Kein Blatt mehr zwischen uns

Kein Blatt mehr zwischen uns.

2013

Manchmal weiß ich nicht, wie ich dich halten soll. Du bist wahnsinnig klein und wirkst so zerbrechlich. Deine Haut ist rosé und fast durchsichtig. Du bist der zarteste Mensch, den ich je gesehen habe. In der Nacht kann ich nicht schlafen, weil ich Angst habe, du könntest einfach aufhören zu atmen. Noch schlimmer ist aber, dass ich diese fürchterliche Panik habe, dein Vater könnte sich mit all seinem Gewicht auf dich drehen. Ich ertrage es kaum, dich zwischen uns liegen zu lassen und versuche, dich in den Stubenwagen zu legen, um wenigstens kurz die Augen zu schließen. Doch, du bleibst nie lang dort, sondern rufst sehr bald nach mir. Vermisst du mich so, wie ich dich, wenn du mir nicht nahe bist? Wenn ich ehrlich bin, bekomme ich auch so nicht mehr Ruhe. Ich meine was ist, wenn du hier, allein im Stubenwagen neben mir, vergisst zu atmen? Kannst du das alleine überhaupt? Wann in den letzten 40 Wochen habe ich dir denn beigebracht zu atmen? Wirst du das zuverlässig weiter machen, wenn ich dich nicht zwischendurch anstubse? 

2019

Du schnarchst. Nee, eigentlich holzt du Bäume ab. Ja, du schnarchst und angefasst werden oder auch nur ein wenig berührt werden möchtest du unter gar keinen Umständen. Du brauchst Zone. Auch wenn ich weiß, dass du schon längst alleine schlafen kannst, dass es dir so ungefähr gar nichts ausmachen würde, in deinem Zimmer in einem eigenen Bett zu liegen – du würdest es gar nicht bemerken, so tief wie du schläfst – zieht es mich jeden Abend wieder zu dir. Um mich selbst im Schlaf geborgen zu fühlen, brauche ich deinen Duft. Dein Schnarchen. Deine Nähe, selbst wenn ich dich nicht berühren darf.

Die Leute sagen, ich könnte nicht loslassen. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Sie wissen nicht, was wir durch haben. Wo wir gestartet sind. Welchen Weg wir gehen mussten, um heute hier zu sein, nebeneinander – so nah, dass kein Blatt dazwischen passt. Obwohl wir uns nicht berühren.

 

2014

Woraus auch immer ich bestanden haben mag, als du noch in meinem Bauch warst – jetzt setzen sich alle meine Zellen nur noch aus Angst zusammen. Du bist verdammt nochmal so zerbrechlich. Ich weiß nicht, wie ich dich anfassen soll. Wenn ich doch nur wüsste, wie ich dich berühren kann, ohne, dass du anfängst zu weinen. Ich habe Angst, ich bin unruhig und nervös. Dann sehe ich deinen Papa, wie er dich hält, als hätte er in seinem Leben nie etwas anderes getan. Ich sehe, wie sehr er auf dich gewartet hat. Dass du alles bist, was er braucht. Und ich wünschte, ich könnte das gleiche sagen.

Oft beginnst du zu weinen, sobald dein Papa das Haus verlassen hat. Ich bin müde. Meist stehe ich auf und schleppe dich umher, damit dieses Weinen nur für einen Moment aufhört, aber selbst das bringt nichts mehr. In mir steigt die Panik auf, sobald dein Vater am Morgen das Haus verlässt. Ich weiß, dass es gleich wieder losgeht, dass ich gleich wieder ganz allein da durch muss. Durch einen Zustand, den ich nicht ertrage. Erwartungen, die ich nicht erfüllen kann.

Es ist ein eiskalter Januar-Morgen und dein Vater ist gerade durch die Tür raus. Ich kann neben mir spüren, wie du dich bewegst und beginne zu weinen. Ich bin so müde, wie ich es nie war. Schlaf, nur noch eine halbe Stunde… Aber du machst leise deine Geräusche und auf dich aufmerksam und ich weiß, dass das gleich wieder nicht mehr so niedlich ist. Wenn ich doch nur wüsste, wie ich dich berühren soll, ohne dich zum Weinen zu bringen.

Du weinst. Nein, eigentlich schreist du. Rufst du deinen Papa? Papa ist nicht da. Wir sind hier allein. Irgendwie müssen wir doch klar kommen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Was ist die Lösung? Was ist der Weg? Wie soll ich dich halten, was soll ich singen, sagentunmachendenkenfühlenerledigenanstellen? Wenn du nur sprechen könntest. Wenn du nur sagen könntest, was ich tun soll….

