Warum du kein Konzept brauchst, um deine Kinder groß zu kriegen.

Warum du kein Konzept brauchst, um dein Kind groß zu kriegen.

Meine Mutter war nicht perfekt. Sie hat mich mal angeschrien, manchmal vielleicht auch ungerecht behandelt, mir Sätze an den Kopf geworfen, die total verletzend waren und durch ihr Verhalten möglicherweise negative Glaubenssätze in mir ausgeprägt, für die ich als Erwachsene viel Zeit und Kraft brauchte, um sie loszuwerden. Heute bin ich selber Mutter und oft schnauze ich meine Kinder im gleichen Tonfall an – klar, sowas hinterlässt Spuren. Jedes, wirklich jedes einzelne mal bereue ich es und wünschte, ich wäre netter gewesen, hätte nicht geschrien, wäre ohne Fehler. In mir klingen das schlechte Gewissen und das Bereuen nach. Doch dann denke ich an meine unperfekte Mutter und bin beruhigt. Wieso, das möchte ich euch heute erzählen.

 

Die sich selbst optimierende Mutter

Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, mein Verhalten zu reflektieren und darüber nachzudenken, wie ich meine Kinder so behandle, so begleite, dass sie Menschen ohne negative Glaubenssätze werden. Dass sie keine Ängste haben, dass ihr Leben bunt und wundervoll ist. Ich suchte nach einem Weg, der sich nicht nach Stolpern anfühlte, der aus meinen Kindern eines Tages widerstandsfähige Erwachsene machen würde. Eben einfach nach einem, der – wenn schon nicht perfekt – zumindest fehlerfrei sein würde. Ich wollte meinen Kindern die beste Mutter sein, sie nicht verletzen und ihnen bloß niemals das Gefühl geben, dass es auch nur eine Sekunde gäbe, in denen sie nicht okay waren, wie sie waren.

Mein Start als Mutter hat mit meinem heutigen Leben absolut gar nichts mehr zu tun. Ich habe mit Bubba Ray noch unglaublich viele Experimente gemacht, die ich heute niemandem empfehlen würde. Ich bereue davon nicht nur viel, sondern ich weiß auch ganz genau, welche Spuren das in seiner Entwicklung hinterlassen hat und noch lange hinterlassen wird. Doch die Zeit zurückdrehen geht nicht. Was geschehen ist, ist nun mal geschehen. Erst nachdem ich über Bindung und Attachment Parenting gelesen hatte, stieg da Angst auf. Die Angst, jetzt alles kaputt gemacht zu haben oder kaputt zu machen, wenn ich nicht in perfekter Verbindung mit ihm leben würde.

 

Die Herausforderung

Doch das Problem war, dass ich – für meinen Teil – erst überhaupt über Bindung und Bedürfnisse nachdachte, als Bubba Ray älter wurde. Ja, ich brauchte eine Weile um zu überlegen, dass das Gewöhnen an einen Schlafplatz ohne mich aus Gründen nicht funktionierte. Und dass sein vehementes Schreien im Kinderwagen vielleicht mehr bedeutete. Oder, dass er das häufige Stillen nicht ausnutzte, um mich zu verärgern. Dann wurde D-Von geboren und unser Leben aus den Angeln gehoben. Erst dann verbrachte ich die Nächte damit, Blogtexte und Bücher zu lesen und zu überlegen, wie ich das – meine eigenen Ansprüche – jemals WIRKLICH und wahrhaftig umsetzen könnte. Und es kamen neue dazu: plötzlich wollte ich mein Kind nicht nur irgendwie groß kriegen, sondern ich wollte echte Verbindung, emotional und mental.

Ich wollte das ganze Paket. Wollte es so richtig richtig machen, wollte die beste Mutter sein, möglichst nicht erziehen, möglichst nicht schimpfen, am besten auf Augenhöhe. Ich sage heute nicht, dass das nicht geht und auch nicht, dass wir das nicht geschafft haben, denn beides stimmt nicht. Doch meine Quintessenz aus all dem ist eine ganz andere.

 

Was AP (erstmal) mit Müttern macht

Attachment Parenting, bindungsorientierte Elternschaft, das Achten der Bedürfnisse aller und die Fokussierung auf (Ver-)Bindung anstelle klassischer Erziehungsziele und tradierter Strukturen – das ist, was ich als den tatsächlich glücklichen Weg für unsere Familie empfinde und auch damals empfand. Aber die Ratgeber, die vielen vielen Ratgeber und Texte dazu – ganz ehrlich? Die stürzten mich erst einmal in eine tiefe Krise. Was ich las war, dass ich mein Kind nicht mehr loben darf, dass ich beim Versuch, in Beziehung und Kommunikation zu bleiben, meine eigene Emotionen erst einmal voll unter Kontrolle haben müsste, dass ich am besten niemals laut werden dürfte und das am Ende ALLES, was ich in den 1,5 Jahren mit meinem Bubba Ray gemacht hatte, Gewalt war.

