Na komm, Wut, dann setz dich mal und lass uns reden.

Wie deine Wut dich krank macht – und wie eben nicht.

D-Von liegt auf dem Teppich und jammert. Er ist müde und geschafft vom Tag und „kann nicht mehr laufen“. Mit seinen vier Jahren haben seine Beine offenbar den Dienst eingestellt. Sein Papa, den ganzen Tag schon mit Rückenschmerzen geplagt, kann sich kaum bücken, um ihn aufzuheben. Doch er sieht es nicht ein. Nein, er bewegt sich kein Stück. Ich beobachte das Geschehen mit ein wenig Abstand. Den Streit der beiden, die Sturheit, das fehlende Einlenken, das Jammern. Und leise klopft eine altbekannte Stimme an, die ich lange nicht gehört  und die ich nicht vermisst habe: „Du musst eingreifen. So geht das nicht. Das Kind macht, was es will.“

 

Hallo Wut, da bist du ja wieder.

Stampfend und mit langen Schritten überquere ich die Distanz zwischen mir und dem sich auf dem Teppich windenden Kind. „Komm jetzt her, es reicht. Du gehst jetzt ins Badezimmer deine Zähne putzen. Papa kann dich nicht tragen, du bist alt genug. Los jetzt, hör sofort auf!“

Ich stelle ihn im Badezimmer ab, er senkt den Kopf und bewegt sich in Richtung Tür. Ich knie mich hin, doch aus meinem Mund kommen nicht wie sonst tröstende Worte, sondern meine ausgestreckte Hand, die sich auf seinen Brustkorb legt… und ihn aufhält. „Nein, du bleibst jetzt hier“, übertreffe ich mich selbst und stelle mich wie auf Autopilot in die Tür. Verdutzt zögert er. Ich bin sicher: Er ist eigentlich auf ein ganz anderes Gespräch eingestellt. Seine Augen sehen direkt in meine, suchen nach einer Antwort, nach dem Grund für diese Situation. Sagen „Was ist denn nur los, Mama?“ und finden keinen Halt. Schließlich, nach dem wiederholten Versuch, an mir vorbei durch die Tür zu kommen, füllen sie sich mit Tränen- und seine Stimme bricht. „Ich will allein sein“, weint mein Kind los und endlich löst sich meine Hand.

 

Hallo Wut, da bist du ja wieder. Wir haben uns lange nicht gesehen!
Hallo Wut, da bist du ja wieder. Wir haben uns lange nicht gesehen!

 

 

Gut, dass du da bist, um mich zu erinnern.

Ich finde mich zum Kotzen. Als Nächstes schnauze ich meinen Mann an, dass er nicht früher was gesagt hat, dass er D-Von nicht beschützt hat, dass er eigentlich an allem Schuld ist. Und als sein Blick genau das gleiche fragt, mich fragt warum um alles in der Welt ich denn jetzt so durchdrehe, da wird mir endlich – endlich! – klar, dass ich kurz weg war und jetzt wirklich dringend zurückkehren muss.

Viele Jahre war meine Wut hier ständiger Begleiter. Es dauerte ewig, bis ich verstand, dass sie sich nicht, niemals, wirklich gegen meine Kinder richtete. Sie trat auf, wenn ich fürchterlich erschöpft war und meine eigenen Bedürfnisse wieder über Tage oder Wochen hinweg ignoriert hatte. Kam ganz unvermittelt, wenn ich einen Plan hatte, der nicht umsetzbar war. Wenn Ansprüche und Anforderungen viel zu hoch waren und ich es nicht einsehen wollte. Oder auch, wenn ich ständig „Ja“ gesagt hatte, aber „Nein“ meinte. Immer dann, wenn ich mir keine Zeit zu weinen, zu schlafen oder für Erholung genommen hatte. Dann kam sie herein gekracht und riss Mauern ein. Sie trampelte auf meinen Gefühlen herum, ließ Erschöpfung, Trauer, Freude, Müdigkeit und all die anderen gar nicht mehr durch. Meiner Wut ging es niemals darum, Gespräche zu führen, in Beziehung zu gehen oder Kompromisse zu machen – sie wollte Besserung und RUHE. Und zwar schnell.

