Freundschaft ist....

Freundschaft.

Von Annika

Für mich hatte es dieses Jahr 2018 gefühlsmäßig echt in sich. Eines der immer wiederkehrenden Themen in diesem Jahr war „Freundschaft“. Kollegen, Bekannte, Kunden, Kursteilnehmer, Nachbarn, Geschwister, Eltern, Partner, Kinder, Internetbekanntschaften… Wir stehen zu so vielen Menschen in Beziehung. So viele unterschiedliche Arten von Beziehungen. In diesem Jahr war eine Art von Beziehung für mich wie ein roter Faden: Freundschaft.

Ich glaube ich werde niemals aufhören mir über Freundschaft im Allgemeinen und meine Freundschaften im Besonderen den Kopf zu zerbrechen und das Herz zu zerwühlen. 

Dieses Jahr hat mich Freundschaft immer wieder überrascht. Nachbarn wurden zu Freunden, waren plötzlich ganz unaufgeregt zur Stelle als wir Unterstützung brauchten und sind an unserer Seite geblieben. Kolleginnen die ich eigentlich nur „online“ kenne sind zu wichtigen Unterstützerinnen geworden, gehören fest zu meinem Alltag und ich schätze sie sehr. „Alte Freunde“ sind auf der Versenkung wieder aufgetaucht. Wurden wieder Teil meines Lebens und ich durfte feststellen, dass sie eigentlich nie weg waren. Auch wenn wir uns seit Jahrzehnten kennen und unsere Leben in teilweise sehr unterschiedliche Richtungen verlaufen sind, seit wir uns in der Schule kennenlernten – die Verbindung zwischen uns ist geblieben. Sie hat sich verändert, aber ist heute vielleicht noch wertvoller als sie es in den Tagen war da wir uns sowieso jeden Tag sahen. Das ist so gar nicht selbstverständlich. Denn ich habe auch das Gegenteil erlebt. Auch in diesem Jahr. Lebenswege haben sich getrennt – Freundschaften wurden zu Bekanntschaften oder gingen zu Ende. 

Sehr oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass es eine echte Zäsur für eine Freundschaft bedeuten kann, wenn einer ein Kind bekommt – und der andere nicht. 

Irgendwie lebt man plötzlich auf unterschiedlichen Planten – ohne Rückflugticket. Wer erst einmal auf dem Elternplanet gelandet ist wird sich nicht wieder auf dem Kinderlosplaneten heimisch fühlen können. Umgekehrt ist es aber auch so: wir alle haben keine Ahnung wie es auf dem Elternplaneten aussieht, bevor wir nicht diesen „einen kleinen Schritt für die Menschheit“ auf ihn gesetzt haben. Deshalb werbe ich immer wieder (auch in meinen Kursen und den Beratungen) für mehr Verständnis für einander. Und wenn Verständnis halt nicht geht – dann lasst einander doch einfach SEIN. So wie ihr nunmal seid. Es ist nämlich durchaus möglich die Verbindung zwischen den Planeten aufrecht zu erhalten. Sie basiert auf Wohlwollen, Achtsamkeit und liebevoller, nicht wertender Akzeptanz. 

Freundschaft ist ein sehr tiefes Gefühl. Es kann eine tiefe Form von Liebe sein. Achtung, Bewunderung, Gemeinschaft, Unterstützung, Geben können ohne etwas zurückbekommen zu wollen, Selbstlosigkeit, Spaß, Lachen und gemeinsam Zeit verbringen – auch ohne großen Plan oder Zweck. Loslassen können, weinen dürfen, motzig sein können und Trost oder einfache Akzeptanz zu erfahren. All das ist Freundschaft – für mich.

 

Freundschaft ist....
Freundschaft ist….

Zusammengefasst in einem Wort: Vertrauen. 

Deshalb tut es ja auch so schrecklich weh, wenn Freundschaften zerbrechen. Weil Vertrauen verloren geht oder kaputt gemacht wird. Auch das habe ich dieses Jahr erlebt. Vertrauensmissbrauch in einer Freundschaft. Das hat mich tief erschüttert. Ich habe viel darüber nachgedacht ob ich selbst schuld bin, weil ich zu schnell zuviel zu tief vertraut habe. Ob ich „vorsichtiger“ sein sollte. Nicht gleich alles geben sollte und mich komplett für einen neuen Menschen in meinem Leben öffnen sollte. Ob das überhaupt eine Freundschaft war? Wie definiert man „Freundschaft“ denn nun überhaupt?!?

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen was das mit meinem hochsensiblen Gehirn gemacht hat? Ja, genau: Meltdown. Ich war völlig am Ende von all den Zweifeln und Gedanken gequält und zerrissen. Aber wisst ihr was: Das ist nicht mein Weg. Ich will Freundschaft nicht künstlich kleiner machen als ich sie fühle. Ich will nicht „auf Nummer sicher gehen“, Gefühle auf Sparflamme leben. Das nimmt mir nur die Chance auf alles Schöne und Wertvolle und: ich KANN das schlicht nicht. Also nehme ich es dankend in Kauf verletzt zu werden. Weine und trauere, verzweifle, grüble und schimpfe. Es wird mich nicht zerstören, denn keine Begegnung ist ohne Sinn. 

Das Risiko ist hoch. Doch der Gewinn ist es auch.

Wir können so viel voneinander und über uns selbst lernen, wenn wir uns öffnen (können). Darauf will ich nicht verzichten. Ich werde nicht mehr relativieren ob es eine „echte Freundschaft“ ist, wenn man sich quasi nur über das Internet kennt, wenn man ja eigentlich ja nur über die Kinder und den Verein verbunden ist, bloß in der gleichen Straße wohnt und all diese Überlegungen. 

Die Verbindungen die ich zu anderen Menschen fühle sind immer tiefer als bei anderen. Das geht allen hochsensitiven Menschen so. Keine meiner Kursteilnehmerinnen ist mir egal. So manches mal frage ich mich wo die Grenze zur Freundschaft zu ziehen ist und ob ich jetzt noch „professionell“ bin. Ja, manchmal verschwimmt das alles ein wenig. Und manchmal ist das auch sehr gut so. 

Kathrin sagt immer das Fühlen sei meine „Superkraft“. Tja, Fluch und Segen. Ich nehme den Segen – auch für meine Freundschaften. 

 

 

 

Bilder: © Kathrin Borghoff  / www.pixabay.com @sweetlouise

1 comment

  1. „Irgendwie lebt man plötzlich auf unterschiedlichen Planten“

    Wobei das keineswegs ein Automatismus ist bzw. sein muß, sondern meiner Erfahrung nach viel davon abhängt, wie sehr die jeweiligen Menschen bereit sind, sich (weiterhin) auf das Leben das anderen einzulassen. Im Grunde genommen zeugt es doch *gerade* von Verbundenheit, wenn man sich auch dann für etwas interessiert, das die Menschen, die einem nahestehen, interessiert, selbst wenn es einem eigentlich, also unter anderen Umständen, nicht wichtig wäre.

    Das gilt zu einem gewissen Grad bereits für Hobbies und Beruf, aber für Familienzuwachs natürlich noch viel mehr. Also salopp: „deine Tochter/dein Sohn ist mir allein deshalb schon wichtig, weil *du* mir wichtig bist“ (was im Gegenzug nicht heißt, daß es sich darauf „beschränken“ muß. ich halte es für überhaupt nicht unwahrscheinlich, daß besagte Tochter/besagter Sohn dann auf Dauer „von sich aus“ bereits eine Wichtigkeit bekommt).

Schreibe einen Kommentar