Und ich gehe einen Schritt weiter: heute arbeite ich tagtäglich mit Familien, die genau diesen Weg leben wollen. Ich sehe, dass es nicht nur mir so ging sondern dass genau das noch täglich in Müttern geschieht: „Hallo, ich bin eine AP-Mama, habe aber für einen kurzen Moment die Fassung verloren. Habe ich jetzt für immer die Bindung zerstört? Welchen Glaubenssatz habe ich ausgeprägt, wie kann ich mein Kind vor mir selbst schützen?“

Bindungsorientierung in der Familie gibt ganz viel Energie und Kraft und ist ein unglaublich schöner, wertschätzender Weg für unsere Kinder, den ich hier niemals kleinreden wollen würde.

 

Aber es ist nicht das Allheilmittel allein.

Meine Mutter hatte bis ich selbst Mutter wurde, niemals von AP gehört und weiß Gott nicht so erzogen. Sie hat nach überhaupt gar keinem Konzept erzogen. Sie war da. Und zwar immer, vor allem emotional. Sie liebte mich und beschützte mich, gab mir Geborgenheit und Aufmerksamkeit. Ich erinnere mich an all ihre Fehler, doch noch viel stärker erinnere ich mich daran, wie sie durch das Wohnzimmer tanzte, wenn ein Lied im Radio kam, das sie mochte. Die Art, WIE sie tanzte. Sie breitete dabei die Arme aus, als könne sie fliegen. Oder als würde sie es zumindest probieren. Sie hatte die Augen geschlossen und ließ sich tragen. Ich erinnere mich, wie sie mich hoch nahm, umarmte, mich im Rhythmus der Musik durch das Wohnzimmer wog. Vor meinen Augen habe ich auch die vielen Abende, an denen sie mich einfach mit zu ihren Freunden nahmen, an denen wir Kinder dazu gehörten wie die eigenen Atemzüge. An denen wir nicht früh ins Bett mussten oder nicht nicht dabei sein durften. Ich erinnere mich an die kleine Klingel, die sie an Weihnachten anschlug, wenn die Geschenke unter dem Baum ausgebreitet waren. Ich sehe sie vor mir sitzen und Stricken, am Spielplatz. Richtig: kein Smartphone. Ich rieche den Duft ihrer Haare und höre den Klang ihres Weinens. Meine Mutter war wie eine Löwin in der Schulzeit, stand hemmungslos für mich ein. Jeder einzelne Kindergeburtstag mag die Hölle gewesen sein, weil sie überlastet und überanstrengt war und die Streits in der Pubertät waren meistens furchtbar verletzend und erdrückend, aber wisst ihr was?

Warum du kein Konzept brauchst, um deine Kinder groß zu kriegen.
Warum du kein Konzept brauchst, um deine Kinder groß zu kriegen.

Ich liebe meine Mutter über alles.

Nicht eine Sekunde will ich darüber nachdenken, wie es eines Tages ohne sie sein wird. Also, was hat sie mir unterm Strich beigebracht, ohne ein Konzept dahinter? Ohne einen Ratgeber gelesen zu haben? Was hat das mit unserer Bindung gemacht?

Hätte ich heute die Wahl zwischen einer fehlerfreien, voll und ganz bindungsorientierten Mutter und meiner eigenen – ich würde keine andere wollen. Sie ist genau den Weg gegangen, den sie gehen konnte. Und das war gut so. Ich verschwende keine Zeit mehr darauf, an die Vergangenheit zu denken und aufrechnen zu wollen. Diese Phase habe ich hinter mir gelassen.

Heute tanze ich selbst nach dem Vorbild meiner Mutter mit meinen Kindern durchs Wohnzimmer, einfach weil wir fröhlich sind. Ich mache aus meiner Überzeugung keine Religion mehr. Ich liebe meine Kinder und bin überzeugt, dass ich die allerbeste Mutter bin, die es gibt – zumindest für die beiden. Ich feiere jeden Augenblick, an dem ich Früchte ernten darf und bin gut zu mir, wenn ich wieder mal einen Fehler gemacht habe. Ehrlich, die mache ich ständig. Jeden Tag! Mehrfach!

