Lass es mal genug sein - der Zauber langweiliger (All)Tage

Lass es mal genug sein – der Zauber langweiliger (All)Tage

Ich sehe meinen Kindern dabei zu, wie sie sich im Wohnzimmer selbst beschäftigen. Einer von ihnen ist vertieft in ein Spiel mit einem Bagger, der andere baut aus bunten Plastiksteinen etwas zusammen. Im Hintergrund läuft ein Hörspiel. Es ist einer der seltenen Momente im Alltag, in denen einfach Einklang herrscht. Jeder von uns ist mit seiner Angelegenheit beschäftigt. Es gibt nichts zu tun. Für diesen kleinen Moment ist es friedlich bei uns.

Lass es mal genug sein - mein langweiliger Alltag und die wunderschöne Kindheit meiner Kinder
Lass es mal genug sein – mein langweiliger Alltag und die wunderschöne Kindheit meiner Kinder

Dein langweiliger Alltag ist ihre verdammte Kindheit.

Gerade als ich das Handy zücken und ein Foto machen will, weckt mich meine Angst und Sorge aus dem Tagtraum. „Müsstest du jetzt nicht eigentlich MIT deinen Kindern spielen? Onkel Shane macht das immer viel besser. Er spielt intensiv. Baut mit. Aber ich mag dieses Bauen nicht so gern und ich kann es auch nicht. Oder ein Buch vorlesen? Gemeinsam backen? Du müsstest doch eigentlich….“

„Dein Alltag ist ihre Kindheit“, schallt es von den Dächern. Dazu gibt es einen Hashtag und natürlich in regelmäßigen Abständen auch einen Text, der diesen O-Ton als Titel hat. Mein Alltag, jetzt gerade – ich am Tisch mit einer Tasse Kaffee und meinen Gedanken, meine Kinder da drüben vertieft ins Spiel – das ist ihre Kindheit, die ich da an mir vorbeiziehen sehe. Diese kostbare Zeit, in der ich doch eigentlich so viel mehr geben müsste. In der ich aufstehen und…. ja was denn eigentlich? 

 

Meine Kinder sollen es mal besser haben

Von Generation zu Generation hat sich der Mensch stets weiterentwickelt. Fortschritt ist ein Teil unserer DNA – ohne ein Vorankommen, gehen wir ein. Stillstand ist der Tod. Kein Wunder also, dass die Ranzen immer ergonomischer, die Kindersitze immer sicherer und die Zeit für das Abitur immer kürzer wurden. Wir wollen uns fortbewegen, weiterkommen. Es besser haben als die vor uns.

„Meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich“ – seit Jahrhunderten scheint dieses Credo Eltern zu beeinflussen. Die Kindheit, das Leben Zuhause, mag noch so schön gewesen sein – jene Dinge, die uns negativ in Erinnerung blieben, wollen wir für unsere Kinder verbessern. Wir können schlicht nicht anders! 

 

Eine Phrase ist eine Phrase ist eine Phrase.

Doch der Punkt ist: wir tun damit nichts weiter, als uns auf das Negative in unserem Leben zu fokussieren. Schließlich formulieren wir nicht, welche wunderschönen Ziele wir uns für unsere Kinder wünschen und was genau wir dafür tun. Wir stellen lediglich in Vergleich, wie ungerecht behandelt wir uns fühlten und würdigen gleichzeitig herab: egal was kommt – Hauptsache es ist besser als das, was ich habe erleben müssen.

Doch diese Phrase, dass Kinder es besser haben sollen, ist nunmal nicht weniger als das: eine Phrase. Was genau soll besser sein für dein Kind? Was genau wünscht du dir? Was genau soll sich weiter entwickeln? Möglicherweise gehe ich gerade das Risiko ein, dass meine Kinder in 20 Jahren bemängeln, dass ich so wenig mit ihnen spielte, als sie Kind waren. Aber vielleicht bietet Ihnen genau dieses freie Spiel, ohne Erwachsenen-Denke und ganz im Flow ja auch optimales Entwicklungsklima. Vielleicht sind sie, eines Tages selbst erwachsen und Eltern, ja total gegen das Alleine-Spielen ihrer Kinder und setzen sich konsequent dazu und finden es ganz wunderbar. Eventuell ist dies dann für sie der Inbegriff von „Meine Kinder sollen es schließlich besser haben, als ich“.

