Hinschmeißen.

Hinschmeißen. Loslassen.

Der Tag kann weg. Es ist 14.30 Uhr und der Tag… war… ach. Er kann einfach weg. Ich habe mich bis hierhin gequält und es irgendwie geschafft nicht das Mobiliar oder gleich die ganze Bude zu zertrümmern. „Wut ist ein sekundäres Gefühl“, höre ich meine Supervisorin in meinem Kopf zu mir sagen, „welches Gefühl liegt bei dir da eigentlich dahinter?“ 

Erschöpfung. Müdigkeit. Kein Bock mehr.

„Ohne Scheiss“, sage ich zu Shane als wir endlich auf dem Feld angekommen sind, die Hunde ohne Leine laufen und die Kinder ohne Bremse Laufrad fahren können, „ohne Scheiss, ich könnte alles hinschmeißen. Ich bin müde, abgekämpft, kraftlos. Ich will Urlaub. Oder zumindest viel Geld verdienen für die scheissviele Arbeit. Ich arbeite, dann hab ich die Kinder, dann arbeite ich wieder. Ich will nicht mehr! Ich will hinschmeissen!“ 

Vorhin, in der Küche, kurz nachdem er angekommen war, so wie eigentlich nahezu jeden Tag, waren mir Tränen über die Wangen gerollt und ich wunderte mich über mich selbst. Wut, Aggression, Terror überdecken das doch eigentlich. Und heute: Tränen. So richtige Traurigkeit. Dann der Spaziergang, die frische Luft. Und ein Gespräch.

Die Erschöpfung ist mir ein treuer Begleiter. Eigentlich läuft sie mir schon mein halbes Leben nach. Solange Sie mir nachläuft, gehts. Dann drehe ich mich zwar ständig zu ihr um, dauernd auf der Hut, um ja nicht von ihr eingeholt zu werden, schaffe es aber auch manchmal anzuhalten und mich ganz gelassen im Schneidersitz auf den Boden zu setzen. Dann rauscht die alte Hexe an mir vorbei und lässt mich für den Moment in Ruhe – diese impulsive Zicke kann’s ja auch nicht langsam angehen lassen.

Aber manchmal, wenn die Taschen zu schwer, der Weg zu holprig und das Wetter unbeständig ist und meine Schritte unter der schweren Last zu einem gebückten Schleichen werden, dann holt sie auf. Erst macht sie nur ein zwei kleine Schritte mehr als ich, aber dann, spätestens nach ein paar Tagen, ist sie mit einem Satz direkt auf meinem Schoß. Und dann? Dann geht gar nichts mehr.

Hinschmeissen!

„Wut ist ein sekundäres Gefühl“, erkläre ich auch Shane, „weißt du, in Wirklichkeit bin ich einfach am Arsch. Diese Erschöpfung…. ich bin einfach so müde. Seit so vielen Jahren“. Laut schnaufend sehe ich zu den Kindern, die an der großen Pfütze ihre Laufräder zu Boden geschmissen und begonnen haben, mit Stöcken und Steinen auf das Wasser einzuprügeln.

Ich würd an manchen Tagen alles geben für einen Job bei Aldi an der Kasse und ich schwöre euch – ich sage das nicht in der Hoffnung, dass hier dreißig Kommentare zusammen kommen, in denen Menschen reihenweise beteuern wie unbedingt ich doch weiter machen solle. Derlei Nachrichten bekomme ich häufig – ohne angeben zu wollen- und noch dazu ist mir selbst ziemlich klar, wie wichtig mein Job ist. Dieser Blog, aber auch meine Familienschule, meine Beratungen, mein Zuhören und Mitfühlen. Denn ganz ehrlich, wenn ich das alles nicht wüsste, gäbe es nichts davon noch. 

