Über sich hinaus wachsen lernen

Lernen, über uns hinaus zu wachsen.

Die Sonne wärmt meinen Rücken, während ich meine Kinder beim Spielen auf diesem Riesen beobachte. Dieses Klettergerüst zählt zu unseren Lieblingsplätzen. Und das aus gutem Grunde: hier wachsen meine Kinder über sich hinaus. Bubba Ray klettert so weit rauf, dass ich ihn kaum noch sehen kann, D-Von nimmt jedes Mal eine kleine Hürde mehr. Sie bezwingen ein Ding, das zehnmal so groß ist wie sie, das Fallstellen und Wackelbrücken, Meter tiefe Schluchten und uneinsichtige Treppen hat. Sie schaffen es, reißen oben ihre kleinen Ärmchen in die Luft, rufen meinen Namen und ihre Augen formen das Wort „STOLZ“. Wenn sie dort oben stehen, oder sich kopfüber baumeln lassen oder sonst irgendeinen Meilenstein erreicht haben, applaudiere ich, rufe Ihnen etwas zu und denke jedes Mal: ich weiß ganz genau was ihr meint.

Ein langer Weg bis heute

Denn als ich Mutter wurde, da fühlte sich das, wie mit 96cm vor so einem Kletterriesen zu stehen. Gott, ich hatte einfach vor allem Angst! Hauptsächlich davor, irgendwas falsch oder kaputt zu machen. Aber heute, fast 6 Jahre später, da schaffe ich immer wieder eine Hürde, freue mich über meine Erfolge und ganz ehrlich – manchmal sitze ich da am Rand und bin so stolz auf mich! So stolz auf all die Dinge, die ich mittlerweile schaffe und kann! Wie zum Beispiel: allein mit beiden Kindern zu einem Spielplatz fahren, der für mich das totale Risiko ist! Ich habe Höhenangst – wenn D-Von sich (wieder mal…) übernimmt und gerettet werden muss, dann muss ich entweder meine Angst überwinden und mit zittrigen Knien da hoch oder jemanden WILDFREMDES bitten, mein Kind da runter zu holen. Ich muss beide Kinder ins Auto setzen, durch die halbe Stadt fahren, an der Straße parken, sie aussteigen und alleine laufen lassen. Überall Menschen. Überall Gefahren. Aber ich tue es, und nicht nur das: ich habe, heute, mittlerweile, fast gar keinen Stress mehr dabei.

 

Ein Leben ohne Angst und Sorge

Das war vor 2 Jahren undenkbar. Ich schaffe es immer öfter, meinen großen Sohn unbeaufsichtigt zu lassen und nicht ständig eine Hand dran zu haben, schaffe es, ihn allein im Gebüsch pinkeln zu lassen und nur zu verlangen, dass er in Sichtweite bleibt, wenn er mit Kindern spielt. Für viele Mütter klingt das nach ganz selbstverständlichen Dingen, wenn man mit zwei Kleinkindern, eins davon fast schulreif, vor die Tür geht. Für mich klingt das nach einem unglaublichen Wachstum. Ich selbst habe diesen Gipfel beklommen und mir bewiesen, dass ich kein Leben in Angst und Sorge verbringen, mich selbst nicht ständig überfordern, nicht dauernd an meine Grenzen kommen muss.

Und auch wenn viele der alltäglichen Aufgaben noch immer die gleichen Höhen und Falltüren haben, wie dieser Kletterriese, den meine Kinder als einen ihrer Lieblingsorte gespeichert habe, kann ich Überforderung und Unwohlsein heute klar abgrenzen von Wachstum. Ich bin über mich hinaus gewachsen und kann, was vor Jahren undenkbar war, das Leben mit meinen Kindern, den Alltag mit Ihnen, die Wochen in denen die Kita zu hat und die Ferien, genießen. Ja, an manchen Tagen finde ich es sogar ganz leicht mit Ihnen. Ich traue mich, den Riesen wieder und wieder zu erklimmen. Alles was ich brauche, ist der Strick, links und rechts, der mich vor dem Sturz in die Tiefe sichert.

Wachstum bedeutet: Ein Fuß nach dem Anderen. Und Vertrauen, Liebe und Geduld.
Wachstum bedeutet: Ein Fuß nach dem Anderen. Und Vertrauen, Liebe und Geduld.

Wir wachsen schließlich nicht über Nacht

Manchmal sehen wir unsere Kinder an und fragen uns, wann sie so groß geworden sind. Es ist unser Gefühl, dass sie praktisch über Nacht wachsen und hey – bestimmt ist das auch so. Zumindest in Zahlen. Der Durchbruch. Denn die Wahrheit ist: Vor jedem Zentimeter, vor jedem Zahn, vor jedem Gramm steht ein ellenlanger Prozess. Innen drin, im kleinen Körper, fahren intuitiv aufeinander abgestemmte Prozesse zu Höchstleistung auf – und das, ohne dass wir es sehen könnten. Wochenlange harte Arbeit muss ein kleiner Kinderkörper da leisten um dann, vermeintlich plötzlich, über Nacht einen Zahn durch den Kiefer schießen zu lassen.

