In a racist society, it‘s not enough to be non-racist. We must be anti“

Antirassismus, Antifaschismus, Antisexismus & Co mit Kleinkindern besprechen

D-Von und ich sind blond und haben blaue Augen. Bubba Ray ist blond mit grünen Augen. Mein Mann hat dunkelbraune Haare und grüne Augen, genau wie Onkel Shane. Das hier ist die schlechteste Einleitung für einen Blogartikel überhaupt und doch ist sie so wichtig! Denn als mich mein Fünfjähriger gestern nach dem „Hautfarbe-Stift“ fragte, wurden genau diese Infos plötzlich im Rahmen unserer Diskussion immens wichtig. Denn: er, sein Bruder und sein Onkel wären zu anderen Zeiten mal hier, in diesem Land, in unserer Heimat, als nicht normal durchgegangen- und das, obwohl unsere Haut gerade das ist, was meine Kinder offenbar als „normal“ definieren. Aber fangen wir mal von vorne an.

„Normale“ Hautfarbe my ass

„Mama wo ist mein Hautfarbe-Stift?“, ruft es aus der Küche.
„Dein watt???“
„Mein HAUTFARBE-Stift!“
„Bubba. Ich sehe, dass deine Lippen sich bewegen, aber ich habe absolut keine Ahnung wovon du sprichst. Was zur HÖLLE ist ein Hautfarbe-Stift?“
„Na, der der so aussieht wie Hautfarbe!“
„Wie WELCHE Hautfarbe? Haut hat viele Farben. Gelb, schwarz, weiß, braun… es gibt keine HAUTfarbe, es gibt nur Farbe!“
„Neeeeiiiiin, ich meine die NORMALE Hautfarbe“, sagt MEIN Sohn und ich atme sehr tief durch.

 

Normale Hautfarbe: pink. (Zumindest für eine Elfe ;-) )
Normale Hautfarbe: pink. (Zumindest für eine Elfe 😉 )

Bevor ich der Wut, die sich über diese Aussagen von meinem eigenen Kind aufstaut, Einheit gebiete, gehe ich im Kopf meine eigene Kindheit und Jugend durch. Albaner, Türken, Griechen. Griechisch- orthodox, moslem, keine Ahnung. Blond, braun, grüne Augen, braune Augen. Bäume, Wälder, Schule, Leben. Gemischte Tüten – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin gelernte Hotelfachfrau, also im ersten Beruf… selbst da: ein Hotel, ein Mini-Universum aus Menschen unterschiedlichster Herkunft, unterschiedlichsten Aussehens und aller möglichen Sprachen. Was redet der denn da??
Ja, sicher habe ich schon mal irgendwo gehört, dass Menschen den blassrosafarbenen Stift als „Hautfarbe-Stift“ bezeichnen, aber will ich, dass mein Kind das als „normale Hautfarbe“ abspeichert?

Die Antwort ist ein stinkwütendes Nein!

Nein, will ich nicht. Auch nicht mal ein bisschen. Nicht mal ein „Naja, er ist doch noch ein Kind“ und auch kein „So schlimm ist es doch gar nicht“. Ich finde es zum kotzen. Vermutlich bin ich selbst daran schuld, dass meine Kinder das als normal einstufen, aber heute ist der Tag, an dem ich klar machen muss, dass sie gerade den ersten Fuß in eine rassistische Unterhaltung setzen. Und das nehme ich verdammt ernst.

Ich setze mich zu meinen Kindern auf den Boden und erinnere sie als erstes an den Kindergartenfreund, der bis zum letzten Sommer noch in die gleiche Gruppe ging. Ob sie noch wissen, welche Haut er hatte?
„Der hatte dunkle Haut“, erinnert sich Bubba. Und ich frage auch, wie sie unseren peruanischen Kumpel und seine Frau wahrnehmen, mit türkischen Wurzeln. „Die Haut sieht ein bisschen anders aus, aber die haben ja auch so ganz dunkelschwarze Haare“. Und der Mann, der uns die Pakete immer bringt? „Der eine sieht auch dunkel aus und der andere so ‘n bisschen braun aber auch ‘n bisschen hell!“ Exakt, sage ich und betone, dass sie Menschen mit vielen Hautfarben kennen und dass es nicht nur diese eine gibt.
„Aber hier in Deutschland, da gibt es diese Hautfarbe die wir haben“, sagt Bubba Ray. Er ist einfach fünf und decodiert die Welt, tröste ich mich selbst und betone, ganz dringend, an dieser Stelle, dass das nicht ganz stimmt: denn all die Menschen, die wir eben aufgezählt haben, wohnen ja auch hier. Sie leben hier, sind Teil unserer Gesellschaft. Und alle dürfen hier leben!