Eventuell, vielleicht, möglicherweise. Oder eben auch nicht.

 

Sind die langweiligen Momente unseres Alltags nicht einfach genug?
Sind die langweiligen Momente unseres Alltags nicht einfach genug?

 

Warum Onkel Shane so gerne spielt und ich nicht.

Unser Onkel Shane ist ein Familienmitglied mit besonderen Vorzügen. Er bekommt jeden Entwicklungsschritt unserer Kinder volle Pulle mit. Shane bietet seine Hand an für die ersten Schritte, hört die ersten Wörter und sieht, wie Haare und Füße wachsen. Hält Wutanfälle aus und bestreitet eigene Konflikte. Er begleitet unsere Kinder auf dem gleichen Weg wie wir, sie lieben, akzeptieren und respektieren ihn und er geht hier ein und aus. 

Doch genau so kann er festlegen, was er tun will und was nicht. So wechselt er beispielsweise keine Windeln und hat es noch nie getan. Er hat abends Feierabend und fährt zurück in seine Wohnung. Natürlich übernimmt er Verantwortung, aber nach unserer Struktur, die er sich nicht selbst überlegen und für die er keine Entscheidung treffen muss. Er weint und lacht mit – aber kann jederzeit aussteigen, wenn er will. Und genau darum ist jedes Zeitfenster, das er bei uns verbringt, automatisch für unsere Kinder reserviert – und zwar gern. Er stellt sich darauf ein und das stundenlange Bauen stört ihn nicht. Im Gegenteil – er genießt die Exklusivität, der coole Onkel zu sein, der selbst jahrelang Konstrukte aus Plastiksteinen gebaut und geübt hat. Und wenn er nicht mehr mag, dann fährt er heim. Feierabend. Kein Abendessen kochen, kein Haushalt, kein Streit ums Zähneputzen, kein Stress mit der Kindergeldkasse, keine Sorge um die Eingewöhnung in die Kita. 

Ja, und genau das ist der Grund, wieso Onkel Shane in seiner begrenzten Zeit hier bei uns alles geben und der coole Onkel sein kann – und ich viel öfter in Ruhe einen Kaffee trinken und auch mal nur zuschauen möchte.

 

Was genau ist denn besser? Besser als damals?

Das frage ich mich oft, wenn ich höre und spüre, dass Eltern unter dieser Sehnsucht, unter diesem Wunsch, es BESSER zu machen, kaum atmen können. WAS genau soll erreicht, welcher Berg beklommen werden? Ich jedenfalls sitze hier, bei meinen Kindern, sehe Ihnen zu und bin dabei. Jede Minute. Ich verpasse keinen kostbaren Augenblick ihrer Kindheit, ich kriege alles mit. Jup, ist ein bisschen langweilig hier, passiert nix Wildes, ein Alltag der sich nicht für wilde Abenteuer und Erzählungen später eignet. Oder?

Ist das jetzt besser oder schlechter als das was meine Eltern getan haben? Keine Ahnung, aber eines ist sicher: es fühlt sich gut an. Friedlich. Es ist einer der seltenen Momente im Alltag, in denen einfach Einklang herrscht. Jeder von uns ist mit seiner Angelegenheit beschäftigt. Es gibt nichts zu tun. Für diesen kleinen Moment ist es friedlich bei uns.

 

Ansprüche loslassen – Elternschaft genießen, wie sie ist.

Für heute lasse ich meine Ansprüche gehen und versuche nicht, hier irgendwas zu verbessern. Sei es, im Vergleich zu meinen Eltern besser abzuschneiden oder für meine Kinder den besten verdammten Alltag hinzukriegen, den sie sich vorstellen können. Scheiss drauf. Ich sehe glückliche Kinder, im Flow und Einklang und einen kleinen Kaffee mit Hafermilch. Was soll es da zu verbessern geben? 