Und genau so ist es für uns Eltern. Wir werden nicht als Mütter und Väter geboren, wir erarbeiten uns unsere Rolle, unser Gefühl, unsere Haltung mühevoll. Und zwar durch nichts weniger als Erfahrung. Um etwas zu lernen, muss ich erst einmal verstehen, dass ich es immer und immer wieder probieren muss. So wie ein Kind laufen lernt, ein Fuß nach dem Anderen, so lernen wir, Eltern zu werden. Nämlich erst, wenn das Kind bereits da ist. Wir fallen genau so oft, rappeln uns auf und haben keine Chance, es nicht wieder zu versuchen. Denn auch wir wachsen nicht über Nacht, schon gar nicht über uns hinaus. Elternschaft ist ein Wachstumsprozess und der dauert. Für einige Dinge vielleicht sehr lang, für andere weniger lang. Aber auf jeden Fall nicht nur eine Nacht.

Stolz und Dankbarkeit

Von ganz oben, vom obersten Punkt, von der Spitze, winkt mein Bubba Ray mir stolz herab. Wir haben so viel geschafft in diesen Jahren. So unglaublich viel gelernt. So viele Hürden genommen und Meter zurückgelegt. Wir haben Herausforderungen angenommen und Drachen bekämpft. Und ich weiß, egal was jetzt noch kommen mag: Wir sind, wer wir sind. Und wo wir sind und dass wir sind, wie wir sind, sollte genau so sein.

Dankbarkeit überkommt mich, als meine Kinder auf mich zukommen, um mir voller Stolz zu erzählen, was sie heute erreicht haben. Ich sauge unseren Herzensort in mich auf, schließe die Augen und lausche. Die Stimmen meiner Kinder tragen mich. Raus aus dem Alltag, ganz ins Hier und Jetzt.

5 comments

  1. Oh, so ein schöner Text. Und genau zum richtigen Zeitpunkt. Fühl mich definitiv so, dass die Nacht, in der ich wachse noch hart erarbeitet werden muss. Und an so viel Stellen gleichzeitig. Aber es macht so viel Mut zu hören, dass es möglich ist.
    Dankeschön, Michaela.

  2. Liebe Kathrin,
    bei deinem Absatz mit „Kinder ins Auto packen, durch die Stadt fahren etc.“ musste ich innerlich grinsen, denn das wäre eher meine Baustelle. Nicht die Gefahren in Form von Unfall und Co, sondern alleine das Autofahren quer durch die Stadt ist für mich nicht denkbar. Und erst die Kinder ins Auto bekommen … Ohjemine!
    Interessanterweise war und bin ich gar nicht der Typ Mensch, der immer meint, den Kindern passiert etwas. Zumindest nicht, wenn ich mit ihnen unterwegs bin.
    Dein letzter Absatz ist Balsam, danke DIR!

  3. Ach Kathrin. ❤️
    Noch vor einem Jahr habe ICH da oben gesessen. Aussen am Turm, im Drahtgang und ich war froh keine Höhenangst zu haben, aber je länger ich da saß, desto erstaunter war ich. Was diese kleinen Menschen sich trauen!!! Welche „unsinnigen“ Hängebrücke-Seil-Kombinationen sie wählen, statt den bequemen Weg Richtung Rutsche zu gehen….
    Es liegt wohl auch in der Natur des Menschen immer mehr zu wollen. Im besten Fall nicht materiell oder mit Druck und Stress, sondern weil man weiß, dass man es kann. Dass da noch was geht. Dass der bequeme Weg zwar zur Rutsche führt, aber einen großen Teil des Abenteuers auslässt… Auch wenn man manchmal gerettet werden muss, weil es dann doch noch nicht alleine klappt. Aber wie schön ist es denn bitte zu wissen, dass man am Ende Hilfe bekommt!? Sogar von Fremden.
    Ich kann mich an kaum etwas aus meiner Kindheit erinnern. Ausser an Spielplätze. An das Gefühl, gerade noch rechtzeitig im Häuschen angekommen zu sein, bevor der andere einen kriegen konnte. Wie es sich anfühlt, wenn die Haare runterbaumeln und die Welt auf dem Kopf steht… Diese Leichtigkeit, dieses Gefühl ganz und gar nur im Jetzt zu sein, ist für mich manchmal soooooo schwierig als Mama zu bekommen… Spielplätze sind da immer noch des beste Ort für.
    Danke, dass Du mich daran erinnert hast.

  4. Amen.
    Wie wahr. Wie sehr wir es unseren Kindern zugestehen und wie wenig uns. Dabei ist es genau so. Und es erklärt auch die Anstrengung.
    Ich kann gerade dabei zusehen, wie mein Baby sich immer mehr die Brust erobert, selbst die linke, die es ihm schwerer macht. Wie er Tag für Tag mit mehr Selbstbewusstsein und Zielstrebigkeit zuschnappt. Oder sehr sicher nachjustiert, bis er sie richtig hat. Ein Wunder.

    Ein Wunder? Nein. All das stundenlange Nichtaufgeben, immer wieder versuchen, das Helfen und Halten mit gefühlt 17 Händen und in den unbequemsten Positionen, nur damit Kind und Brust zusammenfinden – all das war nicht Anfangschaos und Orientierungslosigkeit. Sondern hat genau dahin geführt. Genau das hat ihn und mich zum Ziel geführt.
    Danke für den wundervollen Text.
    Mo
    P. S. Ich weine nicht.

  5. Liebe Kathrin,
    Danke für diesen wunderbaren Text. Ermutigend, stark, ehrlich. Das trifft es für mich. Du öffnest einem die Augen für Dinge, die man selbst nicht sieht, die aber aus deinem Mund so offensichtlich einleuchtend klingen, dass man sich fragt, warum man das eigentlich selbst nicht gesehen hat…
    Danke fürs Mut machen und auf den Punkt bringen und für die Inspiration!
    Es ist immer schön von dir zu lesen!
    LG Anni

Schreibe einen Kommentar