 

In a racist society, it‘s not enough to be non-racist. We must be anti“
In a racist society, it‘s not enough to be non-racist. We must be anti“

 

Alle dürfen hier leben

Die Abgrenzung, dass es keine „normale Hautfarbe“ gibt ist das eine – aber damit ist unsere Arbeit als Eltern noch lange nicht getan. Nein, ich halte es für über alle Maßen wichtig unseren Kindern gegenüber immer wieder zu betonen, dass sie nur zufällig in der wahrgenommenen Mehrheit sind, mit ihrem Aussehen, ihrer Sprache und ihrer Art zu leben. Die Welt ist groß und es gibt absolut keinen Grund, eine Unterscheidung vorzunehmen. Vor allem keine, die „normal“ und nicht normal ist oder richtig und falsch. Sich hier als Eltern nicht klar zu positionieren und kindgerecht aber verständlich klar zu machen, dass wir uns da ganz schnell auf sehr dünnem, rasisstischen Eis bewegen, halte ich für grob fahrlässig! Denn ich möchte natürlich weder, dass meine Kinder sich selbst als das Maß aller Dinge ansehen, noch, dass irgendwer um sie herum an diesem Punkt NICHT direkt einschreitet. Nein, nein und nochmals nein: keine Verharmlosung, keine Abwertung, kein Vergessen.

Also erkläre ich meinem Kind an diesem Tag, warum es so wichtig ist, dass alle Menschen überall Zuhause sein dürfen, dass niemand nirgendwo illegal ist und warum es niemals jemanden geben darf, der das alleine bestimmt. Ich erzähle ihm von der deutschen Geschichte, von einem schrecklichen Anführer, der das mal ganz anders gesehen hat und ich sage ihm auch, dass sogar Menschen wie er, sein Papa und sein Onkel in den Augen dieses fürchterlichen Anführers nicht gut genug waren. Ich betone, dass wir Menschen niemals nur nach ihrem Aussehen oder der Farbe ihrer Haut bewerten dürfen, weil wir niemals wissen, was in ihnen steckt! Und dass selbst die, die die gleiche Hautfarbe haben wie wir, Arschlöcher sein können und sich dann schon allein darum von uns unterscheiden – denn genau das wollen wir nicht sein.

 

Demokratie, Gleichwürdigkeit, Achtsamkeit – Debatten mit einem Kleinkind führen

Ich spreche mit ihm über Demokratie und erfahre nebenbei, dass ein Kitakind der Anführer des Baustellenprojekts in der Kita sei und seinen kleinen Bruder D-Von ständig ausschließe. Bubba Ray lernt an diesem Tag, dass das „jemanden ausgrenzen“ bedeutet und erntet die nächste Tirade, als er berichtet, dass auch Mädchen nicht mitspielen dürfen. Nein, er kriegt keinen Ärger und ich schimpfe nicht – aber ich rede mit ihm auch nicht wie mit einem Idioten, der nichts rafft. Mein Sohn kriegt weder den „Hautfarbe-Stift“ noch ein „Das erkläre ich dir irgendwann mal“ zu hören. Denn ich bin fest überzeugt, dass es für diese Aufklärungsarbeit nicht zu früh sein kann.

Alltagsrassismus ist überall, das muss uns klar sein! Am gleichen Tag stolpert mein Sohn und schlägt sich das Knie auf. Wir haben keine Kinderpflaster mehr und ich muss ein „normales“ nehmen. Da dämmert es mir: es ist in diesem blassrosafarbenen Ton, den man hierzulande wohl „Hautfarbe“ nennt. Rassistische Kackscheiße und ich rege mich auch schon wieder auf.

 

Auch normale Hautfarbe: nicht blassrosa.
Auch normale Hautfarbe: nicht blassrosa.

 

„In a racist society it‘s not enough to be non-racist. We must be anti!“

Mein Sohn erkennt sofort, dass der bescheuerte Anführer ein schlechter Mensch war und möchte Captain America (ausgerechnet einen Patrioten, aber gut – nächstes Mal 😉 ) alarmieren, um ihn zu stürzen. „Keine Sorge“, sage ich „der Typ ist weg und kommt auch nicht mehr wieder. Aber genau darum ist es so so so so wichtig, dass wir nie mehr einen Anführer hier haben oder jemanden wegen seiner Haut oder wegen dem, an das er glaubt, oder von dem wir glauben dass er es kann oder nicht kann, aussperren. Am besten ist es, einfach niemanden einfach so auszusperren! Nicht die Menschen, die irgendwie aussehen und auch nicht die Mädchen, weil….. ja warum denn eigentlich?“
Bubba Ray zuckt die Schultern. Er weiß es nicht. Der Junge in der Kita hat das halt gesagt.

