ändern? Wo doch in jedem Blig, jedem Magazin, einfach überall eben steht, dass sich das Leben komplett ändert – und auch noch so sehr, dass man es sich nicht vorstellen kann…
    Glücklicherweise hing ich mit Mitte 30 nur so herum, alles langweilte mich, denn ich hatte alle Träume verwirklicht – bis das traumhafte Leben, dass ich vorher nie in Erwägung gezogen hatte, mich in Form zweier Strichlein auf dem Teststreifen hinterrücks übermannte. Das beste daran: es hat sich alles, einfach alles geändert – und auch nicht.
    Jetzt arbeite ich noch lieber, gehe noch lieber genausowenig weg wie vorher und pflege meine Freizeitleidenschaft wieder regelmäßig – das Kind ist ganz begeistert vom Geklimper.
    Dabei ist alles bewusster, ich platze förmlich vor Glück und Liebe, alles dank des kleinen Katalysators. Und nebenbei ist der zur Hauptsache meines Leben avanciert, so wunderbar leichtfüßig, als wäre alles von jeher so angelegt gewesen.

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