An diesem Abend, meine Hand auf D-Vons Brustkorb, in der Tür den Weg versperrend und meinen Mann anschreiend, weiß ich, dass sie die Tür nicht einfach so grundlos aufgerissen und die Party versaut hat – sie ist hier, um mich zu erinnern, dass sie noch da ist. Und dass ich stets an meinem Umgang mit ihr wachsen, lernen und arbeiten darf.

 

Wut ist gut. Meistens.

Fragt mich heute jemand, wie ich es geschafft habe, meine hochsensible Wut „in den Griff“ zu bekommen, dann erzähle ich meine Geschichte. Ich erzähle, wie ich jahrelang versucht habe, sie zu unterdrücken und wegzubekommen und irgendwann einfach feststellte, dass sie dazu gehört. Eines Tages hatte ich sie auf meinen Schoß gesetzt und gefragt, was sie mir sagen will. Wieso sie immer so rumbrüllt, was denn eigentlich ihr Problem sei und wie sie sagte, naja, besser brüllte: „DU HÖRST MIR NICHT ZU! HÖR MIR DOCH VERDAMMT NOCHMAL ZU!“

Ich berichte davon, welch unbändige Angst ich hatte, meiner Wut dabei zuzuhören, was sie mir so qualvoll versucht hatte zu sagen. Alles was ich getan hatte, war, sie immer und immer wieder einzusperren, wenn sie doch wahrhaftig so wichtige Informationen für mich hatte. Irgendwann hatte ich mich ihr gestellt, genau wie all meinen anderen großen und kleinen Gefühlen und hatte gelernt, wie unglaublich wichtig sie war. Ich lernte, dass, wenn meine Kinder in der Kita oder innerhalb unserer Familie ungerecht behandelt wurden, ich sie brauchte, um MUT aufzubringen, das Problem offen anzusprechen. Sie war unerlässlich als Geschäftsfrau, denn ohne sie war ich praktisch gar nicht in der Lage, mich abzugrenzen, Finanzämter und Behörden anzurufen und für mein RECHT einzustehen. Natürlich lernte ich auch, dass sie, immer wieder sie, es ist, die die nötige Energie freisetzt, mir Adrenalin und Kraft spendet und mich LOSEGEHEN lässt. Für mich selbst, meine Familie und unsere Emotionen, die sich gern hinter ihr verstecken – aber immer da sind.

 

Na komm, Wut, dann setz dich mal und lass uns reden.
Na komm, Wut, dann setz dich mal und lass uns reden.

 

Es gibt kein Leben ohne Wut!

Ich lernte, dass sie zerstören kann. Dass nichts in mir andere Menschen verletzen oder niederschmettern will, dass nichts in mir etwas oder jemanden kaputt machen will – und dass ich dennoch dazu in der Lage bin. Und zwar immer genau dann, wenn ich mir ihrer nicht bewusst bin. Immer, wenn ich sie vernachlässige, einsperre, wenn ich so tue, als käme ich total gelassen und peaceful baby ohne sie klar…. ja, da muss ich fast selber lachen. Es gibt kein Leben ohne sie!

Wenn  wir uns einreden, dass wir niemals wütend sein dürfen, können, sollen, dann machen wir uns nicht nur etwas vor – wir machen es auch nur noch schlimmer.

Deine Wut an jemandem auszulassen, ist uncool. Vor allem unsere Kinder sind davor zu schützen. Und doch geschieht es! Natürlich, denn wir sind nun mal alle nur Menschen und keine Götter und der Zustand der totalen Achtsamkeit und des totalen Friedens – bitte wie soll der mit Kleinkindern in einem normalen Alltag gehen? Hat schon mal jemand einen buddhistischen Mönch mit einem Kind beobachtet, 24 Stunden am Tag? Nun, ich möchte wetten, dass auch in ihm irgendwann das vollkommen menschliche und natürliche Gefühl der Überforderung und Wut aufkeimen würde. Das eigentliche Ziel ist es, Wut zu integrieren und sie nicht als schlimmer, besser oder sonst etwas zu bewerten, als alle anderen auch. Ein gesunder Umgang mit ihr bedeutet: Wahrnehmen, fühlen, loslassen. Ich selbst versuche mit  Meditationen und Achtsamkeit nichts anderes, als im gegenwärtigen Moment präsent sein zu können, im Hier und Jetzt, und genau dort zu spüren, wenn sie kommt. Nur so kann ich sie wahrnehmen, fühlen und gehen lassen, bevor sie andere verletzt.