„Aber wie ist das denn für dich, wenn der D-Von nicht mitspielen darf? Oder die Mädchen?“, frage ich.
„Blöd“, antwortet Bubba Ray. Und D-Von ergänzt: „Ich spiele dann immer mit Nadja (Einem Mädchen!) Aber ich mag Bagger ja eigentlich so gern!“
„Siehst du“, sage ich, „ist doch irgendwie Quatsch! Wieso darf D-Von denn nicht mitspielen?“
Bubba Ray zuckt wieder die Schultern und plötzlich sind wir beim Thema blinder Gehorsam, machen einen Bogen zurück zur Demokratie und lösen das Problem, in dem wir festlegen, dass D-Von sich ab sofort mit Super-Gecko-Tarnung an die Baustelle heran schleicht und dann einfach mitspielt – und darauf scheisst, was andere sagen.

Wie die Dinge zusammen hängen.

Der „Hautfarbe-Stift“ hat mich eines gelehrt: Antirassismus ist leider nicht allgegenwärtig. Warum auch immer – auch 70 Jahre nach dieser ganzen Geschichte ist das traurige Erbe noch in vielen Köpfen fest verankert. Und es vererbt sich auch dann weiter, wenn wir es nicht ansprechen – weshalb wir niemals aufhören dürfen, mit unseren Kindern über die Grausamkeiten zu sprechen, die Menschen in „unserem“ Land hinter uns haben. Und dazu gehören eben unfassbar viele Themen, auch wenn wir zunächst denken, das eine habe nichts mit dem anderen zu tun oder sei nicht offenkundig: Rassismus ist Faschismus ist Sexismus ist scheisse. Werden Menschen aufgrund eines Merkmals schlechter behandelt als andere, dann ist das Schwachsinn. So einfach ist das.

 

Auch normale Hautfarbe: nicht blassrosa.
Auch normale Hautfarbe: nicht blassrosa.

 

Auch mit meinem Vater spreche ich am nächsten Morgen über das Thema und er erzählt, dass ihm seine Mutter noch beigebracht habe, dass der Führer Autobahnen gebaut und die Leute von der Straße an die Arbeit geholt habe. Erst durch den Unterricht in der Realschule sei ihm dann klar geworden, wie furchtbar die gesamte Geschichte war. Und so transportierte er es an uns, seine Kinder: lehnt euch auf, lauft nicht mit, alle Menschen sind willkommen! „Unser Kaufmann im kleinen Laden im Dorf, der war der weiße Jude“, lacht mein Vater, „Völlig bekloppt. Aber der hat Wirtschaft betrieben, Geld gemacht und gebracht…. da wurde halt mit zweierlei Maß gemessen“.

Die Menschen von Morgen

Für mich bleibt die Geschichte unvergessen und so abgedroschen es möglicherweise klingen mag: ich hab keinen Bock auf Nazis, auf Pflaster in „unserer“ Hautfarbe, auf irgendwas das als „normal“ wahrgenommen wird oder bescheuerte Diskussionen über Flüchtlinge, die mit Sätzen beginnen wie „Ich bin ja kein Nazi, aber….“ Nicht nur aufgrund meiner Einstellung und Haltung zum Leben, sondern auch aufgrund meines Berufes weiß ich nun aber auch, dass sich das nicht einfach rauswächst, wenn wir nur fest dran glauben. Nein! Wir müssen darüber reden. Niemals verharmlosen. Niemals abschwächen, sondern offen, authentisch und der Wahrheit entsprechend vermitteln, was wir gelernt haben, aus unserer eigenen Geschichte.

Und ganz genau so „erziehe“ ich auch meine Kinder: zu Menschen, denen Hautfarbe irgendwann einfach scheissegal ist. Für die die Frage nach dem „Hautfarbestift“ genauso gut die Frage nach dem gelben, braunen oder linken Stift sein könnte. Darum ist – in meinen Augen – eine politische Diskussion mit einem Fünfjährigen dafür ein kleiner Anfang, denn schließlich ist er der Wähler von morgen!

Rassimus, Faschismus, Sexismus – all das schafft sich nicht von alleinab. Nein. Das müssen wir für uns tun.
Und eines Tages eben unsere Kinder.

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