Der Job ist knochenhart. Glaubt man nicht, sieht man vielleicht auch auf den ersten Blick nicht, ist aber so. Meine Aufgabe besteht darin, andere zu fragen, wie es Ihnen geht und diese Frage aus tiefstem Herzen ernst zu meinen. Das bedeutet aber auch, mitzufühlen – all das mitzufühlen. Den Stress, die Anspannung, die Dringlichkeit, den Druck, die zweitweise Einsamkeit, die Fremdbestimmung, kurzum: die Situationen, in denen Familien, Eltern, Kinder einfach dauernd sind. Und dabei schlafe ich selbst noch gar nicht lange wieder durch! Ich arbeite mit zwei kleinen Kindern weit über 40 Stunden pro Woche und habe wahnsinnig viele Monate hinter mir, in denen ich mir nichts weiter als ein Azubi-Gehalt habe auszahlen können. Um meine Kinder zu sehen arbeite ich nachts. Damit sie nicht noch mehr betreut werden, arbeite ich am Wochenende. Um meine Ehe zu pflegen, setze ich mich abends auf die Couch und riskiere, die wichtigen Unterlagen und knappen Deadlines auf den letzten Drücker fertig zu machen. Das alles tue ich nicht, weil die Sozialversicherung so fair oder die Rente so üppig ist. Sondern weil mir – vielleicht aufgrund meines Idealismus, ganz sicher aber aufgrund meiner Wahnsinns-Naivität – meine grenzenlose Leidenschaft ein Aufgeben verbietet. Bin ich jetzt also brillant? Eine total superduper Weltretterin? Die eine oder keine, die es richten wird?

Nein. Nichts davon. Ich bin die, mit dem großen Herzen für Kinder, für Familien und für Bindung – und die, mit der Überzeugung. Einer Überzeugung, die so stark ist, dass sie manchmal zu Lasten der eigenen Gesundheit und Erholung geht. Die bin ich. Die bescheuerte Variante der Weltverbesserer.

Loslassen.

„Hier!“, höre ich Shane sagen. Ich drehe mich zu ihm um. In seiner Hand hält er drei mittelgroße Steine. „Du willst doch was hinschmeissen!“, grinst er und zeigt auf die Pfütze. 

Ich sehe meine Kinder, wie sie in dem spritzenden Regenloch hüpfen und tanzen und nicht den Anschein erwecken, als würde sie irgendwas von dem Gelaber, das ich schlechtgelaunt seit heute morgen abspule, interessieren. Bubba Ray rührt mit einem großen Stock im Wasser herum, D-Von hat schon Dreiviertel seiner Hose im Matsch gesuhlt. Links und rechts daneben: jede Menge Steine. Shane schmeißt einen großen im hohen Bogen hinein und die Kinder tun es ihm gleich.
Platsch, Flotsch, Flaschz. Es spritzt, ich bekomme Regenwasser in die Augen und die Herbstsonne wirft ihren goldenen Schein aus einer Ecke, als sei es so bestellt.

 

Loslassen.
Loslassen.

 

Ich schmeiße hin. Erst den einen Stein, dann den anderen. Und mit richtig viel Schmackes dann den dritten. Ich zähle nicht mehr, aber es folgen noch viele weitere. Wir lachen, überbieten uns gegenseitig in den Fontänen, die das Wasser schlägt und haken den Tag ab. Loslassen, würde es die Achtsamkeit nennen.

Der Job bei Aldi an der Kasse klingt nach einer Option. Aber nach einer, die ich auch heute wieder nicht wahrnehmen werde. Ich stehe knietief im Wasser – im Pfützenwasser, sozusagen – aus Arbeit und Anforderungen. Aber es gibt noch so viel zu tun, dass ich nicht hinschmeissen kann. Oder will. Zumindest nicht den Job.

Ich greife nach weiteren Steinen und versenke sie in der Riesenpfütze. Noch einen. Und noch einen.
Hinschmeissen. Loslassen. Whatever.

Der Tag kann weg.
Aber die Pfütze, die nicht.

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