Der Punkt ist doch: langweilig ist nicht gleich schlecht. Brauchen Kinder Aufregung, Entertainment und Rund-Um-die-Uhr-Termine? Ich sage: nein. Was (meine) Kinder brauchen, ist das Gefühl, selbst genug zu sein. Sie für mich, ich für Sie. Nicht besser, nicht aufregender, nicht der Stoff aus dem Träume gemacht sind. Einfach nur diese tiefwurzelnde Überzeugung Genug zu sein für jemanden – eben genau so, wie man oder es gerade ist.

Ich sage meiner Angst, dass sie sich verpissen soll und schieße ein Foto. Denn für MICH geht dieser Moment aus purer Langeweile, fehlender Optimierungszwänge und das ganze Herz füllenden Gefühls des Frieden ganz sicher in die Geschichte ein.

 

Langweilige, wunderschöne Tage mit Wäschekörben (auf beiden Seiten)
Langweilige, wunderschöne Tage mit Wäschekörben (auf beiden Seiten)

 

Ganz, ganz sicher.

4 comments

  1. ❤❤❤
    Ich hatte Deinen Text noch nicht gelesen und dachte den ganzen Tag an ihn, so, als hätte ich ihn gelesen. Meine Kinder liefen bis nachmittags in Unterhose und Unterhemd rum (worin sie geschlafen hatten) und spielten. Im Spielzimmer. Ich liebe unser Spielzimmer. Vor allem, weil es sich dem Spielen widmet. Weil Platz ist.
    Ab und zu kam eine Mahlzeit.

    Und ein Satz, der sich mir einbrennen wird wie Dir der Tag, den Du beschrieben hast. Ein Satz, eine Frage. Eine Frage, die die Hoffnung enthielt, wenn ein „Ja“ als Antwort kommt, das Glück der Welt zu erreichen. Coco stellte die Frage gegen Ende des Frühstücks:
    „Mama? Dürfen wir Lego bauen?“
    Alles Liebe, Mo

  2. Selbstbestimmtes Spielen im Flow ist das beste, was Kindern (und Eltern) passieren kann… Dieses im Spiel und Beisichversunkensein, herrlich… Liebe Grüße von einer Oma, die im Sommer hier bei sich Enkelwochen hat und nie das Gefühl hat den Kindern etwas „bieten“ zu müssen. Sie sind sich selbst genug und haben mit dem genug, was sie hier finden und damit anstelken dürfen: Wald, See, Garten, riesiger Basteltisch…, und ich…, nein, keinen Fernseher…

  3. „Dein Alltag ist ihre Kindheit“ ist ein Satz, den ich mir auch immer wieder ins Gedächtnis rufe, aber noch nie habe ich ihn so gesehen, wie hier beschrieben… Für mich ist das eher eine Aufforderung zum Entschleunigen, Entzerren, gelassener sein… Aus meiner Sicht ist die Situation, die du beschreibst, die perfekte Umsetzung dieses Satzes. Deine Kinder dürfen spielen, sind im Flow, werden nicht gestört, können frei sein. Es verlangt doch in diesem Moment auch keines deiner Kids von dir, dass du mitspielst ;o)
    Und selbst wenn deine Kids deinen Einsatz fordern, heißt das ja nicht, dass du ihnen sonst was bieten musst. Wichtig ist doch in dem Moment, dass ihr was zusammen macht, was ALLE gerne mögen. Bei uns wird dann meist ein Spiel gespielt oder vorgelesen, denn ich bin nicht der Typ für Rollenspiele oder Lego-Bauten und Backen/Kochen mit den Kids finde ich furchtbar anstrengend und nervig ;o) (wird natürlich trotzdem immer mal gemacht, weil es den Kids so ein Spaß macht…)

    Alles Liebe,
    Nadine

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