Ich drehe mich auf die Seite, weg von dir. Tränen laufen mein Gesicht herunter, während du in meinem Nacken liegst und schreist. Du bist 5 Wochen alt und ich kann dich nur ungehemmt berühren, wenn dein Vater hier ist. Er hilft mir. Und er weiß immer, was du brauchst. Wieso kann ich das nicht? Ich bin deine Mutter, verdammt. Du brüllst. Wirst kurzatmig. Ich kann dich nicht stillen, du lässt dich nicht anlegen. Was zur Hölle…

 

2019

“Du bist die blödeste Kackmama der Welt! Ich wünschte, du würdest woanders wohnen!“ Okay, das ist neu. Beleidigungen – geschenkt. Wut – ach, schon lange! Streit – jap, regelmäßig. Aber in dieser Härte? Woah, ich muss mich mal setzen. Ich bin tief getroffen und traurig. Hier geht es gerade nicht wirklich um einen Auszug oder irgendein weltbewegendes Verbot – ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr genau worum es gerade ging. Irgendwie sind wir an diesen Streitpunkt gekommen und jetzt…. „Autsch“, sage ich und sehe dich an.

Ich könnte schreien, wüten, weinen – aber dann rennst du nur weg, knallst Türen und brüllst noch lauter. Du bist unfassbar stark, auch ohne Hulk-Muskeln. Du hast echt ein Standing, keine Angst vor mir und bist noch dazu wirklich klug. Aber dich nerven eben auch Kleinigkeiten sehr, bringen dich schnell aus der Fassung. Jetzt stehst du stattdessen vor mir und siehst mir tief in die Augen. Es ist, als würde dort ein Film ablaufen: eben noch warst du stinkwütend, vollkommen in Rage, jetzt siehst du meine Traurgkeit und bereust, fühlst mit, bist traurig – alles auf einmal. Ich weiß, dass das jetzt mein Job ist, die Lage hier zu retten, nicht deiner. Du bist 5 und darfst das. Das alles. Auch mich verletzen.

„Bubba, ich weiß, dass du sauer auf mich bist. Aber was du gerade gesagt hast, tut mir wirklich weh. Du musst wirklich überlegen, was du sagst. Auch deine Worte können Menschen verletzen!“ Du stockst. Knurrst. Drehst dich um. Knallst die Tür. Ich seufze, lege kurz die Hände auf die Augen. Ich weiß, was zu tun ist. Gleich. Nicht sofort. Gleich gehe ich dir nach.

 

2014

Ich fahre herum, sehe dich an. Ein kleines winziges Bündel, keine fünf Kilo schwer, mit hochrotem Kopf. Du weinst und es klingt als würdest du immer wieder ein Wort jammern. Vielleicht bilde ich es mir ein, doch es könnte klingen wie „Mama“. Ich strecke meine Arme aus und hebe deinen Kopf an. Keine Ahnung, ob man das mit Babies tun darf, aber ich schiebe meinen Arm unter dein linkes Ohr und lege deinen Kopf in meinen Arm, genau über meine Achsel. Ich habe Angst, alles falsch zu machen, dich kaputt zu machen. Meinen Kopf kuschle ich so nah an deinen heran, dass ich mit meiner Nase deine Stirn berühre. Du riechst nach Liebe. Oder so, wie ich mir den Duft von Liebe vorstelle. Ich weiß, dass ich dich liebe. Ich weiß nur nicht, wie ich es dir jemals zeigen kann. Du drehst den Kopf noch zweimal schräg nach oben und weinst. Vielleicht tue ich dir weh? Ich halte den Atem an und lege die freie Hand auf deinen Rücken. Du liegst in meinen Arm eingekuschelt, dicht an meine Brust. So nah, dass nur noch Kleidung uns trennt. Dein Herz an meinem. 

Und zum ersten Mal seitdem du lebst verstummen deine Tränen unter meiner Berührung.

 

2019

Ich halte ein Bild von dir in den Händen. Genauer gesagt: von uns. Du bist ungefähr acht Wochen alt, ich so ungefähr kurz vor meinem 27. Geburtstag. Ich kann das Bild nicht leiden. Wenn ich mir selbst in diesem Bild ins Gesicht schaue, kommen alle diese Gefühle von damals wieder hoch. Diese lähmende Angst, die Erschöpfung, die Traurigkeit, das Gefühl dauernd alles falsch zu machen, die Anspannung. Keine Leichtigkeit, kein Glück, nichts, was man losgelöst bezeichnen könnte. Diese Zeit war das reinste Chaos,  die reinste Hölle. Und wir mittendrin. Ich halte dich schützend in meinem Arm – die einzige Position, in der du überhaupt schlafen konntest damals. Mein Gesicht: ausdruckslos, kraftlos, müde. Nicht ich. Nicht so, wie ich Familie eigentlich empfinde. Grau, abgekämpft, leer. Traurig.

 

Kein Blatt mehr zwischen uns.