 

Zugegeben: Klappt nicht immer!

Doch es gibt Zeiten, da gelingt mir das nicht. Ferien, zum Beispiel. Oder Tage, an denen ich rund um die Uhr allein mit meinen Kindern bin, ganz ohne Unterstützung und Kita. Und auch, wenn ich meine Periode, schlecht geschlafen oder noch nichts gegessen habe. Wenn ich nicht gut zu mir selbst war, nicht für Pausen gesorgt und mich verarscht habe. Es sind die Tage, an denen ich mir selbst kein Brot schmiere, sondern nur die Reste der Kinder esse, stundenlang nicht zur Toilette gehe und ein „Mama???“ das Nächste jagt – pausenlos. Dann tritt sie die Tür ein, diese Wut, kotzt mir vor die Füße und spuckt mich an. Und ich weiß: Ich habe wieder nicht genau hingesehen.

Aber was ich auch gelernt habe ist, dass es nicht die Wut selbst ist, die mich krank macht, denn sie gehört eben einfach dazu. Was mich niederringt, ist meine negative Selbstansprache nach ihr. Wenn ich mir einrede, es auf ganzer Linie verkackt und meine Kinder für immer und ewig zerstört zu haben. Oder mir meine Tränen nicht erlaube, weil ich denke, ich habe es jetzt nicht verdient zu weinen. Immer wenn ich nicht nur einen Fehler mache, sondern mir selbst diesen auch noch ewig vorhalte, kracht mein System irgendwann ganz und gar zusammen. Denn so ist das wohl, mit hochsensibler Wut: Ganz oder gar nicht.

 

Wahrnehmen, Fühlen, Loslassen und: Vergeben!

Nichts hilft dann, außer Vergebung. Und die finde ich nicht bei meinem Vierjährigen, der alles Recht der Welt auf seine eigenen Gefühle und auf sein Alleinsein hat. Ich finde sie auch nicht in meinem Mann, der durchaus sauer darüber sein darf, dass ich ihn völlig zu Unrecht zum Schuldigen ernannt habe. Sie wartet an genau einem Ort, den es nun aufzuschließen und zu betreten gilt: in mir selbst. Wir kommen keinen Schritt weiter damit, uns selbst für unsere Gefühle zu hassen – auch dann nicht, wenn sie um sich geschlagen und andere getroffen haben. Fehler geschehen und Systeme stellen auf Autopilot. Und ganz egal, ob ich nun drei Jahre meditiere oder nicht – das Leben ist nicht glatt und geradeaus, es ist holprig und schwungvoll, geht bergauf und bergab und hält Überraschungen bereit.

Naja und ganz ehrlich? Ich freue mich nicht über jedes Geschenk, das ich bekomme. Manche finde ich auch echt scheisse oder erkenne ihren Wert erst viel, viel später. Also vergebe ich mir, spreche mich selbst liebevoll und verständnisvoll an, genauso, wie ich es bei meinen Kindern tun würde und weiß, dass ich es beim nächsten Mal besser machen kann.

 

Jedes Gefühl ist eine Trainingseinheit.

Positiv stelle ich fest, dass die Situation viel kürzer gedauert hat als in der Vergangenheit, dass ich viel schneller herausgefunden habe, was eigentlich wirklich mit mir los ist und, dass ich nicht geschrien habe. Zumindest nicht D-Von an. Ich notiere mir lobend, dass ich ihn nicht festgehalten und ihm nicht wehgetan habe und viele weitere Dinge, die ich schon geschafft habe. Denn vor zwei Jahren hätte ein solcher Abend ganz, ganz anders geendet. Vor allem damit, dass ich nicht mein eigenes Wachstum registrieren und mir selbst vergeben kann, sondern in durchgeweinten, stummen und einsamen Nächten und dem Gefühl, einfach die schrecklichste Mutter der Welt zu sein.