Und du, liebe Mama da draußen, du machst auch Fehler. Einfach weil wir alle nicht fehlerfrei sind. Und soll ich dir was sagen: ich glaube ganz ganz fest, dass Kinder keine perfekten Eltern wollen. Sie wollen keine fehlerfreien, reibungsflächefreien, glatten Eltern. Wann sonst sollen sie sich auf die vielen Facetten der Menschheit und der ganzen Gefühlspalette vorbereiten, wenn nicht bei uns? Im sicheren Hafen, wo sie reagieren dürfen wie es Ihnen beliebt und wir anschließend gemeinsam lernen, sich wieder zu vertragen? Genau. Erst dann, wenn wir längst nicht mehr für sie zuständig sind und sie durch Verletzung, Anstrengung, Weltschmerz, Traurigkeit, Wut und viele andere negative Gefühle ganz allein durch müssen. Meine Meinung ist: das ist dann wirklich ein bisschen spät.

 

Keine Religion!

„Weil die Sätze nicht Gebote sind, weil das Leben keine Grenzen kennt! Weil wir Wasser und nicht Wein sind und jede wahre Lüge stimmt. Und nur die Sehnsucht uns das Leben schenkt.

Das ist keine Religion, sondern Liebe. Keine Schuld oder Sünde für die Ewigkeit. Das ist keine Religion, sondern Liebe. Das ist die Hoffnung, die sagt, dass auch die tiefsten Wunden heilen“ (Joy Denalane – Keine Religion)

Mit dem Bild meiner tanzenden Mutter in meinem Kopf geht es mir besser, als mit dem der schimpfenden. Auch wenn beide Seiten zu ihr gehörten und natürlich auch zu meinem Leben, so ist die Frau, die mir gezeigt hat, wie Lebensfreude aussieht, genau die, mit der ich am Morgen in den Tag starten will. Denn diese Frau ist auch die, die mich zu einem Menschen voller Lebensfreude gemacht hat; wegen all der wunderbaren, wunderschönen, wichtigen Dinge, die sie mich gelehrt hat. Im Vorbeigehen. Und ganz gewiss ohne ein Konzept zu verfolgen.

 

Loslassen und Lebensfreude!

Du, liebe Mama da draußen, du machst das Beste was du kannst, jeden Tag. Bescheuerte Fehler, die du selbst für immer fürchterlich finden wirst, übertriebene Reaktionen, falsche Handlungen. Weil das zum Leben genau so dazu gehört, wie sich von der Musik für wenige Minuten durch das Wohnzimmer tragen zu lassen. Du machst den besten, wichtigsten Job der Welt. Und glaube mir; dir wird nicht gekündigt, wenn du mal neben der Stellenbeschreibung tanzt.

 

Energie folgt der Aufmerksamkeit! Also fokussiere die guten Dinge im Leben!
Energie folgt der Aufmerksamkeit! Also fokussiere die guten Dinge im Leben!

 

„Energie folgt der Aufmerksamkeit“ heißt es so schön. Und darum lautet meine Empfehlung, sich nicht länger für die Fehler fertig zu machen, sondern die guten, schönen Momente voll in sich aufzusaugen. Das sonnige Gefühl eines leichten Tages tief in sich selbst zu einem ganz Großen zu machen! Sich nicht zu bestrafen für die zu lauten Worte und das genervte Augenrollen, sondern immer wieder davon überzeugt zu sein, dass es nichts Schöneres gibt, als die Zeit mit deinem Kind und dass es auch genau das ist, was du aussenden willst – selbst an den schlechten Tagen. Konzentriere dich auf jeden glücklichen Moment, tanze, singe, lache, bade dich im Lachen deines Kindes und sei dir Gewahr: wo Licht ist, da ist Schatten. Wo Leichtigkeit ist, ist Schwermut. Wo Liebe ist, da ist manchmal auch Wut oder Traurigkeit oder irgendeine andere negative Emotion. Ich glaube fest an euch und daran, dass ihr aus diesem Gleichgewicht das Beste schöpfen werdet, anstatt sich selbst nur immer weiter optimieren zu wollen.

Denn eines ist ganz sicher: auch DU bist gut, so wie du bist. Mit, oder ohne Konzept.

Alles Liebe,

Euer ÖkoHippie

 

 

 

*Bilder: pixabay.com / Instagram @oekohippierabenmutter

6 comments

  1. Ein wundervoller Text <3. Liebe Grüße, Nicole.

  2. Hallo
    vielen Dank für diesen Artikel.
    Es ging, geht mir wie dir. Und es ist schön das mal zu lesen.

    Das Leben ist zu schön um es mit Bedauern zu verbringen.

    Tanze, Lache, Weine – das ist das Leben

    Liebe Grüsse
    Eva

  3. So ein wundervoller und bestärkender Text!

  4. Kathrin – ich hab Pipi inne Augen.. DANKE für diesen wunderbaren Text!!! LG ivanka

  5. Wow, was für ein wunderschöner, wahrer Text! Tausend Dank dafür!

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