 

Ich stelle es zurück ins Regal, denn es gehört zu uns. Alles gehört zu uns! Jeder einzelne Tag in der Sonne, so wie jeder Moment der Traurigkeit. Jede geweinte Träne und auch jedes laut schallende Gelächter. Einfach alles, was wir in den 5 Jahren seit deiner Geburt erlebt haben, ist ein Teil von uns und musste genau so passieren. Vieles davon ergibt keinen logischen Sinn, fühlt sich einfach unfair und viel zu hart an um es ertragen zu können, aber hey. Wir sind hier, wo wir sind. Ich, hier unten, endlich wissend, was zu tun ist und du da oben, wartend auf die Wärme deiner Mutter. „Wenn ich eins gelernt habe, in meinem Leben“, sagte meine Dozentin mal, „dann das: Alles Lernen geht über Widerstände“.

Oh, wie Recht sie hat. Oh, wie groß und hart und schwer diese widerstände waren. Und oh, was haben wir lernen dürfen.

Du rumpelst oben durch dein Zimmer und ich weiß, was zu tun ist. Das ist der Punkt. Ich weiß es. Und ich weiß auch, dass ich es eigentlich immer wusste. Der einzige Unterschied zu damals ist, dass ich keine Angst mehr habe, dich kaputt zu machen. Früher, da war das anders. Ich traute mir nicht zu, dich zu berühren oder anzusehen, ohne zu riskieren, dich zu zerstören. Ich, deine Mutter – der Feind in deiner direkten Nähe.

Dabei waren es Ansprüche an mich selbst und meine „Leistung“ als Mutter, die mich von dir trennten. Ängste, die im Verborgenen ins Unermessliche wuchsen und die ich bald nicht mehr kontrollierten konnte. Und, die mir den Weg zu meinen Gefühlen zuverlässig verbauten. Dabei wusste ich doch, was zu tun war. Wusste es immer.

Ich öffne die Tür zu deinem Zimmer. Du sitzt wütend in der Ecke und malst. „Hey“, sage ich leise. „Hau ab!“, sagst du. Ich muss grinsen.
„Ich hör jetzt auf zu streiten“, sage ich. Sitze einfach da, stumm, gebe dir Raum. Ich muss gar nichts tun. Musste ich nie. Ich muss nur da sein.

Fünf Jahre sind vergangen und es gibt kein Bild von dem Morgen, als ich lernte, was es heißt, deine Mutter zu sein. Und es gibt kein Foto. Kein Bild dieses Moments, der sich eingebrannt hat in mein Herz und meinen Verstand. Nur das Gefühl dieses Augenblicks, in dem Zeit keine Rolle mehr spielte, genau so wenig wie Ansprüche, Erwartungen oder die Frage nach dem „Warum“. Es ist hier, genau zwischen uns, verbindet uns, sodass kein Blatt mehr dazwischen passt. Fünf Jahre, in denen ich die Zeit anflehte, schneller zu laufen und manchmal auch, doch mal anzuhalten. In dem ich alles falsch machte und alles richtig. Fünf Jahre, in denen wir ins dunkelste Tief fielen und ans Licht zurück gekrabbelt sind. In denen ich dachte, dass ich es niemals hierher schaffen würde. An diesen Tag, in diesen Raum…

Du stampfst durch den Raum zu mir, mit verschränkten Armen, leise knurrend. Aus dem schreienden Baby ist ein gestandener kleiner Junge geworden, der genau weiß, was er nicht will. Ich kann dich lesen wie ein Buch. Kein Zweifel mehr an absolut gar nichts. Das hier ist perfekt.

Mit noch immer verschränkten Armen wirfst du dich in meinen Schoß. Knurrst wieder. Ich streichle deinen Kopf.

“Ich vertrag‘ mich aber nicht, nur dass du es weißt“, murmelst du.

Kein Blatt zwischen uns.

 

 

2 comments

  1. …WOW!
    Ich bin tief berührt. Danke, Kathrin, für diesen Rückblick und gleichzeitigen Ausblick. ♥️

  2. Liebe Kathrin,
    wow. Wie viel Frieden. Wahnsinn. Welche Wertschätzung für Euren Weg. Für all die Verletzung und Verzweiflung. Wahn. Sinn.
    Ich selbst fühle es anders. Jeder Weg ist indivuduell. Unsere Geschichte ist anders. Und doch so ähnlich. @2kindchaos hat mir vor Jahren ein buntes Holzschild geschenkt, darauf steht „I wil survive“. Es hatte immer einen Ehrenplatz. Zuletzt in unserer Bilderwand. Als wir umgezogen sind, haben wir beschlossen, es nicht mehr aufzuhängen. Es hat seinen Sinn erfüllt. Wir haben definitiv überlebt. Wir sind Überlebende. Wir sind welche von denen, die es geschafft haben. Hochgekrabbelt ans Licht, hast Du geschrieben. Ja. Kein Blatt passt zwischen mich und meine Kinder. Noch nie. Das war genau das, was uns gerettet hat. Und das mich so fuchsteufelswild werden lässt, wenn man mir einreden will, genau das sei das Problem, wo es doch die Lösung war. Kein Blatt. ❤

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