Und du, liebe manchmal wütende Mama, du machst alles was du kannst und ich weiß das. Ich sage dir: Mach weniger. Hör auf zu ackern und zu tun, erlaube dir viel mehr zu fühlen – selbst, wenn das Wut bedeutet. Zähle nicht deine „Erfolge“ und gehe nicht so hart mit dir selbst ins Gericht. Nichts davon bringt dich oder dein Kind wirklich dahin, wo ihr hin wollt. Zusammen, in liebevoller Verbindung, in Verständnis, Geduld und vor allem dem kurzen, verständnisvollen Blick in den Spiegel, seid ihr unschlagbar. Nur so nebenbei: Behandle dich selbst doch mal, wie du dein Kind behandeln würdest. Du siehst, worauf ich hinaus will.

Ich bin überzeugt, dass wir auf genau diesem Wege wahre Gelassenheit im Umgang mit unserer Wut auf uns selbst und auf unsere Kinder erlernen können.

In diesem Sinne: Sei gut zu dir selbst.

Alles Liebe,

Deine Kathrin

6 comments

  1. Ach Kathrin. Sicher der pure Zufall, dass dieser Artikel HEUTE erscheint. Sicher Zufall, dass heute DIESER Artikel erscheint. Ich konnte heute nicht für mich sorgen. Ich hab es versucht, so gut es ging. Hab den Tragespaziergang heute nicht durch den Wald gemacht, obwohl das doch der beste Ort für Tom ist. Der Wald war mir heute zu anstrengend und zu steil. Das immerhin hab ich wahrgenommen und beachtet (immerhin durchaus ein Erfolg). Stattdessen bin ich zum Bäcker gegangen. Danach aber war Schluss mit Selbstfürsorge und auch rückblickend weiß ich einfach nicht, was ich hätte tun sollen. Es war einfach zu anstrengend, das Schreien, das nicht ablegen können, für meinen Kopf. Manchmal ist das vielleicht so mit Baby. Die Großen hab ich nicht angemeckert, obwohl ich sehr, sehr erschöpft bin heute. Das muss reichen, um in den Spiegel sehen zu können.
    Liebe!
    Mo

  2. Danke.
    Ich hab heute auch ein kleines Mädchen angeschrien. Mein kleines Mädchen. Weil sie mir zu lange gebraucht hat um den Autos auf dem Parkplatz Platz zu machen und einfach ins Auto zu steigen.
    Mein Fokus in diesem Jahr ist Selbstfürsorge. Darin bin ich nicht gut. Ich bin sehr gut darin andere Menschen anzunehmen. Gefühle anderer zu respektieren und zuzugestehen. Ich bin gut darin, möglichst viel Entlastung zu schaffen, damit es keinem zu viel wird…. Aber nicht mir selbst gegenüber und nun, mit zwei Kindern, merke ich sehr deutlich, dass diese Wut in mir genau die gleiche ist wie bei Dir. Sie will, dass ich all das für mich tue. Sie sagt das nicht mehr nett, aber dafür umso deutlicher. Wahrscheinlich würde ich sonst eh nicht auf sie hören.
    Gut, dass Du und meine Wut mich daran erinnert.

  3. Danke liebe Kathrin für diesen ehrlichen und für mich wahren Beitrag- 💖🙏 Das werde ich das nächste Mal auch mit meiner Wut versuchen- sie auf den Schoß zu setzen. 👍🏻☺️ Liebe Grüße Anna

  4. Danke Kathrin. Genau diesen Artikel habe ich heute gebraucht.

  5. Vielen Dank dir, für diese Worte!

  6. Ihr müsst Eure Kinder einfach nur erziehen anstatt zu verziehen. Aber heutzutage wollen Eltern ja die besten Freunde der Kinder sein. Verzogene und respektlose Kinder werden als „hochsensitiv“ und „hochintelligent“ betitelt, als ob Eure Kinder etwas besonderes wären. Jedes Kind ist etwas besonderes. Klare Regeln, und ab und zu eine klare Ansage ! Ich erlebe täglich im Job, dass Kinder immer respektloser werden. Oft kann ich mit Geduld, klaren Statements und viel liebevoller Zuwendung Verbesserungen erkennen, allerdings ist die Zeit, die ich in einer Familie verbringe, oft zu kurz. Ich finde AP nicht schlecht, allerdings finde ich dass manche Kinder mehr liebevolle Strenge brauchen um sich orientieren zu können.

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